1 ...7 8 9 11 12 13 ...25 Letzte Blicke nach unten und zu den Seiten der Felswand bestätigten ihr, dass es nur einen Weg gab: nach oben. Bérénice seufzte und tastete mit beiden Händen nach einem sicheren Halt … und stutzte.
Was ist das denn für ein komisches Zeug? Das ist doch kein normaler Fels.
Sie nahm ihre Hände wieder von der Wand zurück und drückte mit einem Finger auf das, was von der Farbe her wie ganz gewöhnlicher Granit aussah. Doch ihr Finger drang in das Material ein. Nicht viel, aber spür- und sichtbar. Bérénice drückte unterschiedlich stark und mal kürzer, mal länger. Sie schaffte nicht mehr als einige Millimeter. Und wenige Augenblicke nach ihren Vorstößen glätteten sich die Druckstellen wieder und zeigten die Oberfläche wie zuvor. Mehr oder weniger unbewusst zog sie das Messer aus dem Beinfutteral und wollte es schon an dem Zeug ausprobieren, als sie plötzlich innehielt. Die Klinge schwebte nur einen Fingerbreit über der gummiartigen Oberfläche. Aus einem inneren Impuls heraus verzichtete sie jedoch auf den Einsatz des Messers und tastete wieder nach brauchbaren Lücken in dem seltsamen Massiv.
Irgendwie putzig, bei dem Zeug an massiv zu denken, schmunzelte sie und fand endlich, wonach sie gesucht hatte. Mit beiden Händen zog sie abwechselnd an den Griffstellen und beurteilte sie als brauchbar. Dann steckte sie die Spitze ihres linken Fußes in einen Tritt auf Höhe ihrer Knie und zog sich nach oben.
Die Trooperin hatte sehr vorsichtig und kräfteschonend ein ansehnliches Stück der Kletterpartie hinter sich gebracht. Trotz des anhaltend frischen Windes traten ihr die ersten Schweißtropfen auf die Stirn.
Und ich dachte immer, eine Spacetrooperin zu sein, hätte etwas mit dem Weltraum zu tun. Stattdessen jagen die mich über die verrückteste Gebirgswand, die ich je gesehen habe. Bin nur gespannt, wo sie diesen Scheiß-Button versteckt haben. Dann stoppte sie ihre Kletterei, um zu verschnaufen und die Bereiche über und seitlich von sich nach irgendwelchen Hinweisen absuchen zu können. Dass sie jetzt schon den leuchtenden Button finden könnte, glaubte sie indes nicht wirklich. Das wäre euch sicher zu einfach, was Jungs? Mittlerweile hatte sie eine Stelle des Berges erreicht, wo er nicht mehr senkrecht nach oben ragte, sondern sich in einem Winkel von circa 70° neigte. Besser als anders herum … ich habe keine Lust auf Überhänge.
Bérénice wollte gerade ihren Aufstieg fortsetzen, als von ihrer Stirn ein Schweißtropfen auf den Fels unmittelbar vor ihr fiel. Sie hatte sich längst so auf das Bergsteigen konzentriert, dass die ungewöhnliche Beschaffenheit der Oberfläche ein wenig ihrer Aufmerksamkeit entglitten war. Jetzt drängte sie sich allerdings mit Macht zurück. Denn nur wenige Zentimeter neben der Stelle, wo ihr Schweißtropfen aufgeschlagen war, stülpte sich ein tentakelähnliches Ding aus der Wand und saugte den Tropfen – so schien es ihr zumindest – gierig ein.
Was zur Hölle?
Bevor sie es verhindern konnte, fielen zwei weitere Tropfen herab und sofort bildete sich der Rüssel erneut aus. Fasziniert beobachtete Bérénice, wie er zielsicher den Schweiß einsammelte und wieder verschwand. Die Trooperin war so verblüfft, dass sie vergaß, weiter zu klettern.
Dann geschahen zwei Dinge gleichzeitig.
Mitten im Fels erschien ein Auge und blinzelte sie an. Dazu knirschte es weit über ihr und eine Ahnung nahenden Unheils nistete sich in der Haitianerin ein. Ihr Kopf ruckte nach oben. Aber noch stürzten ihr weder Splitter noch Steinbrocken entgegen. Dann fiel ihr Blick erneut auf das suchende Auge. Es glich dem einer irdischen Flunder und rollte ein wenig hin und her, so als wolle es nach weiteren Tropfen der begehrten Flüssigkeit Ausschau halten. Bérénice mochte es gar nicht, wenn ihr ein unbekanntes Tier – denn nichts anderes konnte es sein – so nahe war und machte daher einige rasche, dennoch überlegte Klimmzüge nach oben. Die Anstrengung trieb neue Schweißtropfen aus ihren Poren und diese fielen prompt auf Stellen des Felsens, an denen weitere dieser hervorragend getarnten Tiere hafteten, denn neue Augen glotzen ihr nach.
