Die Einladungen lies ich auch damals schon durch einen Boten überbringen. In der Öffentlichkeit. Erfahrungsgemäß beeindruckt diese Geste am stärksten. Eine Absage erscheint den Gästen sofort ausgeschlossen. Selbst, wenn ihre eigene Geburtstagsfeier oder eine dringend notwendige Schönheitsoperation geplant ist. Alle Termine werden sofort verschoben, wenn eine schwarze Limousine hält und ein hünenhafter Bote meine Einladung überreicht. Damals hatte ich noch nicht diese schöne Idee mit der Palladium-Karte. Meine ersten Einladungen waren schlichte goldene Quadrate mit einer geprägten Schildkröte auf der einen und den Koordinaten des Veranstaltungsortes und dem Datum auf der anderen Seite. Sie waren sehr klein und daher eingebettet in ein schwarzes ziegenledergebundenes Etui. Ich habe alle Einladungen übrigens auf dem Rücken des Etuis nummeriert und auch bei der Palladium-Version führe ich diese Tradition fort. Ich liebe Traditionen.
Für die umwerfende Idee, die Einladung der Triathlonstaffel während einer großen Pressekonferenz an deren Manager übereichen zu lassen, muss ich mir im Nachhinein noch auf die Schulter klopfen. Ein wirklich brillanter Einfall. Typisch für mich. Man konnte auf den Pressefotos sehr gut das große, handgeschriebene T. als Absender auf dem Kuvert erkennen, das ich damals einführte. Die Klatschspalten verwandelten sich in brodelnde Gerüchteküchen und übertrafen sich gegenseitig in abstrusen Spekulationen. Wie viele Lügen man aus den wenigen Buchstaben des Alphabets doch generieren kann. Das Überreichen der sechs weiteren Einladungen war danach ein Leichtes. Egal an welchem Ort und zu welcher Tageszeit. Die Presse berichtete davon. Sie lauerte darauf. Ich selbst las von angeblichen Gästen die mir völlig fremd waren. Doch man war sich einig: Hier schien etwas ganz Außergewöhnliches vor sich zu gehen und einige Auserwählte durften ein Teil davon sein. Meine kleine Tänzerin erreichte ihre Einladung nach dem Finale ihrer Show. Sie hatte gewonnen. Alles wurde live übertragen. Ich hatte Tränen in den Augen!
Mein Fest sollte im Garten unseres Anwesens stattfinden. Ein ebenso schöner wie praktischer Veranstaltungsort. Ich hatte mir alles haarklein ausgemalt und tagelang meine Vorstellungen von am Ende entnervten Handwerkern umsetzen lassen. Sogar meine Cousinen mussten mich zwischenzeitlich bei der Umgestaltung unterstützen. Im Rosengarten mit dem Wasserspiel in der Mitte leuchteten hunderte kleine Kerzen. In seinem Wasser hatten wir Diamantstaub aufgelöst, so dass sich wundervolle Lichteffekte ergaben. Die angrenzende große Rasenfläche war akkurat auf eine Höhe von 2,00 cm gemäht und wurde bis zur mit Steinfliesen belegten Terrasse von großen, mit Helium gefüllten Luftobjekten erleuchtet. Sie alle hatten die Form von Wolken, in denen ich unterschiedliche Schildkröten erkennen konnte. Bei der Generalprobe am Vorabend war alles perfekt. Alles sah so schön aus, dass ich am ganzen Körper Gänsehaut bekam und meine Kopfhaut kribbelte. Ich hätte schreien können vor Freude. Die Speisen waren unglaublich köstlich, der Champagner eisgekühlt und die Kellner trugen khakifarbene Ensembles mit langen schwarzen Schürzen. Die Mitglieder des Streichquartetts, das ich mir zur Untermalung des Aperitifs gewünscht hatte und der von Kopf bis Fuß tätowierte Discjockey, der im weiteren Verlauf des Abends für Stimmung sorgen sollte, harmonierten bestens. Unsere Hauptakteure, die Schildkröten, fühlten sich sichtlich wohl und erkundeten das Gelände, als würden sie es zum allerersten Mal sehen. Es versprach ein wundervolles Fest zu werden.
Trotz meiner Vorfreude auf den nächsten Tag, überkam mich eine betäubende Müdigkeit, die mir sofort die Augen schloss, nachdem sie mir die Beine unter meinem Körper wegknicken hatte lassen. Nur mit Mühe erreichte ich noch meine Schlafstätte. Vielleicht waren dabei aber auch die halbe Flasche Barolo, Jahrgang 96 und die unzähligen Gläser Whisky nicht unbeteiligt, die ich vor Begeisterung über den zu erwartenden Abend innerhalb von 30 Minuten ausgetrunken hatte. Mein letzter Gedanken galt der Hoffnung die Getränke würden mir das Aufstehen am nächsten Tag nicht erschweren.
