1 ...8 9 10 12 13 14 ...25 Bérénice war mehr zufällig dazu übergegangen, mit einem Finger nur wenige Schweißtropfen von ihrem Gesicht oder ihrer Stirn aufzunehmen, und sie leicht auf eine Stelle zu tippen, die in ihrer Greifweite lag. Jedes Mal stülpte sich ein Rüssel empor, dem sie nun keine Zeit mehr ließ, die Tropfen aufzunehmen, sondern packte, sobald er seine volle Länge erreicht hatte. Das Tempo, das sie dabei erzielte, ließ sie innerlich erschaudern und unterstützte ihre Schweißproduktion.
Ich bewege mich an der Wand entlang, wie ein Affe im Urwald mit Lianen. Eine uralte Legende über einen nur mit Lendenschurz bekleideten Waisen in einem Dschungel der Erde fiel ihr ein, der sich angeblich mit einem grellen Schrei und Schwüngen von Liane zu Liane fortbewegt haben soll. Und als wolle sie das Schicksal verspotten, schrie sie schmerzerfüllt auf, als ihr ein messerscharfer Splitter den rechten Unterarm zur Hälfte, aber nicht tief, aufschlitzte und ihr Blut auf den Felsen spritzte. Bérénice keuchte, besah sich die Wunde und registrierte nüchtern, dass diese zwar unangenehm war, sie aber erfreulicherweise nicht merklich behinderte oder gar gefährdete. Mit zusammengebissenen Zähnen setzte sie ihren Weg seitwärts fort und vermerkte mit stiller Genugtuung, dass sie sich vom Strom der herabstürzenden Steine entfernte. Sie vernahm immer noch Krachen und Rumpeln, das sogar noch zunahm. Doch alles geschah hinter ihr.
Sie gönnte sich ein paar Sekunden Pause, in denen sie Atem holte und sich die Wunde nah vor die Augen hielt. Der Schnitt entließ beständig Blut, und wieder war sie der Meinung, dass sie schon ganz andere Verletzungen erlitten und weggesteckt hatte. Sie wollte schon weiterklettern, als ihr Blick nach unten fiel. Doch das, was sie jetzt sah, hätte sie beinahe ihren Halt verlieren lassen.
Drei, nein, vier Steinsauger hatten ihre Pseudopodien ausgebildet und auf sie gerichtet. Dazu stierten sie deren Augen mit einem Ausdruck an, wie ein Gourmet ein köstliches Mittagsmahl. Als wäre das noch nicht genug, krochen die Viecher mit wellenartigen Bewegungen auf sie zu! Augenblicklich erkannte Bérénice, was dafür verantwortlich war.
Mein Blut! Und nur eine Sekunde danach: Blut enthält Salz. Ihre Gedanken überschlugen sich. Vielleicht ist ihnen das Blut sogar wichtiger. Denn allein das Salz meines Schweißes hat sie nicht dazu bewegt, sich vom Felsen zu lösen. Selbst der Steinschlag hindert sie jetzt nicht daran, sich mir zu nähern.
Sie hatte keine Lust, sich auszumalen, was die Steinsauger – sie war versucht, sie nun Blutsauger zu nennen – mit ihr anstellen würden, hätten diese sie erst einmal erreicht.
Den Gefallen tue ich euch nicht, beschloss sie lautlos, schnappte sich einen salzgierigen Rüssel und schwang sich ein Stück weiter. Erneut fand sie in ihren Rhythmus aus tippen, greifen und fortbewegen. Mit einem kurzen Blick registrierte sie, dass die Blutsauger unter ihr sie hartnäckig verfolgten, aber mit jedem ihrer Schwünge weiter zurückblieben.
Wäre ja noch schöner gewesen, wenn ihr mich hättet einholen können.
Doch dann fand ihr Optimismus ein rapides Ende. Ihr gerade abgegebener Fingertipp samt Schweißtropfen förderte keinen Saugrüssel zutage. Sie versuchte es an einer anderen Stelle … ohne Erfolg. Offensichtlich hatte sie einen Abschnitt des Berges erreicht, an dem es keine Steinsauger gab.
Scheiße!
Ein rascher Blick zeigte ihr, dass sich von unten mittlerweile nicht weniger als ein Dutzend Steinsauger näherten, sie jedoch erst in zehn Minuten erreichen würde, bliebe sie an dieser Stelle.
