Nach diesem Malheur erhob ich mich ebenfalls und forderte Melody zum Tanz auf. Wir wagten sogar einen improvisierten Tango zusammen, was auf dem Rücken zweier Schildkröten gar nicht so einfach ist. Steh-Tango. Aber sehr ausdrucksstark. Ich hatte noch tagelang Rückenschmerzen davon. Der Discjockey spielte für uns, was auch immer wir uns wünschten. Irgendwann sank das Fräulein in meine Arme und schlummerte ein. Ganz Gentleman, deckte ich die Schlafende mit meinem Jackett zu, anstatt ihre Lage auszunutzen. Sie hatte sich wie eine Katze auf dem Panzer ihres Reittieres zusammengerollt. Olof schien zu verstehen – und brachte seine Passagierin in eine ruhige Ecke des Salons. Ich hingegen wurde weitergetragen während der Regen unaufhörlich gegen die Scheiben prasselte.
Der bärtige Theologe, von dem ich mir eigentlich flammende Vorträge über den Weltuntergang erwartet hatte, saß sanft lächelnd neben der runderneuerten OP-Beauty Königin. Sein Lächeln hatte dabei jedoch auch noch etwas anderes. War es Debilität oder Schwachsinn. Meine Erinnerung daran ist hier sehr nebulös. Was mir meine Erinnerung jedoch glasklar wiedergibt ist die Szene, in der er ihre Hand hielt. Ein für mich überraschendes Ergebnis. Geradezu schockierend. Enttäuschend. Auch von der Dame mit dem Schönheitswahn hatte ich mir etwas anderes erwartet. Die beiden schienen sich wortlos zu verstehen und versanken immer tiefer in den Augen des Gegenübers. Beängstigend harmonisch. Ich war froh in dieser Gesellschaft nicht mehr Zeit verbringen zu müssen. Ihre Schildkröten verhielten sich entsprechend zurückhaltend. Rosemarie Nitribitt hielt die Augen geschlossen und hatte den Kopf fast eingezogen. Ich war froh, dass sie das Gesicht ihrer Besucherin nicht sehen konnte, über das ihr doch schon bei der Jurierung einen solchen Schrecken eingejagt hatte. Und John F. Kennedy ertrug ungerührt alles um ihn herum. Er ignorierte die Gäste und widmete sich statt dessen ganz den Resten des Menüs, das ihm eine ganz außerordentlich reizende Servicekraft zukommen lies. Er genoss diese Sonderbehandlung sichtlich. Zwischen den Gängen verfolgte sein Blick gedankenverloren die surrenden Wolken an der Zimmerdecke. Diese spezielle Dame arbeitet übrigens mittlerweile für mich und meine Schildkröten. Es ist sehr schwierig gutes Personal zu finden. Da gilt es jede Gelegenheit zu nutzen!
Im weiteren Verlauf des Abends wurden mir zwei Mitglieder der Triathlonstaffel entgegen getragen. Ihr Zustand war bemerkenswert. Sie hingen quer über den Panzer ihrer Schildkröten. Ein Mitleid erregender Anblick. Einer der beiden hatte mit den Resten eines Langostini-Spießes seine blonde Mähne in eine Art Hochsteckfrisur verwandelt. Die Staffel schien ihr Treffen im Wintergarten für ein Trinkgelage genutzt zu haben. Möglicherweise hatte sich ein Wettstreit entwickelt. Völlig haltlos hatten sie sich über den servierten Champagner hergemacht. Dass sie auch die gereichten Speisen nicht verschmäht hatten, konnte man an ihren bunt verkleckerten Oberhemden sehen, die ihnen aus den Hosen gerutscht waren. Dies ermöglichte zwar einen Blick auf ihre wohlgeformten Muskeln, verbesserte aber in keiner Weise den Gesamteindruck. Die anderen beiden Teammitglieder saßen auf den ihnen zugewiesenen Plätzen und sangen aus vollen Kehlen. Es waren wohl mir bis dahin unbekannte skandinavische Trinklieder. Über ihren Köpfen surrten die schildkrötenförmigen Heliumwolken von Großmutter.Der Springbrunnen funkelte und warf Millionen von Lichtpunkten auf das Blütenmeer. Die Szenerie war mittlerweile auch noch in romantisches Mondlicht getaucht, das durch die große Fensterfront schien. Der Regen hatte etwas nachgelassen und Lady Di und Marilyn Monroe betrachteten fasziniert ihre Passagiere. Ihre Augen waren gebannt auf die schwankenden Sportler gerichtet. Es sah fast so aus, als hätten sich die beiden in ihre attraktiven Gäste verliebt. Die beiden Beaus hatten ihre Schlipse gelockert und die obersten Hemdknöpfe geöffnet, so dass ihre gut trainierten Oberkörper sichtbar wurden. Ich versuchte meine beiden Damen durch heftiges Winken auf mich aufmerksam zu machen. Vergeblich. Sie beachteten mich gar nicht. Auch mein Versuch, durch Bestechung des Servicepersonals die Tiere mit Brotfrucht-Leckereien zu locken, blieb