„Aber du weißt auch, dass falsche Güte später unglücklich macht.“
Jetzt nahm Karl seine Ilse in den Arm und sagte, dass alles vom Preis abhinge.
„Wir können auch anderswo glücklich werden.“
Ils nickte nur und Karl rief den Bürgermeister an, der sofort sein erneutes Kommen zusagte.
„ Monsieur le maire , sie verlangen eigentlich Unmögliches von uns. Wir haben uns so sehr auf unsere Pensionszeit hier in aller Stille, ohne Nachbarn und sehr weit weg von dem Alltagstrubel gefreut. Und nun wollen sie all unsere schönen Träume zerstören. Das ist unzumutbar.“ Der Bürgermeister war von diesen Worten betroffen, hoffte aber doch noch auf eine gute Lösung; warum sonst der schnelle Anruf? „Ich kann sie sehr gut verstehen und würde bestimmt auch so, wie sie jetzt, reagieren. Aber was soll ich, beziehungsweise die Gemeinde, anderes machen? Vielleicht kann ich für sie einen höheren Preis bei der Gemeindevertretung durchsetzen.“ Karl, der alte Vertragsfuchs witterte seine Chance. „Wissen sie, der Kaufpreis ist für uns nur dann wichtig, wenn wir ein ebensolches abgelegenes Grundstück gefunden haben werden und dieses bezahlen müssen. Aber sie wissen genauso gut wie ich, dass es fast unmöglich ist, ein solches zu orten. Wir können also nur dann verkaufen, wenn wir gleichwertigen Ersatz entdeckt haben.“ Der Bürgermeister war erschrocken und verwies auf die Antragsfrist in Paris. „Ich kann sie gut verstehen, monsieur le maire . Aber bitte verstehen sie auch uns“, sagte Karl und schaute mit sich zufrieden Ilse an, die über ihn nur staunen konnte. Waren sie sich denn nicht einig, zu verkaufen? Plötzlich kam dem Bürgermeister eine Idee. „Kennen sie den tour de Sebastian oben auf dem Berg? Dort gibt es nicht nur den alten Turm, sondern auch eine Art refuge , die vom Ziegenhirt der Gemeinde bewohnt wurde. Der Ziegenhirt ist vor einem halben Jahr verstorben. Was halten sie davon, wenn ich dem Gemeinderat vorschlage, den Turm nebst der ausgebauten und bewohnbaren Schutzhütte gegen ihr Grundstück hier unten zu tauschen?“ Karl lachte laut und fragte, ob der Bürgermeister ihn auf den Arm nehmen wolle. „Nicht doch, monsieur Karl, ich meine es ernst. Kennen sie den tour de Sebastian ?“ Karl schaute seine Ehefrau an und sagte, dass er noch nie da oben gewesen sei, es ihn aber ehren würde, die refuge des Ziegenhirten der Gemeinde bewohnen zu dürfen. Nach diesen Worten fühlte sich der Bürgermeister beleidigt und sagte: „Ich schlage vor, dass sie sich morgen den tour de Sebastian nebst Ziegenhirtbett einmal ansehen und danach sprechen wir weiter; notfalls über einen anderen Kaufpreis.“ Das hat gesessen, dachte Karl und sagte zur Rettung der Situation, dass er kein Fahrzeug hätte, um auf den Berg zu fahren. „Das ist kein Problem. Wenn sie mögen, können sie morgen früh den Geländewagen der Gemeinde benutzen und allein mit madame hoch zum Turm fahren. Ich werde eine Wegbeschreibung und die Schlüssel bereitlegen. Nach der Besichtigung werden sie meinen, sicherlich etwas unglücklich vorgetragenen, Vorschlag nicht mehr als Beleidigung betrachten.“ Danach war keiner mehr beleidigt. Karl und Ilse waren mit der Besichtigung einverstanden; alle drei tranken noch eine Flasche Rotwein und der Bürgermeister verließ zuversichtlich seine Gastgeber.
Was hätte man anderes erwarten können? Der Geländewagen der Gemeinde war ein Lada Niva. Karl nahm es gelassen. Die halbe Nacht hatte er seiner Ehefrau erklärt, wie er den Kaufpreis steigern wolle; eine Fahrt in die Berge bringt Zeit und steigert die Nervosität des Bürgermeisters, resümierte er.
Die Fahrt zum Turm führte zunächst durch den Ort. Am bureau de poste mussten sie links in ein Neubaugebiet abbiegen. Hier stehen wunderschöne Häuser mit großen Terrassen und Swimmingpools. Anders als in der Dorfmitte, wo es fast nur Häuser ohne zusätzliches Grundstück gibt, haben hier die Villen ein ansehnliches Grundstück ums Haus. Keine Reihenhäuser waren zu sehen. Vormittags, und das war es jetzt, sind entweder die Fensterläden geschlossen oder Putzfrauen arbeiten. In einigen Häusern konnte man aber auch junge Frauen sehen, die mit Sicherheit keine femme de ménage sind und ihren Haushalt selbst führen.
