Als sie dies sagte, fiel ihr wieder ein, dass der französische Bürgermeister angerufen und gefragt hatte, wann man wieder einmal käme, weil viele wichtige Neuerungen wegen ihres Grundstücks zu besprechen wären.
„Vielleicht können wir ihn wegen dieses Telefonates überreden, wieder einmal nach dem alten Bauernhof am Fuße der Pyrenäen zu schauen“, sinnierte Ilse, war sich aber fast sicher, dass sie diesen Besuch allenfalls alleine vornehmen müsste.
Diesen alten katalanischen Bauernhof, den man in Südfrankreich ferme nennt, hatten sie während eines Urlaubs gekauft. Er liegt weit entfernt vom eigentlichen Dorf und besonders Karl hatte sich regelrecht in dieses Gebäude verliebt.
Das Abendessen nahmen Ilse und Karl allein in ihrer Küche ein und Ilse lenkte ganz vorsichtig das Gespräch auf Frankreich.
„Ilse, lass uns doch einfach für ein paar Tage in die ferme nach Frankreich fahren. Wir waren schon lange nicht mehr dort und außerdem könnten wir wieder einmal Wein kaufen. Nach dem erfolgreichen Vertragsabschluss kommen die hier auch mal ohne mich aus. Was hältst du davon, mon coeur ?“ Ilse war überglücklich. So leicht hatte sie es sich nicht vorgestellt, ihn zu einem Urlaub zu überreden. „Aber den entsetzlichen Mercedes besteige ich nicht mehr, soll unser Sohn damit glücklich werden. Allenfalls fahren wir mit deinem Auto.“ „Aber mein Auto ist doch recht klein und nicht gerade für eine so lange Fahrt geeignet“, erwiderte sie und schlug vor zu fliegen und vor Ort einen Mietwagen zu nehmen.
Nach diesem Abendessen hatte Ilse es sehr eilig, weil sie befürchtete, dass Karl es sich anders überlegen könnte.
Sie erinnerte sich an einen Leitspruch, den er ab und zu zum Besten gibt: „Ich lasse gern andere für mich denken; aber nur soweit, das mein selbständiges Denken nicht ausgeschlossen wird.“
Wie ein Warnsignal klang dieser Spruch in ihren Ohren und sie informierte sofort ihren Sohn und bat darum, dass die Sekretärin den nächstmöglichen Flug und den Mietwagen buchen sollte.
Ilse wunderte sich, dass Karl nicht über die Enge im Flugzeug meckerte. Selbst als die Stewardess ihm Kaffee über die Hose goss, sagte er nur, dass es nicht schlimm sei und sie sich keine Gedanken zu machen brauche. Sie schaute ihren Ehemann fragend an und er sagte ihr, dass er begriffen habe, dass es Wichtigeres als den Geschäftserfolg gebe.
„Beim Warten in der Autobahnraststätte ist mir klargeworden, dass sich heute die meisten Menschen aus reiner Unwissenheit und Verblendung mit künstlichen Sorgen überfrachten und deshalb nicht mehr in der Lage sind, die köstlichen Seiten des Lebens zu genießen. Sie suchen immer noch eine Beschleunigung. Nur so glauben sie mithalten zu können oder gar besser zu sein als die anderen. Und wenn ich alles genau betrachte, muss ich feststellen, dass unser Sohn in geschäftlichen Dingen fast schon besser ist, als ich mit all meinen vermeintlichen altersbedingten Erfahrungen. Ich bin stolz auf ihn und habe beschlossen, ihn machen zu lassen, wie er es für richtig hält.“
Ilse lächelte; ihr fehlte der Glaube, dass er sich wirklich geändert hat.
Beim Auschecken auf dem Airport in Barcelona staunte sie erneut. Karl nahm alles sehr gelassen und hatte alle Zeit der Welt, die Koffer vom Band zu nehmen und zum Ausgang zu schlendern; sie waren die Letzten, die den Ankunftsbereich verließen.
Am Schalter des Mietwagenverleihers hatte sich eine kleine Schlange von Wartenden gebildet. Er sagte ganz gelassen, dass Ilse es schon regeln würde; er warte mit dem Gepäck im Café.
Am Schalter erfuhr sie, dass es ein kleines Problem mit dem Mietwagen geben würde.
Der Pkw, den die Sekretärin geordert hatte, war nicht - oder noch nicht – verfügbar. Ilse verstand die Angestellte nicht richtig, weil diese kein Deutsch, sondern spanisch und recht eigenartig englisch sprach. Ein kleines Angstgefühl stellte sich ein, weil sie nicht wusste wie Karl reagieren würde. Aber was sollte sie machen?
