»Nun, ja … stimmt schon. Der Krieg mag in diesem Sektor der Milchstraße beendet sein. Aber das All ist verdammt groß. Ich kann mir vorstellen, dass wir auf Mazzar stoßen könnten, die davon noch nichts mitbekommen haben.«
»Dann muss ich sie also immer noch als feindlich einstufen?«
»Ja … und nein.« Bérénice ahnte, dass es nicht nur für ihn schwierig sein würde, zwischen friedlichen und feindseligen Mazzar – und deren Verbündeten – unterscheiden zu können.
»Mit dieser Antwort kann ich nichts anfangen, Agentin Savoy. Spezifizieren Sie.«
»Das kann ich nicht … zumindest nicht generell. Du wirst mich in diesem Punkt beobachten oder auf mich hören müssen. Wenn ich schieße, schießt du auch, okay? Zumindest Siyoss und Bozadd sind keine Feinde, verstanden? Und ich hoffe, wir werden noch auf viele Pazifisten stoßen. Du erkennst sie an ihrem Zeichen.«
»Natürlich, Agentin Savoy. Wann werden wir starten?«
»Heute … du kannst mich gleich begleiten, Freitag.« Dann wandte sie sich um und sah den Techniker in einem Abstand zu ihnen stehen, der ausreichend respektvoll, aber in Hörweite war. »Ich hatte unlängst nach einem Vorrat an Munition für Freitag gefragt, Sir. Wurde der schon auf mein Schiff gebracht?«
Der Mann trat ein paar Schritte auf sie zu und wieder sah sie seine Bewunderung für sie in seinen Augen aufleuchten. »Selbstverständlich, Madam. Unsere Kollegen vom Depot haben schon vor einigen Stunden mitgeteilt, dass ein Ausrüstungspaket B-III-Alpha vor Ihr Schiff gebracht wurde. Ihre … Kollegin Naya nahm es in Empfang. Die Beladung wurde allerdings von Kerlen des Geheimdienstes durchgeführt. Niemand sonst darf das Schiff betreten.« Er kniff seinen Mund zusammen und machte ein Gesicht, das eine gehörige Portion Neugier zeigte, gemischt mit einem deutlich geringeren Anteil von Verständnis. »Was gäbe ich dafür, mit Ihnen durch das All fliegen zu dürfen, Agentin Savoy. Ihnen gehört sogar ein BEHEMOTH der Klasse III … und ein Mazzar-Spionageschiff! Was für ein aufregendes Leben Sie führen. Ich bin nur ein langweiliger Robo-Techniker; immer an Bord eines Raumschiffes.«
Sie bot ihm ihre Hand an und er ergriff sie überrascht. »Glauben Sie mir, Techniker …«, sie warf einen kurzen Blick auf sein Namensschild, »Quentin: Ich wünschte mir, es wäre deutlich weniger aufregend … und tödlich. Ich habe viele Freunde verloren.« Sie löste ihre Hand aus seiner und wandte sich ab.
Freitag folgte ihr und alle Techniker in der Halle sahen dem ungleichen Paar hinterher. Nur der Roboter hörte ihre leis gesprochenen Worte, erwiderte aber nichts darauf.
»Und jetzt fliege ich dorthin, wo noch welche sein müssen.«
»Sie hat sich ihren Roboter geholt und trägt auch ihr Schwert wieder.« Der Stimme der Frau war anzuhören, dass sie nur ungern zugeben würde, dass auch im 24. Jahrhundert eine so antiquiert wirkende Waffe ihre Vorteile hatte. Nur mühsam konnte die Besitzerin der Stimme ihre Ungeduld unterdrücken. »Sie ist startbereit. Wir sollten uns ebenfalls an Bord unseres Schiffes begeben, Mister Green. Schließlich wollen wir sie nicht schon zu Beginn verlieren.«
»Das werden wir nicht, Miss Silver«, klang die dunkle Stimme des Mannes auf, an den ihre Worte gerichtet waren. Er trat näher an die Kanzelscheibe des Hangar-Meisters heran und blickte zusammen mit der Frau in die Tiefe der riesigen Halle. Mehr als dreißig kleinere Raumschiffe standen dort in Reih und Glied, umgeben vom Gewimmel aus Wartungstechnikern, Lastrobotern, Mannschaften und anderem Personal. Mittendrin der Hangar-Meister, der es sich offensichtlich leisten konnte, seinen Aussichtsposten immer wieder durch Präsenz am Ort des Geschehens tauschen zu können. Der Rest des Kanzelpersonals war zu beschäftigt und zu weit von dem Paar entfernt, um dessen Gespräch mithören zu können.
