Die Besatzung der MATA HARI ahnte nicht, dass sie verfolgt wurde. Schon gar nicht von einem Raumschiff, das völlig unsichtbar für ihre biologischen und elektronischen Augen war.
An Bord der GHOST, dem getarnten zweiten Schiff, kneteten Mister Green, Miss Silver und die drei anderen Menschen ihre Nacken und Glieder wie eine sich auf einen Auftritt vorbereitende Balletttruppe. Die vorgeschriebenen Atem- und Körperübungen waren ihnen wie den meisten Raumfahrern der Menschheit längst so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie in der Lage waren, dabei die wichtigsten Daten der vielfältigen Sensoren abzulesen.
»Das ist jetzt der siebte Sprung durch den Ultraraum«, begann Miss Silver und Green hörte in ihrer Stimme die mühsam unterdrückte Pein mitschwingen.
»Bis zum Planeten Samboll sind es mindestens noch mal so viele, wenn sie die Sprünge weiterhin so kurz hält«, antwortete Green leise und beendete seine Übungen als Erster. Es war klar, wen er mit sie meinte. Und als er den Namen des Planeten nannte, flammte auch seine – gelinde ausgedrückt – Verstimmung über den Umstand auf, dass seine Vorgesetzten nur die Positionen der Planeten Samboll und Carbon freigegeben hatten. Aber in Savoys Bericht mussten auch die Koordinaten der deutlich interessanteren Himmelskörper gewesen sein: die von Eternity und Violetta III. Gerade Letzterer war für den Terranischen Geheimdienst und die Regierung der Föderation eminent wichtig. Ein bislang unbekannter Werftplanet der Mazzar schrie förmlich danach, von den Menschen untersucht zu werden. Egal, ob nun zaghafter Friede zwischen der Menschheit und dem Reich Mazzar bestand oder nicht. Dass selbst ihm diese Daten verweigert wurden, schürte zu einem guten Teil seinen Verdacht, dass innerhalb des Geheimdienstes, vielleicht sogar mit Teilen der Regierung, eine unbekannte Gruppierung eigene Pläne hatte.
»Sir …« Die deutlich elend klingende Stimme eines kleinen Mannes an den Kontrollpulten vor Green brach ab. Ihr Besitzer nahm einen hastigen Schluck aus einer bereitstehenden Flasche, welche ein Vitamingetränk enthielt, das mit Aufputschmitteln versehen war. Green erkannte dies an der leicht bläulichen Färbung der Flüssigkeit. Der Mix wurde von vielen Raumfahrern verwendet, und die Ärzte hatten nichts gegen den Gebrauch einzuwenden. Green lehnte solche Dinge jedoch ab.
»Ja, Mister Brown?«
»Ich registriere mehrere hundert Raumschiffe in einem Sonnensystem ein halbes Lichtjahr über uns, Sir. Die Koordinaten …«
»Was für Raumschiffe?«, unterbrach ihn Green, erhob sich aus seinem Andrucksessel und ging die wenigen Schritte zum Posten Browns. Mit raschem Blick überflog der Kommandant die Datenströme. »Sehen aus wie Mazzarschiffe …«
Der kleine Mann brach seine Entspannungsübungen sofort ab, als er bemerkte, dass sein Vorgesetzter hinter ihn getreten war. »Sie scheinen in ein Gefecht verwickelt zu sein, Sir.« Dabei deutete er auf das Battle-Scene-Display. »Multiple Signale für Raumtorpedos … eindeutig mazzarisch.«
»Gegen wen kämpfen sie? Unsere Leute oder gegen diese geheimnisvollen Hydren? Wäre interessant, eine Schlacht zu verfolgen, die …«
Brown schüttelte den Kopf und wies auf detailliertere Daten, die nun über die Monitore scrollten. »Weder noch, Sir. Es sieht so aus, als kämpften dort ausschließlich Schiffe der Mazzar.«
Green wollte gerade die Worte des Mannes als Blödsinn zurückweisen, als er selbst die Messwerte ablas und die Rückschlüsse seines Ortungsspezialisten nur bestätigen konnte. »Mazzar gegen Mazzar …«, begann er und warf einen eiligen Blick auf das bevorzugte Objekt ihrer Mission. Die MATA HARI trieb wie sie mit der Geschwindigkeit durch das All, die sie seit dem Austritt aus dem Ultraraum beibehalten hatte. Ganz offensichtlich hatte man dort die Schlacht ebenfalls bemerkt und stellte sich wohl ähnliche Fragen wie die Menschen an Bord der GHOST.
