Meine Familie war sicht- und hörbar erleichtert, dass alles zu meiner Zufriedenheit vollendet war. »Und ganz ohne Wutausbruch. Dein Vater und ich sind so stolz auf dich, mein Junge.« Mutter hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Während meine Onkel, Tanten und Cousins das Werkzeug vom Rücken der Schildkröten wegräumten und einem wieselnden Reinigungsteam das Feld überließen, wünschten sie mir noch einen schönen Abend und zogen sich dann in ihre Privaträume in den oberen Etagen und Nebenflügeln zurück. Großmutter tätschelte noch liebevoll meine Wange und Mutter steckte seufzend mit einer Haarnadel eine letzte große rosarote Seidenblume fest. Es war offensichtlich, dass die beiden gerne mitgefeiert hätten. Ich selbst wünschte mir in diesem Moment nichts mehr als ein paar Stunden Schlaf. Und Ruhe. Mir war nach allem anderen als Feiern zumute. Einzig die Schildkröten waren gelassen wie immer. Wir hatten sie gleich nachdem die letzten störenden Möbel entfernt worden waren, mit kleinen wendigen Gabelstaplern ins Gebäude bringen lassen, um ihnen genug Zeit zur Eingewöhnung zu geben. Sie schienen mit der neuen Situation sogar sehr zufrieden zu sein und bewegten sich neugierig durch die ihnen bis dahin unbekannten Räumlichkeiten.
Die Feier selbst war großartig. Soweit ich mich erinnern kann. Einzigartig. Mit vielen anrührenden Momenten. Schon die Ankunft der Gäste hätte nicht theatralischer inszeniert werden können. Die Presse war rechtzeitig mit den entscheidenden Informationen über den Veranstaltungsort infiltriert worden. Statt wie befürchtet im Dickicht gegenüber dem Eingang zu lauern, hatten sich die Fotografen ein weißes Zelt direkt vor dem Tor errichtet. Der Regen war so dicht, dass selbst das beste Teleobjektiv versagte. Hier half nur noch eine maximale Minimierung des Abstandes. Direkter Mannkontakt. Die ankommenden Gäste wurden mit Blitzlichtgewitter, Applaus und lauten Rufen begrüßt. Nachdem sie sich winkend, lächelnd, posierend und Luft-Küsschen werfend präsentiert hatten, wurden sie von unseren leicht bewaffneten Sicherheitsleuten und großen Schirmen ins Haus eskortiert. Dort erwartete ich sie bereits mit leiser musikalischer Untermalung des Streichquartetts und einigen Gläsern »Methuselah«. Der Name erschien mit passend. Und das Getränk dem Anlass angemessen: Ein Champagner Cristal Brut von 1990.
Meine Gäste hatten sich alle mehr oder weniger an die in der Einladung genannte Uhrzeit gehalten. Alles lief wie von mir geplant und nach einer kurzen Begrüßung und dem Aperitif konnte ich bereits die Spielregeln erklären. »Aufstehen verboten«: Wie ein kleines Kind hatte ich mich auf die Reaktion meiner Gäste gefreut. Ein Raunen ging durch das Grüppchen. Hochgezogene Augenbrauen, Kichern, Schulterzucken. Kein hämisches Grinsen. Niemand machte sich lustig. Meine Wut schnurrte wie ein Kätzchen. Ich geleitete meine Gäste persönlich zu ihren Schildkröten und wünschte uns allen einen schönen und erlebnisreichen Abend. Sie sollten noch sehen was sie erwartete: Es zeigte sich schnell, dass sich ganz ohne mein zutun, die von mir erhofften Konstellationen ergaben. Die beiden Herren mit den ähnlichen Frisuren und den gegensätzlichen Meinungen zum Thema Natur und Umwelt befanden sich bald im herrlichsten Disput – obwohl ihre Schildkröten reichlich Abstand zwischen sich ließen. Die Rangelei zwischen Johannes Paul I und Uwe Barschel bei der Jury-Auswahl hing den beiden immer noch etwas nach. Sie hielten sich gegenseitig im Auge und auf Distanz. Großmutters Wolken wurden von der Situation magisch angezogen. Fast wirkte es, als hätten sie ein Eigenleben entwickelt. Vielleicht war es aber auch eine statische Aufladung durch die hier freigesetzte Energie. Sie ballten sich zu einer kleinen Gewitterfront über den Köpfen der Streithähne zusammen und surrten im Chor. Die beiden Gäste hatten sich ganz offensichtlich »gesucht und gefunden« und überschütteten sich schon nach wenigen Stunden und einigen Flaschen Wein mit Vorwürfen und Beschimpfungen. Der Streit schien den Kontrahenten sehr auf den Magen zu schlagen. Oder wenigstens den Appetit zu zügeln. Nur von den ersten Vorspeisen hatten beide gekostet. Seit die Auseinandersetzung hitziger und ihr Gespräch lauter geworden war, hatten sie alle gereichten Köstlichkeiten rundweg abgelehnt und dies nur mit Rotwein ausgeglichen. Um so