Der Amir nahm Lauro ins Auge. Der hielt und erwiderte reglos den Blick:
„So, so, ein ausgebildeter Krieger bist du also?“ wandte sich der Amir mit deutlich erkennbarer Skepsis und zweifelndem Ton zu Lauro, obwohl er dessen Befähigung schon beim ersten Blick auf den Jungkrieger erkannte. Auftritt und Haltung ließen eigentlich keinen Zweifel zu. Dann schoss unerwartet, aber blitzschnell und durchaus mit der Absicht Schaden anzurichten, seine Faust in dessen Magenregion.
Der handelte nicht bewusst oder überlegt. Drei Jahre harter Ausbildung zahlten sich aus. Instinktiv die antrainierte Reaktion. Seine gekreuzten Unterarme fingen den Hieb ab und machten ihn unwirksam. Eine gleichzeitige flinke Wendung seitwärts, und der Amir taumelte mit der Wucht seines Schlages ins Leere. Im Schwung seines heftigen Angriffes wäre er auf seinem Bauch gelandet, hätte ihn nicht Lauro, auch zu seiner eigenen Verblüffung, wie ein Karnickel am Kragen des Wamses gepackt und so den Sturz verhindert.
Grinsend richtete sich der Amir auf. Anerkennend ließ er seine mächtige Pranke auf Lauros Rücken sausen, dass dem die Luft weg blieb. Einerseits Strafe für die Berührung des Anführers durch den Sklaven, andererseits Dank für die Verhinderung des Sturzes. Und schließlich respektvolle Anerkennung der instinktiven wirkungsvollen Blitz Reaktion:
„Du hast Recht, Abdallah“, räumte er diesem gnädig ein. „Jetzt weiß ich es. Du hast einen brauchbaren Krieger im Gefolge. Ich teile euch beide meinem Unter-Kaid Ibrahim zu. Ihr reitet mit ihm auf Erkundung. Aufbruch morgen früh, wenn der erste Hahn kräht. Ihr werdet die drei Dörfer im Gebirgstal des Rio Lorte, nordöstlich von Sadaba erkunden. Ich will wissen, wie wir den Bewohnern die Flucht in die Berge abschneiden können, und wo sie ihre Zufluchtshöhlen haben. Rückmeldung mit euren Erfolgen in 10 Tagen. UND, Abdallah! Ibrahim hat diesen Auftrag. Er ist euer Kaid! Ich erwarte von dir und Lauro bedingungslosen Gehorsam!“
„Schon wieder so ein Mahn- und Meckergreis, genau wie mein Alter!“ So dachte sich Abdallah das nur. Er sagte es wohlweislich nicht laut. Stattdessen zuckte er stramm mit dem Kopf. Mit einigem guten Willen konnte man darin eine angedeutete Verneigung erkennen. Dann schaltete er wieder jenen gut eingeübten Brustton der Überzeugung ein und spielte Papagei:
„Ibrahim ist unser Kaid!“ schmetterte er in den Raum. Des Amirs Gesicht zeigte wie sein Körper nicht die geringste Regung. Die arrogante, wenn auch verdeckte Provokation war ihm nicht entgangen. Scheinbar gleichmütig entließ er die beiden mit lässiger Handbewegung.
„Bei dem Bürschlein bin ich auf alles gefasst! Wandte er sich an Ibrahim. „Nimm den ja mit äußerster Vorsicht unter deine Fittiche und halt ihn dort unter Kontrolle!“ Ibrahim nickte nur. Die beiden verstanden sich längst auch ohne viele Worte.
***
8. Kapitel: Aufklärung und Erkundung
Der Trupp dieser fünf Rastreros ritt zwei Tage später im ersten Morgenlicht aus dem Alkazar von Sadaba. Hinaus gings, ins die Ischibanya, ins Niemandsland. Zur grenzenlosen Enttäuschung der angehenden, vorher noch so stolzen Chassa, wurde ihnen befohlen, ihre so sorgfältig ausgesuchten Pferde im Stall zu lassen. Pferdespuren und Pferde“äpfel“ konnten Verdacht auslösen. Maultiere waren auch bei den Basken überall im Einsatz und daher unverdächtig. Ihre hohe Erwartung geknickt aber hatte der Befehl, ihre hoffeine Bekleidung gegen abgenutzte alte Bauernkittel der Basken auszutauschen. Formlose Röhrenhosen, ausgefranste Hemden, dazu die traditionelle baskische Wolljoppe, aus roher Schafswolle gestrickt. Alles flicken- und Löcher übersäte, wenn auch sauber gewaschene Lumpenkleidung. Dass selbst der Kaid Ibrahim diese Tarnkleidung trug, tröstete die stolzen Jungkrieger nicht. So hatten sie sich ihre erste Feind-Unternehmung nicht vorgestellt.