»Was im Namen aller Götter des Alls soll das nun wieder bedeuten?«, sprudelte Miss Silver dazwischen. Sie atmete erleichtert aus, als ihre letzten Körperzuckungen verebbten und sie sich merklich entspannter in ihren Andrucksessel zurückfallen lassen konnte. »Wenn sich die Mazzar untereinander bekriegen – aus welchem Grund auch immer , wer sagt uns dann, dass sie den Frieden mit uns ernst meinen?« Die Frage war nur logisch.
Green trat zu seinem Sitz zurück und ließ sich darauf nieder. Er hob eine Hand an sein Kinn und begann es mit den Fingern zu kneten. »Haben Sie schon vergessen, Miss Silver, dass die Kolonialkriege der Menschheit noch gar nicht so lange zurückliegen? Mich interessiert eher, ob dies ein schon vorhandener Konflikt ist … oder ein neuer.«
Er starrte auf die Darstellung auf dem Frontbildschirm, auf den Mister Brown eine computeranimierte Szene projiziert hatte, welche die Daten in bewegte Objekte umgewandelt zeigte. Natürlich waren sie für eine direkte optische Erfassung der Schlacht noch zu weit entfernt. Doch auch dieses Bild genügte, um Green und die anderen Agenten an Bord Unbehagen empfinden zu lassen.
»Menschen gegen Mazzar … Sambolli gegen Menschen … Mazzar gegen Hydren … Mazzar gegen Mazzar«, murmelte Mister Green und dunkle Wolken schienen sich plötzlich auf sein Gesicht herabzusenken.
Jeder gegen jeden, dachte er finster und hoffte inbrünstig, dass es in Zukunft nicht wieder lauten könnte: Menschen gegen Menschen.
»Wir bleiben an Trooperin Savoy dran, Mister Magenta«, erteilte er seinem Piloten den Befehl. »Wir können uns jetzt nicht um interne Fragen des Mazzar-Reiches kümmern. So spannend es auch wäre, den Grund für diese Schlacht herauszufinden.«
»Aye, Sir«, bestätigte der etwas korpulente Mann im Sitz neben Brown. Green wusste, dass die beiden ein lang aufeinander eingespieltes Team bildeten. Genau deswegen hatte er sie seiner Mannschaft zugefügt. Ihre körperlichen Unterschiede hatten ihnen die Spitznamen Dick und Doof eingehandelt, was natürlich nicht der Realität entsprach. Beide waren durchaus intelligente und vor allem kompetente Agenten.
Und gefährlich, rief sich Green ins Gedächtnis. Ich habe schon oft mit beiden gearbeitet. Trotzdem muss ich auch sie neu bewerten.
»Die MATA HARI ändert ihren Kurs, Sir«, stieß Brown plötzlich hervor. »Sie steuert auf die Schlacht zu.«
»Was?« Green war versucht, sich wieder aus seinem Andrucksessel zu erheben, zwang sich aber, sitzen zu bleiben. »Was zur Hölle will sie dort?« Er erwartete von niemandem eine Antwort und ärgerte sich insgeheim, dass er seinen Gedanken akustisch freien Lauf gelassen hatte. Ich muss mich besser unter Kontrolle haben, ermahnte er sich stumm. Dann schob sich das Bild einer schwarzhäutigen Frau vor die Szene der fernen Raumschlacht. Und ich muss zugestehen, dass ich Black Ice nicht mehr kenne. Die Ereignisse der letzten beiden Jahre haben sie verändert. Sie ist unberechenbar geworden. Als er den Flug ihres – natürlich immer noch im Tarnmodus fliegenden Schiffes verfolgte, drängte sich eine neue Frage nach vorn: Habe ich sie je wirklich gekannt?
Die Frau, an die Mister Green gerade dachte, schüttelte ihren Kopf und wandte sich an die beiden Pazifisten. »Können Sie das erklären, Siyoss? Oder Sie, Bozadd? Wer kämpft dort gegeneinander?«
Siyoss ließ ihre Zunge aus dem Mund schnellen und von links nach rechts gleiten, was so viel wie Ich-bin-mir-nicht-sicher bedeutete. Bérénice hatte die Geste schon öfter gesehen und mittlerweile lesen gelernt. »Sie haben keine Ahnung, nicht wahr?«
Die Mazzarfrau blinzelte einmal rasch mit ihren Nickhäuten, der allgemeinen Geste für Zustimmung. Bozadd hingegen starrte auf den Frontbildschirm und schien anderer Meinung zu sein. Als er sich Bérénice, Naya und Siyoss zuwandte, sahen selbst die Menschen in seinen Augen Verzweiflung aufschimmern. »Auf keinen Fall Pazifisten«, betonte er und warf einen raschen Blick auf seine Parteigefährtin. »Aber vielleicht haben sich … radikalere Flügel der Traditionalisten und der Modernisten entschlossen, die immer spürbarer werdende Stagnation unseres Volkes aufzubrechen. Leider mit dem dümmsten Mittel, das man dafür einsetzen kann.«
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