Der auch als Dramatiker und Librettist tätige Radiguet gehörte, wie viele junge Menschen seiner Zeit, dem Fin de Siecle an. Der Fin de Siecle war eine künstlerische Bewegung um die Jahrhundertwende gewesen, die sich dem kulturellen Verfall gewidmet hatte. Sie glaubte, dass Platz für etwas Neues geschaffen werden musste, und war vom Leben im Alltag gelangweilt. Es entstand eine Subkultur der Bohémien und Dandys, die ihre eigene Vorstellung vom Leben kraft ihres künstlerischen Schaffens hervorbrachte.
So sehr wie sich heute alle auf Radiguets Jugendlichkeit und seine dafür eigentlich untypische Reife beziehen, so sehr war ihm dieser Vergleich schon immer zuwider gewesen. Er wollte keinesfalls durch „Jugendlichkeit“ bestechen, vielmehr war er davon überzeugt, dass – Zitat – „ die größten Dichter die sind, deren Werk ihr Alter vergessen lässt “. So kleidete er sich für einen jungen Mann eher untypisch, ging mit Spazierstock raus und trug ein Monokel auf der Nase. Ja, er fühlte sich in seinem Jahrhundert fremd und erschien wie eine Gestalt aus vergangenen Zeiten. Mit Kubismus konnte er nichts anfangen, in der Literatur seiner Zeit gab es nur wenige Werke, die ihm etwas sagten (und für Musik war er völlig unempfänglich). Tatsächlich hatte er als Kind sich oft auf dem Boot seines Vaters versteckt, um dort ungestört stundenlang Bücher aus dem 17. und 18. Jahrhundert lesen zu können.
Trotz aller Bemühungen konnte er seinem Ruf nicht fliehen: Freunde nannten ihn scherzhaft Monsieur Bébé. Und natürlich war er nicht nur Opfer seiner Jugend und Schönheit – er nutzte sie auch, um als Künstler voranzukommen.
Cocteau sollte ein wichtiger Mensch im kurzen Leben des sehr schlecht sehenden Radiguets sein (er, so Cocteau, „hüpfte von Gehsteig zu Gehsteig“ und hatte den Gang eines verwundeten Vogels). Cocteau war es, der ihm einen selbst entworfenen Trinity-Ring aus drei verschiedenen Goldtönen als Liebespfand geschenkt hatte, der am kleinen Finger getragen wurde und in Insiderkreisen als „Schmuckstück homosexueller Liebe“ angesehen wurde. Cocteau war es auch, der in den letzten Stunden an Radiguets Seite gesessen hatte.
1923 erkrankte der Analytiker menschlicher Gefühle ganz plötzlich an der Fiebererkrankung Typhus, die im 19. und 20. Jahrhundert durch verunreinigte Nahrung und unsauberes Wasser hervorgerufen wurde. Die Salmonellen verbreiteten sich schnell im Körper des Dichters und führten am 12. Dezember zu seinem Tod. Noch drei Tage zuvor hatte er gesagt: „Am übernächsten Tag werden die Soldaten Gottes mich füsilieren“ . Er hatte recht gehabt. Heute ist er ein Klassiker außer seiner Zeit, der dank seiner frühreifen Sichtweise völlig altersfrei betrachtet werden kann.
aus der Zeitschrift „Der Querschnitt“, Band-/Heftnummer 4. 1924, H.2/3, Sommer
"Mein wahres goldenes Zeitalter ist jetzt,
denn jetzt ist die einzige Zeit, die ich habe."
11 Maria Clementine François (1823-1844)
21 Jahre - “gebrochenes Herz“
Unglaublich viele Gedichte der jung dahingeschiedenen Dichterin aus Trier sind erhalten, dank eines Buches: „Gedichte einer früh Verklärten“, mithin fast 160 (es erschien 1844). Über das kurze Leben François´ ist jedoch wenig bekannt.
Fakt ist, dass sie in stiller Häuslichkeit des Biedermeier groß geworden ist und früh zu schreiben begann. Wie bei so vielen jung verstorbenen Schriftstellern war es auch bei ihr so, dass eine ganze Reihe ihrer Gedichte den Tod zum Thema hatte. Als den Auslöser für ihr Sterben gibt man den untreu gewordenen Geliebten an. Todesursache: „gebrochenes Herz“. Ob sie Selbstmord beging oder doch an einer Krankheit verstarb, ist heute leider nicht mehr bekannt. Da ich so wenig über ihr Leben berichten kann, möchte ich einfach ihre Verse für sich sprechen lassen.
