1 ...6 7 8 10 11 12 ...20 Wasser heilte und belebte mich, machte meine Haut sauber. Die Kratzer und das Gift mit der Spucke neutralisieren und alles ausspülen. Nach dem ersten Naveren Angriff wusste ich dies einfach, als ob ich dieses Wissen in mir trug und bezwang das Gift.
Bauch und Herz zogen mich zum Nass. Ich hatte dies vor langer Zeit akzeptiert. Unerlaubt schlich ich aus dem Sucherhort in Plawass, um das Bad im Meer zu nehmen. Den Gestank der anderen ertrug ich nicht. Ab und zu erwischten sie mich oder verpetzten mich. Ich tat es wieder und wieder. Wie hätten die Weisen im Sucherhort einschreiten können? Meine Eltern benachrichtigen? Welche?
Mich ärgerte plötzlich, dass ich nicht zu den Seefahrern gehörte, als ich das Schiff mit den weißen Segeln sah. Eine seltene Farbe. Die Delmen überquerten den Belt und befuhren das Meer. Sie verbanden die Hafenstädte und waren für mich die geheimnisvollste Menschengruppe. Sie nannten sich die Herren der See. Ich mied sie nach meiner Verwandlung. Die Gründe dafür konnte ich nicht in Worte fassen. Die Blauen erinnerten mich daran, dass sie täglich Wasser um sich herum hatten, dass ich niemanden um mich hatte.
Ich legte meine Kleider ab und stürzte mich in die wellige See.
Sofort spürte ich die Veränderung. Das Wasser um mich herum glättete sich wie üblich. Die Wellen rollten wie an einer unsichtbaren Wand an mir vorbei. Seit Jahren hoffte ich mit Wasser spielen, es verändern zu können. Die Macht der anderen, die Kraft zu nutzen, war mir nicht gegeben.
Bald schaukelte ich wieder mit den Wellen. Ich tauchte. Obwohl die Wasserwelt anders schien, ähnelte sie für mich der an Land. Ich hätte stundenlang hier bleiben können, als in der Wildnis geschärfte Sinne Alarm schlugen. Ich war nicht mehr allein und tauchte auf. Neben meinen Sachen stand ein kleiner Mann. Nie zuvor begegnete ich einem Menschen in der Wildnis.
Ich stieg langsam aus dem Wasser, beobachtete die Umgebung, den Strand und sah seine und meine Fußspuren. Mein vorheriges Hochgefühl unter Wasser rannte davon wie ein Kleptron vor einer Navere.
Der Mann trug gelbgrüne Kleidung und zeigte damit seine Zugehörigkeit zu einer Menschengruppe. Loxmen. Alles an ihm schrie mich stumm an: Sieh her, ich gehöre dazu.
Nie suchte mich ein Loxmen oder ein anderer Mensch. Sofort fielen mir genug Gründe ein, warum er seinen Spaß mit mir - ich war für ihn ein Spielball - haben wollte.
Loxmen transportierten alle Waren auf den Straßen Balidans. Dieser trug kein Gepäck. Von der Straße einfach abgekommen schien er nicht. Ich stellte mir Wege vor, eine verrückter als die andere, wie der Loxmen sicher mit Hilfe der Kraft an den Strand gelangte. Aussichten, die ich nie haben, nie kennenlernen würde.
Bald verschwand die Sonne im Westen, und ich wollte ihm keinen Grund zum Kampf geben. Diese Gruppe ließ mich bisher in Ruhe.
Ich duckte mich, machte mich mit jedem Schritt kleiner, als ich herannahte. Ich legte eine Hand an das Ohr - die Geste für zuhören -, obwohl er mit dem Gruß beginnen müsste.
Der gelbgrüne Mann reichte mir an die gebeugte Brust. Seine Schultern boten doppelten Platz für meine. Ein Oberschenkel besaß den Umfang meiner Hüfte. Die Navere hätte er auf Händen getragen.
Er sah lange an mir hoch und herunter, verweilte mit einem sonderbaren Blick auf meinen frischen Kratzern. Ich war viel zu aufgeregt, um den Blick lesen zu können. Er betrachtete abfällig, aber interessiert meine wenigen Sachen, die zwischen uns lagen.
„Ich bin Oxba, Ratsmitglied der Loxmen. Dein Name ist Artir.“
Keine Frage, kein Gruß. Sein Säbel hing an seiner Hüfte herunter. Wenn sie Erzeugnisse transportierten, baumelte der Säbel in einer Vorrichtung auf dem Rücken. Vor seiner Brust kreuzten sich zwei Gürtel. In ihnen steckten zahlreiche kleine Wurfmesser. Seine kurze Hose überlegte sich, seine dicken Knie zu bedecken. Ein nahtloses Hemd floss über seinen muskelbepackten Oberkörper. Naverenangriffe kümmerten ihn nicht. Der Gedanke machte mich zu wütend und meine mühsam aufrechterhaltene Zurückhaltung floss in den Belt. Er blieb stumm, und doch wusste ich, dass er reden wollte. Ich konnte keine klaren Gedanken fassen und beobachtete ihn nicht genau. Später war man immer schlauer. Ich wollte frech sein, eine Art die Wut zu zügeln.