„Also miete ich den Golf, aber nicht für die ursprüngliche Zeit“, erklärte Ilse kurzer Hand und erfuhr, dass es kein Problem gebe, den Mietwagen in Frankreich zu tauschen oder vorzeitig zurückzugeben.
„Das ging aber schnell“, sagte er, als Ilse zu ihm an den Stehtisch, an dem er seinen Kaffee trank, trat.
„Karl, sei nicht böse. Ich habe nur einen Golf mieten können; es gab Probleme mit der Bestellung.“
Er schaute seine Frau irritiert an und wollte wissen, was ein Golf sei.
„Na, so ein kleiner Mittelklassewagen von VW“, antwortete Ilse etwas ängstlich.
„Passen wir beide in diese Karnickelkiste rein? Wenn auch noch das Gepäck verstaut werden kann, werden wir es schon bis zu unserer ferme schaffen“, erklärte Karl wie selbstverständlich, nahm die Koffer und wollte losgehen. „Lieber Karl, vielleicht möchte deine Ehefrau auch einen Kaffee trinken. Wäre das möglich?“ Beide lachten. Er entschuldigte sich und holte am Tresen zwei Kaffee. Der Fußweg bis zum Mietwagen war nicht kurz. Am Golf angekommen, weigerte sich Karl dieses Auto zu chauffieren. Ilse hatte Angst, dass Karl in seinen alten Trott verfallen könnte und setzte sich sofort an das Steuer. Nachdem Karl auf dem Beifahrersitz platzgenommen hatte, sagte er: „Sitzt sich ja gar nicht schlecht in diesem Hühnerkäfig. Fahr los und bring uns an unser heutiges Ziel. Ich bin gespannt, welche Arbeit mich in unserer Nobelherberge in Frankreich erwartet.
2. Kapitel
Fast hätte Ilse vergessen, im Supermarkt anzuhalten und Baguette, Kaffee, Butter und Wurst für die erste Mahlzeit einzukaufen.
Sie wunderte sich noch immer über Karls Sinneswandel, der am Supermarkt nicht ausgestiegen war und geduldig wartete. Er hasste das Einkaufen, es sei denn, er musste im Baumarkt etwas besorgen.
Ilse hatte sich ganz schnell an die französischen Einkaufgewohnheiten erinnert und war zufrieden. Morgen muss ich gleich einen Großeinkauf starten, nahm sie sich vor und kehrte zum Mietwagen zurück.
Der Anblick der ferme war ernüchternd. Beide waren vor mehr als einem Jahr das letzte Mal hier. Das Unkraut vor dem Eingang war fast einen halben Meter hoch und alles sah trostlos aus. Ilse überlegte einen kurzen Moment, ob sie nicht vorschlagen solle, ein oder zwei Tage im Hotel zu übernachten und tagsüber hier Ordnung zu schaffen. Karl hingegen war zufrieden, ging zur Haustür und öffnete selbige. „Oh mein Gott, hier muss aber ordentlich gelüftet werden“, sagte er und begann alle Fenster zu öffnen. „Meine arme Ilse, da hast du aber ordentlich zu putzen“, waren seine nächsten Worte. „Bevor ich die Koffer hole, werde ich uns erst einmal einen Weg mit der Sense bahnen.“ Wie selbstverständlich öffnete er das Stallgebäude, holte eine Sense heraus und begann mit der Wegbahnung. Ilse staunte nur noch; so kannte sie ihren Ehemann nicht. Sie lüftete sofort die Betten und putzte das Bad. Entgegen ihrer sonstigen Art war sie dabei recht großzügig, um nicht aus ihrem „Karl-Traum“ zu erwachen. „Karl, die Küche schaffe ich nicht so schnell. Was hältst du davon, wenn du draußen die eben gekauften Würstchen grillst. Wein haben wir genügend. Ich mache in der Zeit schnell die Küche fertig und beim Abendessen, draußen im Unkraut, genießen wir den Sonnenuntergang.“ „Das ist eine wunderbare Idee. Ich wollte schon lange einmal wie ein Tramp leben; wenn auch nur für ein oder zwei Tage. Als ich frierend und durstig in der Raststätte auf dich wartete und all die Reisenden beobachtete, dachte ich, dass ein und derselbe Gegenstand für die einen notwendig, für den anderen Luxus, für wieder einen anderen gar völlig unbekannt ist. Und in meiner Situation stellte ich mir vor, wie wohl ein Tramp das alles sehen würde.“ „Aber duschen werden wir wohl vor dem Schlafengehen, oder?“, fragte Ilse mit einem verschmitzten Lächeln und erhielt zur Antwort: „Na, wenn es unbedingt sein muss.“
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