Auch bei der Erstellung der Gästeliste unterstützen mich meine weisen Methusalems. Wer, wenn nicht sie, wäre hier die ideale Jury. Wir nutzen dabei Fotos. Meist stöbere ich zunächst in Zeitungen und Magazinen. Auch das Fernsehen liefert mir wertvolle Inspirationen. Wer ist gerade besonders erfolgreich oder besonders populär? Über wen wird gesprochen? Wer ist gern gesehener Gast in Talkshows oder auf den roten Teppichen? Und vor allem: gibt es einen elektrisierenden Gegenpol dazu? Wenn ich mich für eine Person entschieden habe, mache ich mich auf die Suche nach einer Abbildung von ihr. Für ein gutes Foto meiner potentiellen Gäste muss ich keinen Fuß vors Haus setzen. Was die Magazine nicht abdrucken, finde ich im Internet. Heutzutage kann man von jedem Menschen problemlos Fotos im Internet finden. Ganz besonders von denen, die mich interessieren. Vom Passbild bis zum Babyfoto und vieles mehr. Alles ist dokumentiert. Und online. So erstelle ich meist innerhalb einer Woche eine Vorauswahl von 40 bis 60 Personen. Die ausgedruckten Fotos dieser Personen werden von mir auf dem Boden ausgelegt. Alle im gleichen Format. Einer hübsch neben dem anderen. Die Schildkröten wählen sich dann ihre Abendbegleitung selbst aus, indem sie das entsprechende Foto auffressen. Fotos, die beim ersten Mal verschmäht werden, lege ich für die Wahl bei einer der nächsten Partys zurück. Das muss nicht gleich etwas bedeuten. Aber die Namen derer, die mehrmals abgelehnt wurden, wandern automatisch auf meine schwarze Liste. Gesichter, die den Schildkröten nicht schmecken, werden Sie auf meinen Partys nicht sehen!

Die Diktatur der Schildkröte
Meine erste Veranstaltung fand in sehr kleinem Rahmen mit lediglich zehn Gästen statt. Ich hatte beschlossen meinen dreißigsten Geburtstag nicht wie sonst üblich nur im Kreise der Familie zu feiern, sondern mir zum ersten Mal in meinem Leben auch eigene Geburtstagsgäste einzuladen. Für die Familienfeier hatte ich mir wieder schöne Unannehmlichkeiten für meinen Bruder und meine Schwester ausgedacht, die ihnen eine Teilnahme an meiner Feier leider unmöglich machten. Ein Geschenk, das ich mir seit Jahren immer selbst bereite. In Südamerika grassierte eine furchtbare Rinderseuche und für meine Schwester hatte ich einen hungrigen Heuschreckenschwarm über die Kanaren umleiten lassen. Neben der Abwesenheit meiner Geschwister genieße ich an diesem Tag ganz besonders die uneingeschränkte Aufmerksamkeit meiner Familie. Den dreißigsten Geburtstag gedachte ich jedoch besonders außergewöhnlich zu begehen. Genau aus diesem Wunsch entstand die Idee zu alldem, was später folgen sollte.
Die vergangenen Tage waren heiß und trocken gewesen, davor bitterkalt und nass und meine Schildkröten lagen mehr oder weniger lethargisch auf dem Rasen. Einige hatten sich in den Blumenbeeten verkrochen, die in breiten Bändern unser Anwesen durchziehen. Andere blieben stur in ihrem klimatisierten Reptilienhaus und genossen eine Massage. Nachdem ich mir den dritten Espresso mit Zitrone hatte servieren lassen, wichen meine hämmernden Kopfschmerzen und wurden von einer ungeheuren Unruhe abgelöst. Drei ganze Wochen lang hatte ich bunte Magazine durchstöbert, Zeitungen sondiert, das Internet durchforstet und einige Sendungen im Fernsehen verfolgt. Ich war damals noch ungeübt und diese Arbeit bereitete mir einige Mühen. Dennoch: Ich war bereit. Ein beachtlicher Stapel Ausdrucke lag auf meinem Schreibtisch und wartete darauf vor meiner Jury ausgebreitet zu werden. Ich gestehe, ich war ein wenig aufgeregt und musste mich beherrschen um meine Enttäuschung über die mangelnde Begeisterung meiner gepanzerten Freunde nicht zu zeigen. Meine eigene Euphorie drohte kurzzeitig zu schwinden, als ich so ganz alleine und unbeachtet mit meiner Fotoauswahl auf dem Rasen stand. Ich hatte meinen weißen Borsalino aufgesetzt und schwitzte bereits nach wenigen Minuten in meinem dazu perfekt passenden hellen Anzug.
