Die Franken verfolgten sie nicht. Sie hatten wohl Angst, die Schildkröte aufzuheben. Sie standen und schliefen noch einen vollen Tag in ihrem Kot. Ruhmsüchtig machten sie daraus eine „Schlacht zur Rettung des Abendlandes“. Sie hatten einige Dutzend ihrer Krieger verloren, und knapp hundert wurden verwundet. Entweder hat doch so mancher unserer Pfeile sein Ziel gefunden, oder sie sind in ihrer eigenen Jauche erstunken! Darüber haben wir oft gekichert, und keines unsere Geschichtsbücher erzählt davon. Das war doch nur ein belangloses Scharmützel. Knapp 200 Mann hatten wir verloren. Denn in den Tagen nach dem Treffen starb noch mancher verwundete Krieger. Aber das war auf einer Razzia diesen Ausmaßes ganz normal.“
Vom Bann seiner eigenen Erzählung mitgerissen, hielt er sinnend inne. Und schon hakte Abdallah, der ebenso Vorlaute und Arrogante, wieder ein:
„Und das nennst du die ertragreichste Razzia? Na warte ab, die werde erst ich dann reiten, wenn meine Zeit gekommen ist“
„Vorlauter Grünschnabel!“ schnaubte Ibrahim, „das war nur der Beginn der Razzia. Von den Franken unbelästigt, ritten sie weitere 2 Jahre durch Ost- und Südfranken, und durch das Tal der Rhone hinauf in die Schweiz, an den Genfer See! Sie plünderten Toulouse und Narbonne, Avignon, Nimes und Arles, dazu Dutzende Kleinstädte. Die geplünderten Dörfer waren gar nicht mehr zu zählen! Und sie hatten gelernt. Aus den heimgesuchten Regionen wanderten endlos die Sklavenkarawanen an den Hof in Cordoba. Die jungen Weiber und Männer ächzten unter der Last von Gold und Silber aus den unglaublich reichen Kirchen und Klöstern, den Kaufhäusern und Patrizierpalästen dieser Regionen.
Erst nach vollen 3 Jahren ritten sie nach Hause. Der Emir in Cordoba überschüttete sie alle mit einem Teil des Goldes aus der Beute, und machte jeden der Rückkehrer reich! So, und seid ihr zwei dran mit der Beobachtung der Dörfer - Ablösung!“
Nur zögerlich lösten sich die Jungen aus dem Bann der Erzählung. Aus dem Gehörten zog jeder einen anderen, jeder seinen eigenen Entschluss. Aber beide hielten ihre Gedanken geheim in ihrem Kopf.
Die drei Tage hatten genügt. Alles Bemerkenswerte war erfasst. Derselbe Weg brachte sie unentdeckt nach Sadaba zurück. Das lag wie im Dornröschenschlaf. So wie sie es beim Aufbruch zurückgelassen hatten.
Ungeduldig und unmutig rückte sich Abdallah im Sattel zurecht. Er hatte sich im ungefügen Holzsattel des Maultieres einen bestimmten Körperteil wund geritten. Ärgerlich wandte er sich an Ibrahim. „Warum zum Scheiten ist die Truppe noch nicht da? Wie lange soll diese Trödelei denn noch andauern? Wenn das so weitergeht, sind wir erst im Winter in den Dörfern!“
„Wäre gar nicht so verkehrt“, meinte Ibrahim leichthin, „denn dann wäre in den Dörfern richtig was zu holen. Aber du liegst in deinem Übereifer mal wieder voll daneben. Der Amir ist längst mit seine Truppe hier!“
„So, so!“ triefte der Bursche Ironie. „Wo bitte siehst du die? Kann es ein, dass Allah dem Amir die Gnade der Unsichtbarkeit verliehen hat?“
„Damit liegst du heute zum ersten Male richtig“ raunzte der Kaid zurück, „Der Amir sitzt garantiert im Turm, hat uns lange schon im Blick, und die Truppe nahebei in einem Tal versteckt.“ Und nach kurzer Kunstpause, mit hohntriefender Stimme: „Du Naseweis hättest natürlich den Weiler besetzt. Das wäre deine direkte Botschaft an die Baskendörfer. Die wüssten jetzt schon, was auf sie zukommen wird. Warum glaubst du wohl, warum beim Überfall auf Sadaba nur geraubt wurde, aber keinem Dorfbewohner ein Haar gekrümmt? Unter ihrer christlichen Tünche steckt immer auch ein halber oder ganzer Baske oder eine Baskin. Die sind alle miteinander verwandt!“
Während Abdallah die verbale Abreibung wieder einmal zutiefst gekränkt hinnahm, ritten sie durch das Tor in den Hof des Alkazars.
„Da steht der Amir schon im Turmaufgang und winkt mir. Ich muss sofort Meldung machen. Hier Abdallah, nimm die Zügel meines Reitesels. Den darfst du für mich versorgen! “ vollendete er dessen Demütigung.
