Misstrauisch verzog Abdallah sein Gesicht. „Wenn ich das alles richtig verstanden habe, bist du nicht nur der Sohn einer gotischen Christin, sondern auch eines verfluchten Syrers von der Mordbande der Abbasiden, die in Damaskus unseren heiligen Kalifen und sein Geschlecht der Omajjaden fast ausgerottet haben. Wie kommt es, dass unser Emir Abderrahman in Cordoba, den Allah beschützen möge, dir nicht den Kopf abschlagen ließ? Seit 10 Jahren herrscht er über Al-Andalus und ist der letzte der Omajjaden! Wie hast du es hinbekommen, unserer Blutrache zu entgehen?“
„Sag mal, du Naseweis! Hat dir der Alim nicht beigebracht, erst den Verstand einzuschalten, ehe du dein übergroßes Maul aufreißt? Nun, die Antwort liegt doch auf der Hand, du geistiger Fußsoldat! Mein Vater war kein Syrer. Er gehörte zu der Streitmacht der Yemeniten. Die stellten neben den Berbern die Eroberer von Al-Andalus. Er stammt aus dem Hadramaut. Dort war er siebter Sohn eines Stammeskönigs. Sein Erbe wäre eine Hand voll Sand in der Wüste gewesen. Er zog es vor, dem Ruf zu folgen. Eine Hundertschaft junger Wüstenkrieger seines Vaters folgte ihm in den Westen, nach Ifriqija. Er kam gerade richtig, um Al-Andalus mit zu erobern und hier sein Glück zu machen.“
„Nun, so viel Glück scheint er wohl nicht gehabt zu haben. Du bist doch nur ein armer Kaid für kleine Räubereien!“
Hochrot ob des vorherigen Hohnes und der ihm damit zugefügten Schmach ließ der Junge seiner Zunge allzu freien Lauf. Das hätte ihm auch einen Fausthieb oder noch weit Schlimmeres einbringen können. Schon so mancher war an so einem Satz gestorben.
Der Kaid erwies sich als klüger. Gelassen ging er darauf ein:
„Tja, da hast du Recht. Ich bin auch nur ein fünfter Sohn. Mein ältester Bruder Talib herrscht über das Wilayat von Valladolid im Westen, das mein Vater dem Gotengrafen Theodomir samt dessen Grafentochter wegnahm. Damals hat mein Vater unseren Amir entdeckt. Der war nur einfacher Krieger vom Berberstamme der Banu Quasi. Vater nahm ihn als Maula unter seine Fittiche, seinen Klienten. Manche nennen das auch einen „Mawali“. Heute bin ich Maula oder Mawali, also Ziehsohn des Amirs. Spätestens nach meiner ersten Razzia werde ich ein Kaid, und so Allah will, bald ein Amir sein.“
„Mit Sicherheit nicht!“ dachte Lauro, „lange vorher werde ich unauffällig mit dir abgerechnet haben. Ich weiß noch nicht wie. Der Baskenrache entgehst du auf jeden Fall nicht!“ Aber er saß schweigsam und unauffällig im Hintergrund der Runde, hörte zu und sammelte Informationen.
Abdallah hingegen dachte bei sich: „Was für ein Dummkopf! Nur vier Brüder zwischen sich und dem Thron! Wäre ich an seiner Stelle, wäre einer nach dem anderen unauffällig verstorben. Heute säße ich als Emir des Wilayates im Alkazar von Valladolid. Stattdessen spielt der Idiot hier den Truppführer. Der und Amir? Keine Chance! Ehe der aufwacht, hab ich ihm den Posten weggeschnappt! Der wird sich wundern, wie ich ihn dann herumkommandiere!“
Solche Gedanken stimmten ihn lustvoll friedlich. Scheinbar freundlich bat er:
„Nun, dann erzähl uns von der Razzia deines Abu ins Land der Franken! Davon hat mir unser faqi im Unterricht nichts erzählt.“
Ibrahim ließ ihn nicht weiter bitten. Zu gern erzählte er von alten Zeiten, und den Taten seines ruhmsüchtigen Geschlechtes.
„Es war im Jahre 110 der Hidjra oder 732 n.Chr., da befahl in Cordoba der Herrscher von Al-Andalus seinem Kaid Abderrahman al-Ghafiqi, eine Truppe von mehreren Tausend Reitern zur Razzia ins Frankenland zu führen. Sie wurde zur ertragsreichsten in Al-Andalus, und blieb es bis zum heutigen Tage.
Er sammelte seine Reitertruppe in Pamplona, das die Basken Irunea nennen. Mein Abu führte ihm 400 seiner besten Reiter zu. Darunter meine beiden ältesten Brüder. Ich wurde erst nach der Razzia geboren. Aber noch heute klingen mir die Ohren von den Erzählungen der drei. Die ritten als Vorhut. Sie überquerten wie immer den Pass Roncesvalles und brachen hinab ins Land der Franken. Sie jagten ohne Halt durch die Dörfer. Die glaubten sich verschont und blieben doch nur für den Rückritt aufgehoben. Nur des Abends schlossen sie einige größere davon ein, und nahmen die zum als Nachtquartier. Sie mussten sich ja Nahrung beschaffen. Morgens, wenn sie weiter ritten, waren ihre Satteltaschen und ihre Bäuche voll gefüllt. Die der dörflichen Weiber aber auch!