„Hier lebt es sich bestimmt noch angenehmer als zu Hause in Deutschland“, bemerkte Ilse und dachte daran, eventuell die refuge des Ziegenhirten zu bewohnen.
Karl hatte keinen Blick für diese eigentlich sterilen Wohnanlagen und dachte lediglich daran, dass man die besten Jahre seines Lebens dem Geldverdienen opfert, um es in den minder wertvollen Jahren für eine fragwürdige Freiheit auszugeben.
Er konzentrierte sich jedoch intensiver auf die Wegbeschreibung des Bürgermeisters.
Nach der zweiten Weggabelung bog er auf einen recht gut ausgebauten Fahrweg ab, der hinauf auf die Berge führte. Jetzt kamen sich beide wie zwei Urlauber auf einer Abenteuerfahrt vor. Dieser Wirtschaftsweg war problemlos zu befahren und Karl konnte, so wie Ilse, die Aussicht und die Berghänge betrachten. Nur wenn ein gué , also ein flacher Wasserdurchlauf, zu durchfahren war, musste Karl besondere Aufmerksamkeit walten lassen. Beide überlegten, was wohl passieren würde, wenn ihnen ein anderes Fahrzeug entgegenkäme; aber es kam ja keines. Ilse fiel auf, dass einige große Steine oder auch Bäume mit farbigen Nummern versehen waren, maß diesen Markierungen aber keine besondere Bedeutung bei; wird schon einen tieferen Sinn haben, dachte sie. Nach ungefähr einer halben Stunde erreichten sie die auf der Karte eingezeichnete Weggabelung, an der sie abbiegen mussten. Der neue Weg war mit einer Schranke geschlossen. Es war nötig, selbige mit Hilfe des kleineren der drei Schlüssel, die der Bürgermeister dem Lageplan beigefügt hatte, zu öffnen. Der Weg zum Turm wurde jetzt schlechter und schwieriger zu befahren; er wurde ganz offensichtlich nicht regelmäßig gewartet. An einigen Stellen hatte das Regenwasser tiefe Furchen gegraben. Jetzt verstand Karl, warum ein 4X4 notwendig sei, um zum Turm zu kommen. Nach einer weiteren halben Stunde beschwerlicher Fahrt endete dieser Weg einhundert Meter unterhalb des Turmes. Es war erforderlich, diese Entfernung zu Fuß zu bewältigen, was Ilse etwas schwerfiel.
Wenn jemand auf dem schlecht markierten Weg, also nicht auf dem von Karl befahrenen Wirtschaftsweg, hier hoch gewandert wäre, so hätte er schon einen Fußmarsch von gut drei Stunden hinter sich. Leichterschöpft säße er bestimmt auf der Steinbank und verzehrte genüsslich seinen Proviant, schaute sich den Turm und die kleine refuge an und dächte daran, was er vor der Tour darüber gelesen hätte. Und er müsste feststellen, dass die Informationen sehr vage und nichtssagend gewesen wären; historisch nicht gefestigte Vermutungen.
Karl hingegen hatte mit dem alten Geschichtslehrer des Ortes gesprochen und erfahren, dass niemand genau wüsste, was es mit dem Turm auf sich habe. Die einen vermuten, dass er Bestandteil der Wach- und Signaltürme, die vom mallorquinischen König Jakob II.im ausgehenden 13. Jahrhundert zur Sicherung der Küste erbaut worden seien und mit dem Pyrenäenfriedendes Jahres 1659 jede strategische Bedeutung verloren hätten, gewesen sei. Diese Version könnte aber schon deshalb nicht stimmen, weil man festgestellt habe, dass der Turm erst im 18. Jahrhundert erbaut worden und viel zu niedrig sei, um als einer der untereinander in Sichtweite stehenden Signaltürme zu dienen. Auf einer sehr alten Karte, auf der alle Signaltürme eingezeichnet und mit deutlichen Linien markiert sind, war er auch nicht vermerkt. Eine militärische Aufgabe könne er auch nicht gehabt haben, weil die refuge viel zu klein sei, um Soldaten zu beherbergen. Allenfalls könnte man an einen Feuerwachturm denken. Wie dem auch sei, es gebe keinen Geschichtsverein, der sich für diesen Turm interessieren würde, um ihn zu betreuen und zu erhalten. Diese Einschätzung teile offenbar auch die Gemeindeverwaltung.
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