Den wütenden Tritt in den Bauch des Maultieres, den Abdallah hinter seinen Rücken dem unschuldigen Halbesel verpasste, sah er nicht. Das Tier nahm den Tritt gelassen hin! Ganz so als ob es wüsste, dass es den nur stellvertretend erdulden musste. Er hatte seinen Herren gegolten.
Ibrahim sah das Gesicht des Amirs und wusste, sein Bericht wurde ungeduldig erwartet. Nach kurzem Gruß legte er los. Präzise, kurz und prägnant meldet er:
„Drei Dörfer sind es im Tal des Rio Lorte. Sie liegen nebeneinander in Reihe, auf einem Zwischenplateau. Mit 18 Häusern ist Leache das Hauptdorf. Es liegt in der Mitte. Einen halben Farsach ostwärts Sada mit 11, und Aibar mit 8 Häusern ¾ Farsach westlich. Müssten also knapp 200 Basken sein, davon rund 5o wehrfähig. Sind völlig unbekümmert. Haben keine Ahnung. Kaum Vieh in den Dörfern. Nur einige Milchkühe bei den Häusern. Die Weideflächen stehen hoch im Gras. Sie machen gerade Heu. Keine Fluchthöhle entdeckt. Mit 50 Mann kann ich das Tal oberhalb der Dörfer abriegeln. Der Rest der Truppe kann die Dörfer gleichzeitig von unten her frontal einnehmen. Wenn meine Männer sich dann offen zeigen, werden sie nicht mehr flüchten wollen. Es kann keiner entkommen.“
„Gut, dann keine Sekunde verzögern.“
„Faruk! Brüllte er in den Hof. „Reite los und hol die Truppe ins Dorf!“
„Ali!“ wandte er sich an den Kaid des Alkazars, der neben ihnen im Turm stand, „jag deine Murabitun vor das Dorf. Riegele es nach Nordosten ab. Ausgangssperre! Kein Dorfbewohner darf in den nächsten 12 Stunden Sadaba verlassen!“
„Ibrahim, so wie die ersten 50 Krieger da sind, reitest du mit denen los. Keine Rast darüber hinaus! Die beiden Burschen nimmst du auch mit. Die müssen richtig rangenommen werden. Reite sie zu, wie störrische Wallache. Was du zu tun hast, hast du eben selbst vorgeschlagen. Wir folgen in 3 Stunden, und besetzen die Dörfer morgen im ersten Tageslicht.“
***
9. Kapitel: Die Beute schlief
Alles verlief nach Plan. Nachts wurden die Dörfer umstellt. Im ersten Tageslicht schlugen die Muslime zu. Die im Schlaf überraschten Dörfer fielen ohne Widerstand. Niemand entkam. Einige Basken leisteten Widerstand. Andere versuchten zu flüchten. Die einen wurden niedergemacht, die anderen eingefangen. Die Kleinkinder wurden allesamt gekeult. Nur wenige Erwachsene kamen zu schaden. Der Amir hatte jede Tötung ohne Anlass rigoros verboten. Er ließ sämtliche Gefangenen im Hauptdorf in den Dorfpferch treiben. Sie wurden wie Vieh nach Geschlecht und Alter sortiert und gezählt. Apathisch ergeben kauerten sie auf dem Rasen. Knapp 200, das waren weniger als erwartet.
Sämtliche Häuser wurden gründlich nach Beute durchstöbert. Alle möglichen Verstecke aufgespürt und geleert. Was des Mitnehmens wert war, türmte sich neben dem Brunnen im Zentrum. Dorthin rief der Amir seine Unterführer zum Kriegsrat. Abdallah und Lauro wurden dazubefohlen.
Eine Weile starrte der Amir stumm sie alle an. Dann brach der Sturm los:
„Das war zu einfach! Da stimmt was nicht! Das stinkt!“ brüllte er. „Nicht ein Silber-Dirham in drei Dörfern! Genau 17 Kupferlinge das einzige Geld. Wenn ich damit dem Emir komme, schenkt der mir die Seidenschnur!
Kein Vieh weit und breit! Die Kornkästen fast leer! Das Getreide noch grün auf dem Halm! Wenn unser gnädiger Emir nicht unfehlbar wäre, würde ich sagen, er hat uns in den April geschickt! Der Herbst ist die Zeit für eine Razzia. Erst nach der Ernte kommt unsere Erntezeit, wenn was zu holen ist! Nicht im Spätsommer, wenn selbst die Basken darben! Kein Wunder, dass diese Sadaba überfielen! Die hatten ja selbst nicht mehr viel zu beißen!“ Puterrot im Gesicht, ging ihm die Luft für eine weitere Tirade aus. Eine Minute des Schweigens folgte, dann hatte er nicht nur wieder Luft, er hatte auch seine Fassung wiedergewonnen. Mit mehr Mäßigung fuhr er fort:
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