Nur ein Schiff passte nicht so recht in das Bild aus Ordnung und kontrolliertem Durcheinander. Es war das einzige Mazzar-Raumschiff im Hangar und vermutlich momentan auch das einzige im ganzen Laurin-System. Und genau das ärgerte den Mann, der wie seine Begleiterin in einfache Straßenkleidung gehüllt war. Nicht, dass er wünschte, es würden sich mehr Raumschiffe der Mazzar in der Kernregion der Terranischen Föderation aufhalten, nein. Aber er hätte es niemals dieser Frau überlassen, der er nicht völlig vertraute. Nicht mehr vertraute. Er hätte es lieber gesehen, wenn sich dem Schiff ganze Horden von Schiffsingenieuren und Technikern des Geheimdienstes gewidmet hätten. Es bis zur letzten Schraube – wenn es denn solche überhaupt besaß zerlegt, analysiert und wieder zusammengebaut hätten. Aber nein, die Admiralität und das Oberste Gericht der Föderation hatten es Bérénice Savoy überlassen. Natürlich kannte er sie und bewunderte sie für das, was sie erlebt, überlebt und geleistet hatte. Aber er vertraute ihr eben nicht.
Es war für ihn ein Leichtes gewesen, die Genehmigung für eine Mission zu erhalten, die er selbst vorgeschlagen hatte. Auch einige seiner Vorgesetzten teilten seine Bedenken. Erst recht, weil eine ihrer Agentinnen – ehemaligen Agentinnen – einen Mann aus den eigenen Reihen umgebracht hatte. Ob nun in Notwehr oder nicht, interessierte offenbar die Hälfte der Geheimdienstführung nicht. Ihn dagegen umso mehr. Er hatte Hinweise entdeckt, die in ihm den Verdacht hatten aufkommen lassen, dass es eine Gruppierung innerhalb des Geheimdienstes gab, die eigene – nicht offizielle oder von der Terranischen Regierung genehmigte – Ziele verfolgte. Und nach seiner ureigenen Meinung spielte Bérénice Savoy darin eine Rolle. Ob nun bewusst oder unbewusst: Das war für Mister Green die spannende Frage. Er hatte zwar ein Gefühl, doch auf Gefühle allein wollte er sich nicht verlassen. Also hatte er seine persönlichen Beweggründe für diese Mission für sich behalten. Nicht eines der Besatzungsmitglieder dieses Geheimdienstschiffes wusste von seinen wahren Plänen. Auch nicht seine rechte Hand, Miss Silver.
Ich muss ganz von vorne beginnen, dachte er und beobachtete, wie ein BEHEMOTH in Begleitung zweier Frauen in Trooper-Uniformen den Hangar betrat und mit ihnen auf das Spionageschiff der Mazzar zuging. Selbst aus dieser Entfernung sah der Geheimdienstmann den goldenen Blitz auf dem Rücken des Kampfroboters. Der BEHEMOTH betrat das Schiff, die beiden Trooperinnen unschwer an der schwarzen Haut als Bérénice Savoy und den roten Locken als deren rigelianische Freundin Naya erkennbar blieben noch davor stehen und unterhielten sich mit zwei Männern der Hangar-Crew. Jeder könnte zu dieser Clique gehören. Wenigstens kann sich Savoy auf ihren Roboter und die Rigelianerin verlassen.
Mister Green war ein alter Hase des Terranischen Geheimdienstes und in wenigen Jahren würde er seinen mehr als wohlverdienten Ruhestand antreten.
Aber nicht bevor ich herausgefunden habe, wer Bérénice Savoy umbringen will. Und vor allem: warum?
Was ihn ebenfalls zwischen Hoffnung und Misstrauen schwanken ließ, war, dass Savoy zwei Mazzar bei sich hatte. Es fiel ihm immer noch schwer, die Feinde vieler Jahre jetzt als Verbündete, ja sogar als Freunde im Kampf gegen diese mysteriösen Hydren zu betrachten. Und noch etwas beschäftigte ihn: Die Psychologen des Geheimdienstes stritten wie übrigens auch ihre zivilen Kollegen über die Frage, ob diese neue, dritte Partei innerhalb der Mazzar-Gesellschaft, diese sogenannten Pazifisten, eine vernachlässigbare und kurzfristige Erscheinung darstellte oder zu nachhaltigen Veränderungen im Verhalten der Mazzar führen würde. Vom grundsätzlichen Verständnis der außerirdischen Psychologie einmal ganz abgesehen.
Ergo hatte Mister Green die Erlaubnis bekommen, mit dem neuesten Schiffsmodell der Menschheit – einem Chamäleon samt einer kleinen Besatzung, der schwarzen Amazone auf den Fersen zu bleiben. Der Frau, die ihren Namen Black Ice auch durch ihn und seine damalige Bewertung erhalten hatte.
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