Es kam, wie Karl es erwartet hatte. Gegen 10 Uhr erschien der Bürgermeister und sagte, dass der Gemeinderat die halbe Nacht beraten hätte. „Wenn ihnen das Grundstück auf dem Berg zu klein ist, so bieten wir ihnen den ganzen Berg an. Es sind 102 Hektar. Außerdem können sie noch ein kleines Haus in der Dorfmitte, allerdings ohne zusätzliches Grundstück, haben. Es ist aber ein typisches katalanisches Haus, in dem es auf jeder Etage nur ein Zimmer gibt. Um es gleich zu sagen, gibt es dort einen Eingangsbereich und zwei Etagen. Monsieur Karl , mehr können wir ihnen beim besten Willen nicht bieten. Bitte denken sie daran, dass die Gemeinde unbedingt ihre ferme für das neue Baugebiet braucht. Außerdem müssten sie sich bis zum Mittag entschieden haben, weil uns sonst alle Fristen weglaufen.“ Nachdem er das gesagt hatte, verließ der Bürgermeister die beiden. Man konnte deutlich erkennen, dass er kalten Schweiß auf der Stirn hatte. „Halt monsieur le maire , wie lautet die Adresse des Dorfhauses?“ Er nannte die Adresse, war aber von seinem Auftreten nicht überzeugt, was man ihm ansah.
„Sag einmal, was läuft denn hier gerade ab“, fragte Ilse und erhielt zur Antwort, dass Karl das alles genau so erwartet hätte.
„Als der Bürgermeister mit seinem Dreitagebart erstmals erschien, war für mich klar, dass alles nicht so schlimm werden kann. Solche Typen wollen gern als starke Männer wahrgenommen werden, sind aber in Wirklichkeit Warmduscher, also „Dreitagebartfräuleins“. Von harten Geschäftsverhandlungen verstehen sie meist gar nichts, sie wollen lediglich mehr scheinen als sein. Dass er unsere ferme braucht, war mir sofort klar. Ebenso wusste ich gleich, dass er kein ausgepuffter Verhandler sein kann. Ich wollte dich, liebe Ilse, nicht bevormunden und habe auf deine Reaktion bei der Besichtigung der refuge und des Turms gewartet. Jetzt, wo wir uns einig sind - so hoffe ich -, muss er ordentlich bezahlen.“ Ilse lächelte und sagte, dass solche jungen Männer mit ihren Dreitagebärten doch angenehm anzuschauen seien. Karl solle doch nur einmal in den Spiegel schauen und sich mit solchen hübschen jungen Männern vergleichen. „Willst du mich umtauschen?“, frotzelte Karl und sagte dann, dass man bei Geschäftsverhandlungen den Partner gleich nach dem Aussehen typisieren würde. Ihm sei bei seinen bisherigen Geschäftsverhandlungen zwar noch kein Dreitagebart begegnet, aber schlecht rasierte Männer müsse man sehr ernst nehmen, denen ist nämlich das Aussehen egal, sie wollten den Geschäftserfolg. „Aber gutaussehende und gesteylte Frauen magst du doch auch lieber als Drachen, oder?“, fragte Ilse süffisant und erhielt zur Antwort: „Mein Vater hat immer gesagt, dass es in den Notzeiten nach dem Krieg die tollsten Weiber gegeben habe. Keine von ihnen hatte Zeit und Mittel, sich hübscher zu machen, als sie war. Kaum eine besaß einen BH oder Unterwäsche, die die Unebenheiten kaschierte. Lediglich ihre ganz natürlichen Reize konnten sie zeigen und das war toll.“ „Gut, dass ich deinen Vater nicht mehr gekannt habe. Der muss ja noch schlimmer als du gewesen sein“, sagte Ilse und fragte, was man denn mit dem Haus in der Dorfmitte wolle. „Stell dir doch nur einmal vor, dass es dort oben so kalt wird, dass wir eine warme Unterkunft benötigen. Außerdem brauchen wir doch einen Internetanschluss für alle Notfälle, damit wir für den Sohnemann, der ab sofort ohne uns zurechtkommen muss, erreichbar sind“, antwortete Karl. „Aber wohnen müssen wir in diesem Haus nicht, oder?“, fragte Ilse. „Nun lass uns die Prachtvilla wenigstens von außen ansehen und danach zur marie gehen und den Bürgermeister vor dem nahenden Herzinfarkt bewahren. Nur ein Problem muss der arme Mensch noch lösen, nämlich das der Landsteuer“, sagte Karl und Ilse wollte wissen, was es mit der Landsteuer auf sich habe. „Die taxe foncière müssen wir als Grundstückseigentümer zahlen. Bei 102 Hektar könnte das ein Problem werden. Aber soviel ich weiß, setzt die Höhe dieser Steuer der Gemeinderat fest.“ Ilse staunte wieder über ihren Ehemann und sagte erneut, dass der Bürgermeister ihr schon jetzt leidtäte.
Das Haus in der Dorfmitte sah von außen recht manierlich aus. Durch das Fenster konnten beide eine Art Küche mit dahinterliegendem Wirtschaftsraum erkennen. Eine Treppe führte in das Obergeschoß. Offenbar war das Haus renoviert.
„Das sieht ja gar nicht so schlecht aus. Allerdings scheint es recht bescheiden zu sein. Na, unsere ferme ist ja auch keine Luxusvilla. Und wenn wir es nicht mehr aushalten, gibt es ja noch unser Haus in Deutschland“, stellte Ilse recht fachmännisch tuend fest und drängte zur mairie .