„Ich grüße Sie, Ratsmitglied Oxba.“
Ich genoss, sein Gesicht entgleiten zu sehen, das offen Bestürzung und Scham zeigte. Ein kleiner Triumph in einem ungleichen Spiel. Meine Chancen gegen ein Ratsmitglied waren dieselben wie die einer sich windenden, auf der Kralle einer Navere aufgespießten Messi. Ich bereute sofort meinen Vorstoß, als ich wieder klar denken konnte.
„Verzeiht, dass ich zuerst grüßte.“ Es kostete mich keine Anstrengung, den Kopf zu senken. Im Lauf der Jahre lernte ich Demut.
„Ich bitte dich um Verzeihung, dass ich vor lauter Aufregung unhöflich war“, überraschte mich der Loxmen und brachte mich wieder durcheinander. Jetzt erst bemerkte ich die Füße, die abwechselnd wippten, sah die Augen, die unruhig in Bewegung blieben, staunte über die Hände, die Luft kneteten. Seine Gesten und seine Haltung wiederholten zwei Sätze.
Tu mir nichts! Ich will hier weg!
Meine Verblüffung presste ich in meine Kehle zurück, auf dass kein Laut entwich. Mein Gesicht blieb steinern.
„Ich grüße dich, Artir. Ich kann weder behaupten, dass ich dich jahrelang suche, noch dass ich dich erst jetzt zu sprechen wünsche.“
Meine Lippen krampften. War das die allgemein übliche Sprechweise der Ratsmitglieder? Sich widersprechende Aussagen machen?
Das war der sonderbarste Satz, den ich je gehört hatte. Allerdings waren meine Erfahrungen mit zu mir sprechenden Menschen bestenfalls karg zu nennen. Ich hütete mich, etwas zu sagen, und glättete meine Wangen und Stirn. Er schien selbst zu merken, dass niemand diesen Satz verstehen konnte.
Seine Hände wirbelten in der Luft, der Kopf neigte sich leicht, Verständnis erheischend. Seine Augen schweiften überallhin. Er suchte nach besseren Worten. Ich spürte, dass er sich zwang, genau zu sein, damit ich ihn verstand. Seine Schultern sanken herab. Er gab auf, seinen Satz verständlich zu machen.
„Ich grüße dich, Artir. Ich kann weder behaupten, dass ich dich jahrelang suche, noch dass ich dich erst jetzt zu sprechen wünsche.“
Er wollte längst gerne mit mir reden, hatte aber nie Zeit, mich zu finden. Bis jetzt. Das war die Wahrheit in seinem Satz. Oxba wollte unbedingt ehrlich zu mir sein. Die offen stehende Frage, ach was, tausende Fragen versuchte ich mühsam aus meinem Gesicht zu kratzen. Aber es kam verrückter.
„Ich bin nicht als Ratsmitglied der Loxmen hier. Das ist wichtig. Nur Oxba, der Loxmen, ist zu dir gekommen. Ich erweise einer jungen Frau einen Gefallen. Ihr Name ist Caraschla. Sie bat mich, dir diesen Stein zu übergeben.“
Er hielt mit Daumen und Zeigefinger einen halb in Leder gewickelten durchsichtigen Stein. Ein Saramanth. Vorsichtig stopfte der Loxmen ihn zurück in den Lederbeutel. Dann lag der Beutel neben meinen Sachen.
Meine Gesichtsbeherrschung konnte ich nur mühsam halten. Ich starrte abwechselnd Oxba und das Leder an. Satz für Satz sank in den Brei, den ich zuvor Verstand nannte.
Er kam nicht als Ratsmitglied? Warum erwähnte er das? Ich fand keine Erklärung. Ihn fragen? Nie beantwortete je ein Mensch meine Fragen. Dieser hier bildete keine Ausnahme. Das wusste ich sofort. Woher? Das wusste ich nicht.
Ratsmitglieder sprachen für ihre Menschengruppen und nicht für mich. Ich hatte einige am letzten Tag im Sucherhort gesehen. Ich wollte mich nicht an diesen Tag erinnern und schob die aufkommenden Bilder fort.
„Wer ist Caraschla? Warum schickt sie mir diesen Stein?“, fragte ich mit zitternder Stimme. Der Gedanke an eine Frau machte den Kopf vollends leer.
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