Epilog aus „Gedichte einer früh Verklärten“
Wenn einst die Zeit, in eure liebe Hände,
Dies Büchlein, diese meine Lieder führt,
Werd´t ihr es dann gleichgültig von euch legen?
Wird nicht das Herz durch ihren Hauch berührt?
Das Auge wird auf diesen Worten weilen,
Wie man auf alt bekannten Zügen weilt,
Die fremd uns nah´n, und doch bekannt uns dünken,
Bis dann Erinn´rung jeden Zweifel teilt.
Ja, sinnend werdet gern ihr darin blättern,
Ihr nur allein versteht ja ihren Sinn,
Von längst entschwund´nen aber schönen Zeiten
Tritt es, wie stilles Grüßen, zu euch hin.
Und eine Träne glänzt in euren Blicken
Bei einem Bild, das die Erinn´rung zeigt;
In Zukunft wird kein Lied euch mehr ertönen:
Die Saite sprang – und meine Leier schweigt.
Todes-AhnungSo ist´s denn wahr? So muss ich jetzt schon scheiden. Ich fühle schon des Todes eis´ge Hand. Und einen Blick noch werf ich in das Leben, Und bebe schaudernd vor des Grabes Rand. Wie ist der Himmel grade heut´ so heiter! Wie locken dort der Berge duft´ge Höh´n! Wie herrlich glänzt das Grün der frischen Blätter. O Gott, o Gott, das Leben ist so schön! Hätt ich´s genossen, wollt ich ruhig sterben, Doch ach, ich habe ja noch nicht gelebt; Verträumet und verloren meine Tage, Nach einem nie erreichten Ziel gestrebt. Wer einen Becher trank in langen Zügen, Der schleudert ihn getrost wohl in die Wellen; Doch ich – ich habe ja noch nicht getrunken, Und sehe rettungslos ihn schon zerschellen. Die Jugend, sagt man, bietet schöne Freuden, Und ich noch keine ihrer Rosen brach. In meinem Lieben lernte ich entsagen, Und wenn ich sterbe, weint mir niemand nach. So viele leben, die die Welt verachten, Es hängt ihr Blick schon am entleg´nen Sterne, Für mich ist noch so süß der Erde Zauber, Ich sterbe nun – und lebte doch so gerne!
12 Walter Calé (1881-1904)
1904
22 Jahre - Freitod
Dieser kindlich-scheue Mensch, dem nachgesagt wurde, dass eine zurückhaltende Art und ein universelles Allgemeinwissen typisch für ihn waren, musste früh erwachsen werden.
Sein Vater starb, da war er 12. Sicher auch aus einem gewissen Pflichtgefühl der Familie gegenüber heraus begann er, nach der Schule Jura zu studieren, um eines Tages ein gesichertes Einkommen zu erhalten. Aber wie viele Dichter haben das nicht versucht. Jura! Dass ihm die Rechtswissenschaften nicht lagen, beschämte ihn – dass er sein Studium abbrach, um sich der Philosophie zu widmen, noch mehr. Ihm fehlte leider die Kraft, über seinen eigenen Schatten zu springen und selbstbewusst zu sagen: „Ja, ich habe Talent zum Schreiben“.
Der Zwiespalt - Realität (das Äußere) und seine innere Vorstellung - zerrissen die junge Seele, die letztendlich ihre Auflösung nur im Freitod fand.
Geboren wurde der deutsch-jüdische Schriftsteller in Berlin, hier (und teilweise in Freiburg im Breisgau) hatte er die Universität besucht. Die Öffentlichkeit mied er weitestgehend, auch deshalb war er wohl als Künstler bis zu seinem Tode eher unbekannt. „Unsere bis oben hin geschlossene Kleidung, die nichts vom Körper sehen lässt, findet ihr Gegenbild in unsrer konventionellen Sprache, in der sich die ursprüngliche Empfindung nicht sehen lassen darf: Nur in andeutenden Lauten flüstert sie unter dem eigentlichen Gespräch hin; und darum ist Ibsen der Dichter der Zeit, weil er dies weiterzugeben vermochte: die konventionelle mit der ausweitenden Symbolik des darunter Hintönenden; er hat das Symbolische des modernen Kostüms entdeckt“. So Calé.
Читать дальше