Im Amtszimmer des Bürgermeisters war der gesamte Gemeinderat versammelt und alle warteten.
Karl hatte ein Einsehen und sagte: „Gut meine Damen und Herren, der Deal steht. Aber unter folgenden drei Bedingungen.“
Als er das sagte, schauten ihn alle entsetzt an und befürchteten Schlimmes.
„Keine Angst, unsere Bedingungen können sie sicherlich erfüllen. Erstens wollen wir ihre Zusage, dass die taxe foncière auf Dauer gering und für uns zahlbar ist. Das Haus im Dorf müssen sie auf ihre Kosten renovieren und die Notarkosten gehen zu ihren Lasten.“ Man konnte fühlen, dass allen Ratsmitgliedern ein Stein von den Herzen fiel. Der Bürgermeister ergriff das Wort: „Die Steuerfrage wird zu ihrer Zufriedenheit geregelt, kein Problem für uns. Das Haus im Dorf ist vor einem viertel Jahr erst renoviert worden und die Notarkosten werden selbstverständlich von der Gemeinde getragen. Nur eine Frage muss noch geklärt werden. Paris reicht ein notarieller Vorvertrag. Der endgültige Vertrag kann erst geschlossen werden, wenn die Freigabe des Hypothekenbüros vorliegt.“ Karl hatte mit mehr Problemen gerechnet und sagte, dass die ferme mit keiner Hypothek belastet sei. „Wenn sie uns ihr Ehrenwort geben, dass ihre Immobilie nicht belastet ist, können wir den Notar bitten, gleich den Endvertrag zu formulieren“, sagte ein Ratsmitglied. Das war nun wirklich für Karl zu viel. „ Monsieurs et mesdames , für uns sind hiermit die Verhandlungen beendet. Ich bin es nicht gewohnt, dass man meinen Angaben nicht traut und von mir ein Ehrenwort verlangt. Ein Unternehmer, und dazu ein deutscher Unternehmer, steht zu seinem Wort, egal was passiert. Ilse, lass uns bitte gehen und weiter unsere ferme bewohnen.“ Alle im Raum waren vor Entsetzen sprachlos; auch Ilse. Monsieur le maire fand als erster wieder Worte und sagte zu Karl, der bereits an der Tür war: „ Monsieur Karl , sehen sie bitte diesem Ratsmitglied seine Manieren nach. Wir sind eine relativ kleine Gemeinde und nicht alle Ratsmitglieder haben die höhere Schule besucht. Er wollte sich nur etwas wichtigmachen.“ Auch Ilse versuchte, Karl zu beruhigen. „Na, Schwamm drüber. Auch in meinem Betrieb gibt es Mitarbeiter, die ab und zu etwas falsch machen. Zur Strafe muss die Gemeinde auch unseren Umzug in das neue Haus bewerkstelligen.“ Der Bürgermeister hätte vor Freude bald laut geschrien und zog Ilse und Karl wieder in sein Büro. Die Einzelheiten der Verträge waren schnell schriftlich niedergelegt und die Besitzübergabe auf den 15. des nächsten Monats festgesetzt. „Der notarielle Vertrag muss am Montag unterzeichnet werden“, sagte der Bürgermeister zum Abschluss; Karl hatte wegen der am Mittwoch ablaufenden Frist in Paris für die Eile Verständnis. Ilse war ebenfalls einverstanden.
Zu Hause in ihrer ferme überlegten beide, ob sie alles richtiggemacht hätten. „Was sollten wir falsch gemacht haben? Unsere jetzige Bleibe ist ja nun nicht gerade eine Nobelherberge“, sagte Karl und Ilse tröstete sich mit dem Dorfhaus, weil sie es dann nicht mehr soweit zum Einkaufen hat. Bevor sie noch weitere rechtfertigende Überlegungen anstellen konnten, rief der Sohn an und teilte mit, dass die neuen Geschäftspartner dringend um eine Vertragsergänzung nachgesucht hätten, aber nur mit dem Seniorchef verhandeln wollten. Näheres konnte der Sohn nicht mitteilen. Nur so viel, dass es um eine Änderung der Stückzahl der zu liefernden Teile und eine Teillieferung nach Rumänien ginge. „Na, dann muss ich wohl noch einmal ran“, stöhne Karl und bat darum, dass die Sekretärin einen Flug für kommenden Dienstag buchen solle. Das Treffen mit den neuen jungen Geschäftspartnern könne frühestens am Mittwoch stattfinden, weil man am Montag noch einen dringenden und wichtigen Notartermin hier in Frankreich habe. Dieser Notartermin könne auf gar keinen Fall verschoben werden, erklärte Karl zur Begründung. „Was habt ihr denn beim Notar zu erledigen?“, wollte der Sohn wissen und Karl erklärte ihm, dass man gerade einen 102 Hektar großen Pyrenäenberg gekauft habe. Der Sohn, der an einen der üblichen Witze des Vaters glaubte, erklärte nur kurz, dass er sich um Flug, Geschäftstermin und die Abholung vom Flughafen kümmern wolle. „Also dann bis Dienstag am Flughafen.“ Der Sohn hatte das Treffen mit den neuen Geschäftspartnern in einem nahegelegenen Nobelrestaurant organisiert. Karl war mit dem Treffpunkt zwar nicht einverstanden, nahm es jedoch hin. Für ihn waren die Verhandlungen als solche und nicht das Lokal wichtig. Seinen Sohn, den Juniorchef des Familienbetriebes, bat er zusammen mit dem Betriebsleiter jederzeit erreichbar zu sein, um Einzelheiten besprechen zu können.
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