Ganz in der Tradition meiner Ahnen. Üblicherweise arbeiten wir nicht mehr so. Todesfälle sind heutzutage längst nicht mehr zwingend nötig. Wir beschäftigen einige ganz hervorragende Anwälte, die wiederum von ganz hervorragenden Ermittlern unterstützt werden. Dank modernster IT, dem World-Wide-Web und einigen anderen technischen Hilfsmitteln, sind meist nur wenige vermittelnde Gespräche nötig. Auch wir sind im 21. Jahrhundert angekommen und sehen uns eher als Mediator. Unter der Schildkröte im Wappen auf dem Firmenbriefbogen steht mittlerweile der Begriff »Consulting«. Und genau so wollen wir unsere Arbeit auch verstanden wissen: Wir beraten. Wir raten den Kontrahenten unserer Auftraggeber dazu, sich unseren Argumenten und Angeboten zu öffnen. Wir sind da sehr überzeugend. Und in den meisten Fällen gelangen wir sehr rasch zu einer Einigung. Nur eben bei Masoud Al-Faktoum nicht. Der blieb gegenüber allen Verhandlungsversuchen verschlossen und zeigte sich überhaupt nicht einsichtig. Nein. Er wurde sogar laut. Und in meinen Ohren gar ausgesprochen unfreundlich. Abgesehen von den Widerworten verursachte mir alleine seine Stimme Schmerzen, die sich von den Zähnen bis auf meine Kopfhaut ausbreiteten. Er ließ mir durch dieses Verhalten wirklich gar keine andere Wahl. Ich bin berühmt für meine zügellosen Wutausbrüche und es ist allgemein bekannt, dass es sehr unvernünftig ist, mit mir Streit anzufangen. Erst recht, wenn man in einer Krisenregion lebt. Und dann auch noch in einer Klimazone, in der es vor giftigem Getier nur so wimmelt. Ich bin mir mittlerweile selbst nicht mehr sicher, ob hier tatsächlich mein mitgebrachtes Exemplar aus Cousin Tonis Terrarium der Täter war.
Ich streite mich grundsätzlich sehr ungern. Ich bin gewissermaßen harmoniesüchtig. Einige Personen aus meinem engeren Umfeld würden noch unter uns weilen, hätten sie nicht damit angefangen. Es ist aber nicht etwa so, dass ich immer Recht haben möchte und andern meinen Willen aufzwinge. Nein. Ganz im Gegenteil. Man kann mit mir über alles sprechen. In einem normalen Ton. In normaler Lautstärke und normaler Stimmfrequenz. In einem freundlichen Ton kann man mir sogar sagen, dass meine Krawatte geschmacklos ist und ich schon wieder versehentlich zwei Grenzsteine meines Besitzes verschoben habe. Bei einem schönen Glas Rotwein bin ich ein sehr guter Zuhörer und offen für konstruktive Kritik, gute Argumente und Angebote. Schließlich bin ich Geschäftsmann. Und das recht erfolgreich.
Nur manchmal gehen die Pferde mit mir durch. Wie zum Beispiel damals, als mir meine Freundin – sie ruhe in Frieden – eröffnete, dass sie nicht mehr mit mir leben könne. Zuviel hiervon; zuwenig davon. Ich wäre sonderbar und langweilig. Allein schon meine Art zu essen wäre ihr zuwider: den Salat meist so ganz ohne Besteck mit dem Mund vom Teller zu schnappen. Das gemächliche, bedächtige Kauen. Meine langsamen Bewegungen. Sie habe das Gefühl, mit einer Schild- kröte zu leben. Wenn nicht schon jetzt, dann bestimmt in einigen Jahren. »Du wirst ihnen immer ähnlicher! Unerträglich! So wie du riechst. Zieh’ doch gleich zu ihnen.« Endlose Vorwürfe, alle laut und schrill vorgetragen. Tränen- und gestenreich. Ich konnte gar nicht so schnell hören, wie sie sprach. Sie endete mit einem lang anhaltenden hohen Ton und dem Fazit, dass sie hier alles nicht mehr ertrage und mich sofort verlassen werde und besiegelte dies mit einem Teller Wildschweinragout an Babykartoffeln. Sie traf mich damit. Sehr hart. Er hat trauriger Weise bleibende Flecken auf meinem Hemd hinterlassen. Es war mein Lieblingshemd in dieser Woche. Aus reinem Kaschmir. Von Sartoriani. Und wie gesagt. Ich hasse Streit. Ich konnte nicht anders: Ich kann mich, wenn nötig, sehr schnell bewegen. Blitzschnell! Sie wären überrascht. Das T. in ihrer Haut geriet ein wenig zu tief und außerdem traf ich ganz unglücklich ihre Halsschlagader. Nein. Ich möchte darüber überhaupt nicht mehr sprechen. Mittlerweile habe ich diesen Tick mit dem Salat übrigens wieder gut unter Kontrolle bekommen!