Aus dem Knirschen über ihr wurde ein Grummeln, das sich auch in einem leichten Erbeben in der Wand vor ihr äußerte.
Scheiße, wenn jetzt eine Steinlawine abgeht, dann wars das.
Sie schüttelte stumm den Kopf und schleuderte damit mehrere salzige Tropfen von sich. Die Reaktion war, dass sich fünf oder sechs Pseudopodien ausbildeten, welche die offensichtlich hochwillkommene Spende aufsaugten. Fasziniert beobachtete die Trooperin die Haut der Auswölbungen. Sie glich, wie der Rest der immer noch fast unsichtbaren Tiere, dem Felsen, hatte jedoch Hunderte kleiner Spitzen, die wie Reibeisen oder sehr grobes Sandpapier aussahen.
Spontan griff Bérénice mit einer Hand nach einem der Saugrüssel, packte ihn fest und zog mit aller Kraft daran. Das dazugehörige Auge glotzte sie zwar vorwurfsvoll an, doch das Tier bewegte sich keinen Millimeter. Weder auf sie zu … noch löste es sich von der Wand. Im Gegenteil: Es schien die Berührung als Bedrohung aufzufassen und die Trooperin glaubte zu sehen, wie sich das Tier noch fester an den Felsen saugte.
Das wären bessere Klettergriffe als die Risse und Spalten im Fels, die ich erst suchen muss …
Wie eine Aufforderung krachte es über ihr, gefolgt von einem deutlichen Zittern der Felswand.
Na, gut. Dann schwitz mal schön, Mädchen!
Dachte es, pustete ein wenig Schweiß von ihrer Oberlippe und Nase und verfolgte das Spiel von auftauchenden Saugern und Augen knapp über und seitlich von ihr. Mit zunehmendem Unbehagen vernahm Bérénice weiteres Knirschen und Krachen von oben.
Soll das die Prüfung darstellen?, dachte sie und unterbrach kurz ihre Anstrengungen. Soll ich mich diesen Wesen anvertrauen?
Sie warf einen Blick über sich und sah erste Partikel herabstürzen. Gottlob gehörte zu ihrem Trainingskampfanzug ein Helm, der sie wenigstens vor kleineren Geschossen schützen würde.
Aber nicht vor Brocken über Faustgröße! Ergo macht der Weg nach oben keinen Sinn. Wieder schätzte sie ihre Chancen ab. Links oder rechts? Wie kann ich wissen, ob sich auf beiden Seiten … Steinsauger befinden?
Sie löste ihre Linke aus dem sicheren Griff, wischte sich damit ein wenig Schweiß von der Stirn und schnippte ihn auf die Felswand der gleichen Seite. Nur zwei Podien bildeten sich aus und verschwanden wieder, kaum dass sie die Spende aufgenommen hatten. Bérénice wiederholte den Test auf der rechten Seite und sah, wie sich über ein halbes Dutzend der Tiere enttarnten . Zwei wandten sich ihr sogar neugierig zu und glotzten sie scheinbar auffordernd an.
Na schön, dachte sie wieder und zog die Hand zurück, um neuen Schweiß aufnehmen zu können. Gerade rechtzeitig. Denn ein kopfgroßer Brocken stürzte lautlos so dicht an ihr vorbei, dass er ihr die Hand zerschlagen hätte, hätte sie diese nicht bewegt gehabt. Ein wahrer Regen kleinerer Steinchen folgte dem Brocken, genauso lautlos wie dieser. Plötzlich knackte es markerschütternd über ihr und Rauschen und Poltern kündigten ihren Tod in Form ungezählter steinerner Mörder an.
Bérénice zögerte nun nicht mehr, sondern packte einen der Auswüchse der neugierigen Lebewesen und rüttelte daran. Bombenfest. Mit geübten Bewegungen fanden ihre Füße Halt und ihre Hände einen Saugrüssel nach dem anderen. Mittlerweile prasselten ständig Sand und Steinchen auf sie nieder, immer wieder ergänzt durch größer werdende Geschosse. Mehrmals schlugen Bruchstücke auf ihren Helm und ihre leidlich geschützten Schultern. Jeder Schlag trieb ihr neuen Schweiß aus den Poren.
Nur zu, Berg. Wenn du mich töten willst, dann musst du dich wirklich anstrengen.
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