lautstarker war ihr Disput im gesamten Erdgeschoss hörbar. Auch die Schildkröten wurden unruhig. So dick ihre Panzer sind, so zart sind ihre Seelen. Für Uwe Barschel wurde die Situation schließlich so unangenehm, dass er sich umdrehte und davon marschierte. Bei diesem Manöver hätte sein Passagier, der Erbe des Chemiekonzerns, beinahe das Gleichgewicht verloren, denn er stand mittlerweile kerzengerade auf dem Rücken des Tieres und gestikulierte wild mit den Armen. Er konnte sich gerade noch an der Wand abstützen und ließ sich dann schwer atmend wieder auf seinen zugewiesenen Platz nieder. Der zurückgelassen Autor starrte den beiden wütend hinterher. In der Zwischenzeit hatte ich nebenan im Salon ein sehr interessantes Gespräch mit dem Fachmann über Hautalterung. Er erwies sich als hervorragender Gesprächspartner, der beseelt von seinen Forschungen erzählte und seiner Enttäuschung vom mangelnden Interesse der Wirtschaft zum Ausdruck brachte. Dabei stopfte er sich – wie zum Trost – alles in den Mund, was man ihm reichte. Die Speisen waren allerdings auch wirklich delikat: Ich hatte sie nach meinen eigenen Vorlieben ausgewählt. Sämtliche Delikatessen wurden auf kleinen Tellern, Schalen, Spießen oder Löffeln gereicht. Es gab Langustine mit eingelegter Wassermelone und Gartentomate, Jakobsmuschel-Sandwich mit zweierlei Spargel, Seppioline mit lauwarmen Eigelb gefüllt und Sauce Mignonette, Rotbarbe mit Meerrettich-Bohnensalat, Sorbet von der Zitronenverbene mit Camparigranitée, mariniertes Spanferkel mit Räucheraal und Dörrpflaumen, Medaillion vom Rehrücken mit Trompetenpilzen und Pfifferlingen und zuletzt verschiedene Desserts aus Champagner, Pfirsich und Waldbeeren sowie Löwenzahneis auf Mandelcrostini mit Rhabarbergelee. Bei allen Kombinationen handelt es sich um Gerichte, die ich zu für mich besonderen Anlässen bereits genossen hatte und die ich auch heute noch mit diesen Momenten verbinde.
Mein an Genen forschender Gesprächspartner und ich kamen sehr schnell darin überein, dass ich zukünftig seine Forschungen finanziell unterstützen und mich um die nötigen Kontakte zur Wirtschaft kümmern würde. Dieses Gespräch wurde abrupt beendet, als eine Servicekraft, die uns zuvor von einigen leergeputzten Tellern befreit hatte, mit ihrer Schürze das Hinterbein meiner Schildkröte streifte. Erschrocken gab sie einen fauchenden Zischlaut von sich, bäumte sich auf und marschierte mit mir davon. Schildkröten sind an dieser Stelle sehr empfindlich. Ich hatte aber vergessen das Personal darüber zu informieren und beschloss daher von einer Abmahnung oder finanziellen Nachverhandlungen abzusehen. Nur kurz flackerte meine Wut auf. Einen winzigen Moment. Dann verschwand sie wieder und lies mich und mein Adrenalin zurück. Ich war gespannt, was mich erwarten würde:
Durch diesen Zwischenfall trug mich mein gepanzerter Sitzplatz langsam über eine Rampe in ein weiteres Zimmer und ich fand mich somit unverhofft direkt neben meiner kleinen Tänzerin wieder. Die junge Dame hatte zuvor mit den vier Sportlern geflirtet und Lady Di und Marilyn Monroe nutzten mein Eintreffen in der Runde dazu, sich mit ihren Passagieren in eine romantische Ecke des funkelnden Wintergartens zurückzuziehen. Sogar Petra Kelly und Gert Bastian folgten ihnen mit drei surrenden Wolken im Schlepptau, so dass die vier Triathleten ganz unter sich waren.
Das gab mir Gelegenheit für einen ungestörten Plausch, bei dem ich erfuhr, dass die Tänzerin in Wahrheit Sängerin und Schauspielerin war und sich Melody X nannte. Der Champagner hatte ihr Temperament voll zum Erstrahlen gebracht. Sie bewegte sich mittlerweile völlig unbeschwert auf dem Rücken ihrer Schildkröte. Die Vorführung ihrer erfolgreichsten Schrittfolgen, Hüftschwünge und Drehungen aus der Fernsehshow wirkten trotz Alkoholisierung und der außergewöhnlichen Lage sehr anmutig. Ich genoss ihre Darbietung sehr. Eine ganz wundervolle Frau. Ihre Schönheit konnte nichts trüben. Nicht einmal, dass sie bei einer besonders gewagten Pirouette mit dem 12 cm langen Absatz ihres Stiletto im Wandgemälde stecken blieb und dabei die Schlacht von Waterloo zerstörte. Eine Beschädigung, die meine Familie und mich seither an diesen unvergesslichen Abend erinnert. Genauso, wie eine besonders große Perle an einer weiteren Haarnadel meiner geliebten Mutter.
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