wirkungslos. Lady Di und Marilyn Monroe wollten ihre Gäste ganz für sich behalten. Stattdessen landete ich unversehens im Handgemenge zwischen dem Erben des Chemiekonzerns und dem schreibenden Umweltaktivisten. Hier hatte sich ganz offensichtlich das alte Sprichwort bewahrheitet, dass sich Gegensätze anziehen. Wie von unsichtbaren Magneten bewegt waren die beiden wieder aufeinander gestoßen. Ich konnte mir allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass hier auch meine Freunde Uwe Barschel und Papst Johannes Paul I nicht ganz unbeteiligt waren. Ich meinte sie kichern zu hören. Wie auch immer. Im Lösen von Problemen anderer Menschen bin ich Spezialist und die Streithähne beendeten sehr schnell ihr Gerangel. Eine Entschuldigung lehnten sie aber rundweg ab. Beide fühlten sich im Recht. Beide wollten ihren Zwist lediglich für die Dauer der Party unterbrechen. Meine hochgezogene Augenbraue behielt ich daher noch eine Weile bei. Meine Wut warf einen kurzen Blick durch meine Augen auf die Szene und zog sich dann schnell wieder zurück. Sie verkroch sich irgendwo in meinem Bauch, als sich Johannes Paul I langsam und bedächtig in Bewegung setzte. Wie gesagt. Schildkröten sind sehr feinfühlig. Besonders auf meine Gefühle nehmen die Tiere große Rücksicht. Und nachdem der Autor in Richtung Ausgang abtransportiert worden war, konnte ich mich noch in Ruhe mit dem vollschlanken jungen Mann unterhalten. Er erzählte von seinem Erbe und der schwierigen Situation, der er sich nun im Unternehmen ausgesetzt sah. Sein Vater hatte die Firma einst aus dem Nichts aufgebaut und mit strenger Hand als Patriarch geführt. Der Sohn genoss derweil seinen Sonderstatus als Juniorchef. Er kümmerte sich ausschließlich um Themen, die ihn interessierten und in denen er zweifelsohne brillierte. Von der neuen Aufgabe ein Unternehmen zu führen, fühlte er sich insgeheim überfordert. Die erfahrenen Manager rebellierten gegen ihn und drohten damit, das Unternehmen zu verlassen. Er war dankbar für meine Ratschläge und schien erleichtert, in mir endlich jemanden gefunden zu haben, der sich um die Lösung seiner Probleme kümmern wollte. Mein Fachgebiet! Ich war in Hochstimmung!
Das rauschende Fest endete schließlich um acht Uhr morgens. Der Regen hatte sich bis dahin wieder erholt und stürzte sich ausgeruht vom Himmel auf alles darunter. Nur wenige Pressevertreter hatten bis zum Ende in ihrem Zelt ausgehalten und konnten die Abfahrt der teilweise deutlich angeschlagenen Gäste verfolgen. Vorsichtshalber hatte ich auch dort reichlich Champagner ausschenken lassen. Die schlechte Sicht und der Alkohol sorgten für eine sehr fantasievolle Berichterstattung.
Die Veranstaltung kann man als über alle Maße erfolgreich bezeichnen. Nicht nur für mich privat, weil Melody und ich uns nähergekommen waren und blieben, sondern auch geschäftlich. Ich erteilte wenige Tage später einen Forschungsauftrag an den Wissenschaftler. Auch mit dem Erben des Chemiekonzerns kam ich sehr schnell ins Geschäft. Zum einen wegen der Unterstützung bei der Führung des Unternehmens und der Produktion eines Mittels gegen Hautalterung – zum anderen zum Schutz vor dem Autor, der sich gar nicht mehr beruhigen wollte. An diesem Abend hatte sich zwischen den beiden Männern eine wunderbare Feindschaft entwickelt. Die von uns professionell betreut werden musste. Ich konnte wirklich zufrieden mit mir sein. Ich hatte für unser Unternehmen einen treuen Geschäftspartner und neuen Klienten gewonnen.
Die Presse tat ein Übriges, um den Mythos um meine Partys aufzubauen. Gut informierte Quellen, die namentlich nicht genannt werden wollten, berichteten von wirtschaftlichen Verbindungen, die geschlossen wurden und davon, dass Menschen nach dem Besuch meiner Veranstaltung ihr gesamtes Leben änderten. Eine Schlagzeile lautete beispielsweise: Mr. T bewirkt Wunder! Der darunter stehende Artikel begann mit den Zeilen: Der berühmte Weltuntergangs-Prediger verliebt sich bei der Abendveranstaltung des geheimnisvollen Mr. T in die populäre OP-Schönheit. Er hat angekündigt sein Leben zu ändern und will zukünftig als Mental-Trainer arbeiten. Der Verfasser wünschte ihm dabei viel Erfolg. Mir persönlich hat die Headline sehr gut gefallen.
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