Nach mehreren Stunden, drei Kilo Karotten, etlichen Brotfrüchten und geduldigem Zureden, gelang es mir schließlich wenigstens ein kleines Grüppchen meiner Riesen für diese Aufgabe zu begeistern und zur Mitarbeit zu animieren. Die Tiere blieben dennoch recht unschlüssig vor den bunten Blättern stehen und wogen gemächlich ihre Köpfe hin und her. Auch der Einsatz eines großen, silbernen Standventilators schien kaum Schwung in die Tiere zu bringen. Aber die ausgebreiteten Fotos, die ich mit Steinen beschwert hatte, begannen im Wind zu flattern. Diese Bewegung und das dabei entstehende Geräusch schien die ganze Sache endlich doch interessant zu machen.
Als erste konnten sich Lady Di, Uwe Barschel, Johannes Paul I, J.F. Kennedy, Olof Palme und Fräulein Nittribitt jeweils für einen Vorschlag begeistern: einen bärtigen Theologen, der die These vertrat, dass die Welt kurz vor ihrem Untergang stehe. Ich liebe solche Gäste, die vom ersten Moment an die Stimmung drücken. Des Weiteren für einen Wissenschaftler aus dem Bereich der Genforschung, der angeblich einen Weg gefunden hatte, den Prozess der menschlichen Hautalterung zu verlangsamen. Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich hier etwas nachgeholfen hatte. Das Thema Hautalterung interessierte mich damals neuerdings ganz persönlich. Wie die Dame, die es durch besonders viele Schönheitsoperationen zum Weltrekord und zu einem enorm grotesken Gesicht gebracht hat, ihren Weg ins Schildkrötenmaul finden konnte, ist mir allerdings immer noch rätselhaft. Vermutlich wurde ihr Bildnis vor Schreck gefressen. Dafür ging die vierköpfige Herrenstaffel des finnischen Triathlonverbandes ganz klar auf Lady Di’s Kappe. Die vier blonden Hünen in schwarzen Neoprenanzügen mit den neonbunten Streifen hatten sie sofort magisch angezogen. Die vier finanzierten sich ihren Sport über Modelverträge und waren in fast jedem Magazin zu bewundern. Ich hatte dennoch bewusst dieses Foto gewählt und nicht eines auf dem die Herren nichts als ihre Sixpacks und Slips tragen. Ihre Nominierung bedeutete allerdings, dass wir noch drei weitere Tiere zur Teilnahme überreden mussten.
Die Stimmung der Jury war mittlerweile gestiegen und hatte so einige Schläfer aus den Beeten angelockt. Petra Kelly, Gert Bastian und Marilyn Monroe ließen sich zum Glück nicht lange bitten. Ebenfalls mit in die Endauswahl kam der Alleinerbe eines Chemiekonzerns. Ein Foto aus dem Forbes Magazin: Ein vollschlanker Brillenträger, dessen glänzender Schädel eine unglaubliche Anziehungskraft auf meine Schildkröten ausübte. Fast hätten sich Johannes Paul I und Uwe Barschel dabei gegenseitig verletzt. Zum Glück lag ein junger Autor und Umweltaktivist mit einer ähnlichen Frisur direkt daneben. Er hatte in der näheren Vergangenheit keine Gelegenheit ausgelassen, sein eben erst erschienenes Werk zu bewerben. Ich kann gar nicht mehr sagen, aus welchem der Magazine ich sein Foto entnommen habe. Er war in allen abgedruckt. Olof Palme entschied sich zuletzt noch für eine junge Schauspielerin, auf die ich d
urch eine Tanzshow im Fernsehen aufmerksam geworden war. Sie war mir durch ihr unglaubliches Temperament, mit dem sie das Publikum mitgerissen hatte, aufgefallen. Olof hatte vermutlich gleich gespürt, dass ich an der Dame näher interessiert war. Übrigens nicht nur wegen ihres Temperaments. Sie hatte auch optisch einiges zu bieten. Diese Augen! Auf jeden Fall eine gute Wahl der Jury! Und eine vielversprechende Gästeschar. An diesem Abend orderte ich einen neuen hellen Anzug und einen neuen Borsalino bei meinen Lieferanten. Durch das Knien auf dem Rasen und meine körperliche Anstrengung hatte meine Nachmittagsgarderobe sehr gelitten. Sie war gänzlich ruiniert. Aber das war es mir wert!
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