Aber das werde ich nicht tun, meine lieben Tierchen. Dann klettere ich halt auf die klassische Weise weiter …
Das beängstigend auf- und abschwellende Knirschen weit hinter ihr entlud sich plötzlich mit einem gewaltigen Schlag und der Fels vor ihr zersprang mit einem ohrenbetäubenden Bersten. Mehr im Reflex krallte sie sich mit aller Macht fest an die Wand. Gerade rechtzeitig. Ein meterdicker Spalt öffnete sich und Staubwolken wogten daraus hervor. Bérénice hustete und spuckte. Ihre Augen füllten sich mit Staub und brannten wie Feuer. Wenn sie ihre Hände von dem zitternden Felsen hätte lösen können, hätte sie sich die Augenhöhlen wund gerieben. So blieb ihr nur, die Augen zusammenzukneifen und ihnen mit den Gott sei Dank heftig austretenden Tränen leidlich Linderung zu verschaffen. Als sie erschreckend große Steine und Felsbrocken an sich vorbeizischen hörte, war sie gezwungen, die Lider wieder zu öffnen. Zwischen Schleiern aus Staub und Tränen glaubte sie, in dem Spalt vor ihr einen farbigen Fleck wahrzunehmen.
Das bilde ich mir nur ein. Die können doch nicht …
Und doch war es so. Der Kontrollbutton schälte sich orange und verheißend aus dem anhaltenden Schauer herabstürzender Steine und Staub hervor, als könne ihn nichts erschüttern.
Wie soll ich da hinüberkommen? Genau dort geht die Lawine nieder …
Und unter ihr rückten die Steinsauger immer näher. So flach, wie sie sich auf der Felswand bewegten, schienen sie vor den herabstürzenden Felsen keine Angst haben zu müssen.
Eineinhalb, vielleicht zwei Meter … ich habe keine Wahl. Ich muss einen Halt finden!
Ihr Gesicht war längst mit einer Schicht aus Schweiß und Staub verklebt. Sie bezweifelte, dass sie damit einen Steinsauger zu einem Rüssel würde verleiten können. Eine Suche im Trommelfeuer aus Gestein und Splittern erschien ihr ebenfalls ein zu gefährliches – weil zu langsames – Wagnis.
Also springen …
Bérénice schloss für einen Wimpernschlag erneut die Augen, bewegte anschließend die Lider und Wangenmuskeln, um die Tränen bestmöglich auszunutzen und klarere Sicht zu erlangen. Dann atmete sie tief ein, spannte kontrolliert ihre Muskeln, visierte ihr Ziel an …
… und sprang.
Ihre Finger krallten sich in erschreckend schmale Ritzen, rutschten ab, rissen sich die Kuppen blutig und fanden erneut unsicheren Halt. Mit ihren Beinen über dem Abgrund baumelnd, konzentrierte sich die Trooperin darauf, all ihre verbliebene Kraft in ihre Hände zu verlegen, während ihre Füße verzweifelt nach Nischen suchten, die dem Körper Stabilität bieten könnten. Als einer ihrer Füße endlich einen brauchbaren Tritt fand, stöhnte sie auf und lehnte sich eng an die kalte Felswand. Den Helm ebenfalls dicht an den Berg gepresst, ertrug sie die ständigen Schläge aufprallender Steine. Sicher würde ihr Körper dutzende Hämatome zeigen, würde sie jemals wieder die Chance haben, sich in einem Spiegel betrachten zu können.
Wenn ich überlebe …
Bérénice spuckte ein Gemisch aus Staub, Blut und Speichel aus. Sie hatte sich beim Aufprall die Lippen zerbissen, ohne es zu bemerken. Wieder holte sie tief Luft und öffnete die Augen. Der Button leuchtete einen halben Meter über ihr aus der Wand und wirkte dabei so fremd und fehl am Platz, wie man es sich nur vorstellen konnte. Bérénice zwang sich, ihren Kopf zu senken, und kletterte blind um sich tastend nach oben. Erst als ihr Helm an den Button stieß, hielt sie an und hob ihre Faust.
Wehe, Jungs, wenn ich mal einen von euch in die Finger bekomme …, dachte sie und drosch den Button so fest in die Fassung, dass es knirschte.
Mitten im All öffnete sich ein Loch und spie kurz hintereinander zwei Objekte aus dem Ultraraum wieder in das Universum, das die Menschheit den Einsteinraum nennt. Die von beiden Raumschiffen verursachten Schockwellen flauten rasch ab, ihre Nachwirkungen ließen jedoch beide Crews vor Schmerzen aufstöhnen. Und noch etwas hatten sie gemeinsam: Es waren kleine Spionageschiffe mit nur je einer Handvoll Besatzungsmitgliedern. Damit endeten aber auch schon die Ähnlichkeiten.
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