Als ich am nächsten Morgen erwachte war es mir sofort klar. Ich konnte es hören. Rauschen. Dieses gleichmäßige Prasseln auf dem Dach. Wir hatten ein Problem. Ich hatte ein Problem und zwar mit dem Wetter. Der gestern noch duftig blaue Himmel hatte sich in eine dunkelgraue Wand verwandelt, aus dem sich nicht nur eimerweise, sondern wie aus einem großen Brausekopf kaltes Wasser auf die Erde ergoss. Die Kerzen schwammen, der Rosengarten ließ die wassernassen Köpfe hängen. Mein wunderbarer englischer Rasen hatte sich in kürzester Zeit in eine Sumpflandschaft verwandelt, in der braune, ehemals mit Helium gefüllte, schlaffe Säcke trieben.
Mein erster Gedanke war: Tot stellen. Ein probates Mittel, das ich schon oftmals erfolgreich eingesetzt hatte. Von meinen Schildkrötenfreunden übernommen, hatte es mich in meiner Kindheit viele male davor bewahrt, mein Zimmer oder weit Schlimmeres aufräumen zu müssen. Mein zweiter Gedanke war: In zwölf Stunden kommen meine Gäste. Wir müssen umdisponieren. Dieser Dauerregen machte einen Umzug ins Erdgeschoss des Anwesens unumgänglich. In diesem Moment erwies es sich als glückliche Fügung, dass die Schildkröten-Jury nur zehn Gäste ausgewählt hatte. Nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit mit dem Familienrat diskutiert hatte, wurde mir die uneingeschränkte Unterstützung meiner Verwandtschaft zu Teil. Gemeinsam machten wir uns daran, Diele, Speisezimmer, Salon und den Wintergarten in einen einzigartigen, etwas verwinkelten Festsaal zu verwandeln. Es wurden Türen ausgehängt. Treppen in Rampen verwandelt, Möbel verschoben und teilweise ganz weggeräumt, um ausreichend Bewegungsfreiraum für die Riesenschildkröten und ihre Reiter sicherzustellen. Die handwerklichen Fähigkeiten meiner Angehörigen waren mir bis dahin völlig unbekannt gewesen und ich hatte das Gefühl, dass diese hektische Vorbereitung uns dennoch alle näher zusammen brachte. Meine Cousinen konstruierten in Windeseile einen kleinen Springbrunnen im Wintergarten, der mit mehreren Lieferwagen voller Seidenblumen bald als Rosengarten erblühte. Dank eines üppigen Restes des Diamantstaubes verbreitete dieser Springbrunnen nach kurzer Zeit ebenfalls wundervolle Lichteffekte. Die hunderten von Kerzen taten ihr übriges. Der vormals kühle gläserne Anbau erstrahlte nun als funkelnder Zauberwald. Zu guter letzt schwebten meine Heliumwolken fast lautlos angetrieben von Elektromotoren von Raum zu Raum. Großmutter hatte die nassen Überreste aus dem Garten aufgesammelt, sie gewaschen, getrocknet und daraus neue Wolken genäht, in denen nun die Schildkröten noch viel besser zu erkennen waren. Vater hatte wortlos für die nötige Heliumbefüllung gesorgt und Cousin Toni die Motoren beigesteuert. Ich hatte vor Rührung einen dicken Kloß im Hals. Zur Probe surrten die Luftgefährte durch den Salon und stupsten sich dabei gelegentlich gegenseitig an. Für Streichquartett und Discjockey fanden wir hervorragende Plätze auf dem Ess- und dem Wohnzimmertisch. Zum Schutz der Oberfläche hatten wir einfach einige der dicken Seidenteppiche darauf ausgelegt, die im gesamten Haus den Boden bedecken. Einzig das Küchenzelt blieb unverändert. Ihm konnte der Regen nichts anhaben und die Kellner mit ihren langen Schürzen gelangten von dort bequem und vor allem trocken ins Gebäude.
Nach zehn Stunden vereinender und vereinter Arbeit war endlich alles bereit und ich einmal mehr schweißgebadet. Nicht nur von der körperlichen Anstrengung, sondern auch von der nervlichen Belastung. Meine Wut hatte sich zwar ruhig verhalten, doch meine stundenlange Angst vor ihr und das wachsame Auge, das ich auf sie werfen musste, hatten mindestens genauso viel Kraft gekostet. Noch eine Stunde bis die Gäste eintreffen würden. Es blieb mir gerade noch Zeit, mich frisch zu machen und mich in meinen dunklen Anzug zu hüllen. Meine Abendgarderobe hatte ich bereits zurechtgelegt. Armani, Armani, Armani, Armani, Armani. Anzug, Hemd, Weste, Schlips und Schuhe. Alles maßangefertigt. Eine meiner Lieblingskombinationen.
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