Nach vorn im Norden lag der tiefblaue Belt, der in dieser Gegend fast glatt war. Hinter mir spitzten weiße Berge den südlichen Horizont. Das Ende meiner Welt. Bis dahin marschierte ich viele Wochen. Dort lag mein Ziel. Im Südgebirge entschied sich mein Schicksal. Dies hatte ich mir im ewigen Eis geschworen, sollte ich in den Städten keine Aufnahme finden.
Schräg links lag eine Stadt. Dies musste Gurwass sein. Der Ort schmiegte sich wie eine Sichel an eine natürliche Bucht am Belt.
Das umgebende Land flachte ab, glich sich dem Belt an.
Ich kam dem Belt näher, freute mich auf ein Bad, als ich ein nur zu bekanntes Geräusch hörte. Ich war nachlässig in meiner Konzentration gewesen. Ein Fehler, der tödlich enden konnte. Meine zwei Taschen fielen zu Boden. Vier Beine stemmten sich in den Boden. Krallen rissen Furchen in die Erde, um einen sehnigen hungrigen Körper mit scharfen Zähnen in die Luft zu schießen, und - um mich zu fressen.
Die sechsbeinige Steppennavere, die auf mich zusprang, war etwas größer als ich und fixierte mich mit roten Augen. Auf ihre natürliche Beute wirkte das Rot lähmend, auf mich stets traurig. Mein eigener wilder Flug kam für die Jägerin unerwartet. Naveren vertrauten auf ihre Wucht und die Angst der Beute. Diese Erfahrung zahlte ich in den Jahren mit einigem Blut. Mit beiden Händen griff ich den Stock an den Enden. Im Flug rammte ich das Holz in das offene Maul, damit es nicht zuschnappen konnte. Ich schlug im Fallen auf die vier Ohren. Die Treffer machten sie benommen. Allerdings streifte eine ihrer Pranken meine linke Seite. Während wir fielen, griff ich einen Vorderfuß und zog meine Knie an. Ich landete auf ihr und einer ihrer Knochen brach. Sie jaulte aus ihrer Ohnmacht auf.
Das schlaffe Krallennest mit dem Samtüberzug drückte ich in das aufgerissene Maul, und riss den Stock heraus. Keine Sekunde zu spät. Das Weibchen, ein Prachtexemplar, schnappte automatisch nach mir und biss sich selbst. Mein Stock schlug auf ihre Ohren und sie lag bewusstlos da.
Die Wunden brannten bereits, und das Gift der Krallen arbeitete. Ich riss das Maul auf und sammelte den Speichel mit einer Hand. Jetzt musste ich zügig arbeiten. Ich klatschte den übelriechenden Schleim auf die fünf Furchen. Nachdem ich mich bespuckt hatte, nahm ich alle leeren Kolben aus den Taschen und füllte sie mit frischem Schleim.
Als ihre Zunge sich bewegte, haute ich ihr wieder auf die Ohren und schickte sie ins Reich der unbegrenzten Jagdgründe. Ich eilte zu einem Busch und brach einen Ast ab. Als ich mich vor die samtene Jägerin kniete, hatte ich das Holz bereits in zwei Teile zerbrochen. Der eine Scheit weitete die Zahnreihen, die das Tier nun nicht mehr schließen konnte. Den anderen Stecken legte ich neben das gebrochene Bein. Die Hinterbeine fesselte ich. Die schlaffe Fellmasse blieb nun ungefährlich. Ich richtete den Knochenbruch und schiente ihn, umwickelte den Bruch mit Sennagras, das getrocknet sehr hart wurde. Mit der Zeit würden Halme und Holz sich lösen, wenn die beginnende Schwellung abklang und die Knochen heilten.
Ich streichelte das Fell, spürte das Pochen des Herzens. Seit Jahren beobachtete ich Naverensippen in der Steppe und in den Bergen. Sie zeigten mir, wie liebevoll Männchen und Weibchen miteinander und mit eigenem und fremdem Nachwuchs umgingen. Eine Navere machte keinen Unterschied. Sie säugte und wärmte alle Nachkommen.
„Du wirst genesen, weiterhin beschützen und ernähren!“, sprach ich zur Bewusstlosen. „Ich ehre dich für Mut und Loyalität, damit deine Sippe überlebt.“
Ich liebte diese unbändigen Jäger, obwohl sie mich immer angriffen. Im ersten Jahr meiner Wanderung erlegte ich einige in Notwehr. Jetzt brachte ich das nicht mehr fertig, Leben zu löschen, weil sein Garma festlegte, mich zu verspeisen. Geschiente Jäger durchstreiften die Gegenden, die ich hinter mir ließ.