Ibrahim ließ sie die Marschformation im Feindesland einnehmen. 100 m voraus ritt Faruk. Nach weiteren 100 m folgte ihm Abid. Wie Ibrahim hatte sie von früheren Unternehmungen her eine ungefähre Vorstellung vom Gelände. Nochmals 100 m später kam der Haupttrupp. Die Abstände weiteten sich bis zu 1000 Metern in offenem Gelände. Sie schrumpften im Wald auf weniger. Die vorausreitenden Späher sollten frühzeitig eine drohende Begegnung entdecken, und die anderen warnen ohne selbst erkannt zu werden. Anfangs hatten sie in weitem Bogen nach Westen ausgeholt, um unentdeckt ins Tal zu gelangen.
Gegen Mittag erreichten sie die beginnende linke Talwand. Mühsam arbeiteten sie sich durch dichtes Gestrüpp in die lichtere Zone des Hochwaldes hinauf. Durch diesen ritten sie nun, dem Verlauf der Felsenhöhen folgend und im Wald geschützt, ins obere Tal.
Abends, im letzten hellen Licht, schlugen sie hoch am Steilhang ihr Standlager auf. Ein winziger Bach brach aus einer Felsenklamm hervor. Der gab den Trunk für Mensch und Maultiere ab. Die standen oder lagen fest angeleint unter den Bäumen und fraßen das Gestrüpp. Kalte Speisen aus den Satteltaschen mussten ihren Reitern als Mahlzeiten genügen.
Vom nächsten Morgen bis zum Abenddunkel saßen je zwei von ihnen abwechselnd höher in einem Ausguck. Ein mächtiger alter Baum gab ihnen Deckung. Das gesamt Tal lag mit seinen drei Dörfern unter ihnen. Jede Bewegung dort ließ sich deutlich bewerten.
Drei Tag lang saßen Abdallah und Laur mit im Versteck und langweilten sich. Abdallah schaffte es schon am zweiten Tage nicht mehr, seinen Unmut über die erzwungene Aktionslosigkeit zurückzuhalten. Ärgerlich stieß er hervor:
„Wenn doch nur endlich die Razzia losbrechen würde!“
„Ach Abdallah, du bist noch zu nass hinter den Ohren. Das ist keine Razzia. Das wird nur eine kleine Strafaktion. Auf deine erste echte Razzia wirst du noch eine Weile warten müssen. Nimm es gelassen! Als erstes realistisches Üben ist es Gold wert für euch. Umfassendes Training ist der halbe Erfolg. Was ihr richtig eingeübt habt, gelingt im Ernstfall umso besser.“
Das war Ibrahim.
„Und du, hast du schon mal eine echte Razzia geritten?“
„Nein, ich bin auch noch immer im Training“
„Woher willst du dann wissen, was eine echte Razzia ist“ begehrte Abdallah auf.
„Aus den Erzählungen meines Vaters! Der kam schon im Jahre 89 der Hidjra, dem Jahr, dass die Ungläubigen 711 n.Chr. nennen, bei der zweiten Razzia nach Al-Andalus. Er folgte Tariq ibn Ziyad und seinen 7000 Murabitun von Ifriqiya herüber und blieb.
Er ritt neben ihm in die Schlacht an der Laguna Janda, wo sie das Heer der Westgoten vernichteten. Aus der Beute schenkte ihm Tariq eine westgotische Prinzessin, die er zu seiner Umm machte. Sie blieb sein Leben lang seine Hauptfrau, und wurde so meine Mutter.“
„Gleich wirst du noch behaupten, dein Vater habe den Westgotenkönig Roderich in jener Schlacht erschlagen!“ Der maliziöse Unterton war nicht zu überhören. Ibrahim überging den gelassen.
„Nun, du hast ja wohl genug Lektionen auf deinem Bildungspfad erhalten. Dir ist wohl bekannt, dass diese Frage niemand beantworten kann. König Roderich ging auf dem Schlachtfeld unter. Seine Leiche wurde nicht entdeckt.“
„Und so ruhmreich war diese Schlacht ja auch nicht für Tariq und deinen Vater! Roderich wurde von seinem halben Heer verraten. Seine Gotengrafen liefen zu uns über! Sie unterwarfen sich, und leisteten Tariq den Treueid, den sie zuvor gegenüber König Roderich gebrochen!“ ätzte Abdallah.
„Na siehst du, du wusstest das schon. Ein grandioser Sieg war es nicht, aber ein ertragreicher, und das ist der Sinn einer Razzia. Al-Andalus gehörte fortan uns. Dadurch sind wir reich und mächtig geworden. Aber seine richtige, und die wichtigste Razzia ritt er im Jahre 110, das die Ungläubigen 732 n.Chr. nennen. Er zog mit Abderrahman al-Ghafiqi ins Land der Franken.“
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