Sie ereichten in Windeseile die Stadt Poitiers und fanden die Tore geschlossen. Ohne sich aufzuhalten, ritten sie beidseits da-ran vorbei. Ihr Ziel war Tours, die größte Stadt der Region. Da lockte die reichste Beute. Sie nahmen die alte und gut gepflasterte Via Mediolanum unter die Hufe, die alte Römerstraße, die beide Städte noch immer verbindet. Sie verläuft auf einem Höhenrücken. Der ist vor Tours beidseits vom tief eingeschnittenen Flussbett des gekrümmten Rio Indre begrenzt, der bei Tours in die mächtigere Loire mündet. Diese Stadt im Norden, noch nie von uns besucht, sollte der Höhe- und Wendepunkt der Razzia sein. Auf dem Rückritt wollten sie dann halb Frankenland bis zu den Pyrenäen abernten. Sie haben Tours nie erreicht. Sie haben es noch nicht einmal von Ferne gesehen.
Karl Martell, der Hofmeier der Merowinger Könige, hatte den in Eisen gehüllten Heerbann der fränkischen Fußkrieger quer über Straße und Höhe gelegt, an beiden Flanken durch den Abgrund geschützt. Fünf Glieder tief standen sein Fußvolk. Die Formation hatten sie den Römern abgeguckt, als sie denen die Provinz Gallien wegnahmen. Die nannten das die „Schildkröte“! Das erste Glied kniete Kante an Kante hinter den mannshohen Kampfschildern des fränkischen Fußvolkes. Zwischen ihnen ragten ihre langen Lanzen in Richtung der Unseren. Die Enden saßen in Erdlöchern. Das zweite Glied verankerte diese mit einem Fuß darüber. Wer da draufritt, wurde zum Schaschlik. Gleichzeitig hielten die im zweiten Glied ihre Schilde schräg über die des ersten Gliedes. Die folgenden stemmten ihre Schilder zum geschlossenen Wall über Kopf.
Unsere preschten heran und überschütteten die Franken aus sicherer Entfernung mit einem Pfeilhagel. Die Schildkröte sah danach eher aus wie ein Igel, aber das wars dann auch. Unsere strömten zurück und schlugen ein Standlager in den zurückliegenden Dörfern auf, die leider alle geräumt worden waren. Ewig konnten sich die Franken ja nicht dort aufgebaut halten. Auch die mussten essen und schlafen. Sowie sie sich auflösten, waren sie verloren. Doch die Franken bewiesen, dass sie es konnten!
Volle sechs Tage standen sie so. Unsere täglichen Pfeilangriffe taten sie ab, wie der Hund die Flöhe. Wie sie es schafften, dort zu bleiben, zu essen, zu trinken und ihre Bedürfnisse zu erledigen, wissen nur die, die in ihren Reihen standen. Die müssen bis zu den Knöcheln in Fäkalien gestanden, und nachts darin geschlafen haben. Es braucht wohl einen Franken, um sechs Tage lang den Gestank zu ertragen. Aber genau das taten sie! Der Sheitan muss ihnen das geraten haben. Eher wohl ihre westgotischen Gaugrafen. Die hatten ihre Erfahrung teuer erkauft. Nur verlustreiche Niederlagen hatten sie von uns in offener Feldschlacht erfahren. Martell, der schlaue, nahm ihre Ratschläge ernst. Er pflegte auf Rat zu hören!
Hast du zugehört, Abdallah???“
Der saß voll im Bann der Erzählung und zuckte mit keiner Wimper.
„Am Vormittag des siebten Tages verlor Abderrahman seine Geduld. Er befahl, in geschlossenem Galopp die dünne Front der Franken zu durchbrechen. Genau darauf hatte Martell so lange gewartet. So wie die unseren auf die Auflösung seiner Schildkröte. Er gewann. Weil er die schlimmste Abwehrwaffe besaß, die je einer unserer Gegner bisher angewandt hatte. Als die Unsrigen nahe genug herangaloppiert waren, brach aus dem Frankenheer ein Gewittersturm von Tausenden Franciscas her-vor. Das ist ein leichtes Wurfbeil aus Metall. Ähnlich einem Hagel von Bumerangs, aber solchen, die nicht zurückkehren, krachten diese Werkzeuge des Sheitans mit schreckerregendem Heulen in die Reihen der Unsrigen. Deren leichte Reiterschilde hielten meist dem Einschlag nicht stand. Weit über 100 fielen tot vom Pferd. Darunter der oberkommandierende Kaid Abder-rahman. Hunderte weiterer Krieger waren verletzt. Mein Vater und die anderen Kaids befahlen den Abbruch. Sie trabten zurück in die Lagerdörfer, versorgten die Verwundeten. Viele mussten für den sofort folgenden Weiterritt auf ihr Reittier gebunden werden. Sie stopften die wertvollste Beute zum dürftigen Proviant, den sie noch besaßen, in die Satteltaschen, Noch am selben Nachmittag ritten sie nach Südosten davon. Die Hälfte des bisherigen Raubes blieb zurück. Ebenso die gesamte Sklavenbeute. Was solls? Im jedem kommenden Dorf oder Städtchen waren Weiber und ihre Töchter im Überfluss zu haben. Es lohnte nicht, sie auf einen raschen Ritt mitzunehmen. Sie hätten den Razzia Ritt nur behindert.
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