Ich setzte mich neben Schönfell. Jetzt kam die schwierige, gemeine aber notwendige Phase. Ich knotete ein dünnes Seil um das verletzte Bein, nahm das Scheit aus dem Maul und entfesselte die Läufe. Ich zog die Schnur straff.
Das ungezähmte Feuer grunzte und erwachte. Ihr Garma ließ sie nach mir schnappen. Ein kleiner Ruck an der Schnur brach den Angriff sofort ab, und sie jaulte auf. Die sehnige Jägerin ertrug keine Schmerzen.
Sie war unbeugsam. Das mochte, liebte ich. Es tat mir weh, sie gefangen zu sehen. Hart musste ich bleiben, unbarmherzig, um uns beide zu schützen - sie vor dem Tod und mich vor dem Auseinanderbrechen meines Selbst, wenn ich sie jetzt, wehrlos, hätte töten müssen.
Der Tag vergaß zu rennen und schlurfte. Die Navere zitterte vor Anstrengung, vor Schmerzen. Ihre roten Augen glitten nicht mehr an mir vorbei. Sie sah nur mich. Darauf hatte ich gewartet. Sie roch ihren Speichel an mir und schob sich vor. Im Gegensatz zu kleineren Proteinsüchtigen kannten meine Lieblinge keinen Trug, keine List, keinen Verrat. Sie sprangen ihre Beute von vorne an. Ich streckte meine Hand aus, ihre Zunge leckte daran. Ich kraulte ihren Nacken, Fell drückte gegen Haut. Ein Schnurren floss aus zwei Reihen scharfer Zähne. Sie reckte sich, drehte sich auf den Rücken. In diesen Momenten fühlte ich mich gebraucht und verachtete mich dafür, weil ich sie zuvor gebrochen hatte.
Sie humpelte auf dem Vorder- und vier Hinterbeinen davon und zog das lose Seil mit sich. Die ersten Gebrochenen verfolgte ich bis zu ihrer Sippe, um zu erfahren, wie Naveren mit Verletzten umgingen. Ich hätte alle Angriffe tödlich abgewehrt, wenn keine Chance bestanden hätte. Jetzt wollte ich ihr Männchen sein, ihr hinterher, sie ablecken, für sie jagen. Ich schluckte meine Sehnsucht herunter und schlurfte die restlichen Kilometer zum Strand. Schnell überquerte ich die Straße. Der Boden war ein mir unbekanntes Gestein, weil es nicht hart sondern elastisch war, je mehr man darauf stampfte.
Die Wellen lächelten mich an. Ich sehnte mich nach dem Bad. Ob andere Menschen ähnlich fühlten, wusste ich nicht. Der strenge Geruch in den Städten gab mir zumindest einen Hinweis.
Ein Schiff mit blauem bauchigem hohem Rumpf trieb auf die Bucht zu. Delmen. Nur sie befuhren die See.
Die Stadt Gurwass in der beginnenden Nacht zu betreten erschien mir diesmal sicherer, um mich vorher zu orientieren, um genug Fluchtrouten zu kennen.
Trotz der feuchten Nähe trocknete die Sonne diesen Streifen aus. Durch steten Wind gebogene Büsche, kurze dickstengelige sowie lange dünnstengelige Gräser und blühende Kräuter bedeckten diesen dünnen Streifen zwischen Straße und Belt.
Die Hafenstadt umschloss ein mehrere Kilometer dickes Band aus gezüchteten Bäumen und Sträuchern. Der Gürtel ernährte die Stadt und schirmte sie gleichzeitig wie eine Mauer vor dem wildwachsenden Land ab.
Sobald ich mich konzentrierte, hörte ich zahlreiche Pflanzenfresser, die sich durch das Gras bewegten. Ein paar kleinere Jäger, die mir nicht gefährlich werden konnten, lauerten ihnen auf. Das gehörte zum Spiel außerhalb der Stadt.
In der ersten Zeit in der Wildnis biss mich der Hunger, da ich damals regelmäßiges Essen gewohnt war, das mich fett und träge gemacht hatte. Jetzt jagte ich, wenn ich musste.
„Die Naveren sollen ihn zerreißen!“
Vomen töteten ernstzunehmende Gegner, keinen Unwichtigen, Ausgestoßenen wie mich. In den Städten trampelte man auf mir herum ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Vieles ertrug ich, schluckte Schmähungen und ließ mich durch Klingen ritzen, oder Hämmer brachen meine Knochen. Ich konnte nicht gegenhalten. Niemand trat für mich ein. Ein Grund mehr, diesmal bei Dunkelheit die Stadt zu betreten. Um den Abend zu erwarten, suchte ich einen sicheren Platz am Belt. Zumindest lief ich zu dieser Zeit nicht Gefahr, sofort als Fremder erkannt zu werden. Zuerst musste ich meine Wunden versorgen.
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