Solche Ausrutscher bedeuten keinen neuen Bewohner im Gehege. Sie bedeuten aber natürlich, dass unsere Mitarbeiter jede Menge zusätzliche Arbeit zu erledigen haben. Diskret. Es geht da nicht nur um eine gründliche Reinigung. Es müssen meist auch Reisen unternommen, sensible Gespräche geführt und hohe Beträge ausgehandelt werden. Spätestens dann fühle ich mich miserabel und würde am liebsten alles ungeschehen machen. Aber das ist eben mein aufbrausendes Gemüt. Meine Wut. Manchmal ist sie stärker als ich. Manchmal kann ich sie nicht kontrollieren. Sie scheint dann meinen Körper zu verlassen und ein ganz eigenständiges Leben zu führen. Gewalttätig. Gefühllos. Sie stürzt sich in Situationen wie eine Schlammlawine. Sie reist alles mit sich. Und zerfleischt es. Ein Mensch wäre zu so etwas niemals fähig. Meine Wut richtet schlimme Dinge an. Ich muss mit ihr leben. Für mich ist das alles auch nicht einfach. Mein Kinderpsychologe riet mir einst dazu, diese Wut zu zeichnen. In all ihren Aggregatzuständen und Erscheinungsformen. »Lerne deine Wut kennen, T. Sieh ganz genau hin. Erforsche, was sie in dir macht. Je besser du deine Wut kennst, desto besser kannst du sie kontrollieren.« Er fand das interessant. Leider ist er schon lange tot. Wir arbeiteten nur knapp ein halbes Jahr zusammen, bis er einen schlimmen Wutausbruch aus, wie er sagte, »wissenschaftlichen Gründen« provozierte. Seine Verletzungen erklärten unsere Anwälte mit einem tragischen Unfall mit einem Mähdrescher. Unfallhergang: unklar. Wie auch immer. Seit diesen Tagen zeichne ich meine Wut und ihre vielen Gesichter. Ich bin immer noch dabei, sie richtig kennenzulernen. Sie überrascht mich noch oft. Im Familienrat wird über diese Ausbrüche mittlerweile nicht mehr gesprochen. Nur noch kurz geseufzt. Alle wissen, dass ich mich nicht gerne streite.
An dieser Stelle sollte ich etwas mehr über meine Person sagen. Mein Name ist »T.«. »Mr. T. Mitte Vierzig, um die 1,90 m groß und etwa 80 kg schwer. Ein Mann im besten Alter. Übrigens gerade alleinstehend. Menschen, die mich kennen, bezeichnen mich als überaus gutaussehend. Ich hätte eine gewisse Ähnlichkeit mit Guy Fawkes. Wie gesagt. Ich will mich nicht streiten und möchte auf gar keinen Fall viel Aufheben um meine Person machen. Aber machen Sie bitte nie den Fehler, mich nicht zu beachten oder mich nicht ernst zu nehmen. Das ist noch niemandem bekommen. Ich bin das mittlere von drei Kindern. Die Familie meiner Mutter trägt die Schildkröte im Wappen. Wir leben im Stammhaus dieser Dynastie – zusammen mit den Familien zweier ihrer Brüder. Meine Mutter lernte meinen Vater bei einer Tagung über »Mykenische Lungenerkrankungen von in Gefangenschaft gehaltenen Riesenschildkröten« kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick.
Mein Vater, ein echter Grandseigneur, trug damals schon bevorzugt maßgeschneiderte Anzüge, die er mit klassischen Seidenschals und Einstecktüchern kombinierte. Eine Leidenschaft, die ich von ihm geerbt habe. Ansonsten bin ich aber eher nach meiner Mutter geraten. Sie hat wunderschöne tiefbraune Augen mit dichten, langen Wimpern und immer noch volles dunkles Haar, das sie in unendlich vielen unterschiedlichen Steckfrisuren auf ihrem Kopf zu bändigen vermag. Ihre Sammlung an Haarnadeln, Kämmen und Klammern ist beachtlich und dank Perlenbesatz auch sehr wertvoll. Sie liebt Perlen. Über alles. Jede Perle in ihrem Besitz kann eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die meine Mutter wahlweise sehr traurig oder sehr wütend gemacht hat. All diese Geschichten eint neben diesem Gram vor allem ihr Ende: die Überreichung einer Perle und die damit verbundene Vergebung meiner Mutter. Jede Perle ist eine Träne. Eine getrocknete Träne meiner Mutter. Ich mag mir nicht ausmalen, wie groß ihr Kummer gewesen sein musste, der meinen Vater dazu veranlasste, meiner Mutter »La Regente«, die teuerste Perle der Welt, zu schenken. In unserer Familie gibt es vieles, worüber nicht gesprochen wird. Die langen Perlenketten, die bereits meine Großmutter trug, lassen mich das vermuten.
Читать дальше