Wir sollten unsere Arme in die Höhe recken.
Es war das erste Mal, dass sich mein Armband regte, nun ja regte war vielleicht zu viel gesagt. Die Decke sank herab, so schien es mir. Die Schlieren zogen dicht über unseren Köpfen ihre Bahnen und berührten die Armbänder. Während die anderen Armbänder in abwechselnden Farben aufleuchteten, machte meins nichts, sondern jagte mir Schmerzen durch den Arm.
„Zeit ist unbedeutend, wenn Entscheidung alles ist“, dröhnten die Stimmen der Weisen.
Daran erinnerte ich mich. Dann verschwamm die Zeit im Hort. Alle Sucher lebten in den Gruppen. Eine Tortur für mich, weil ich fast nur verletzt und mit Schmerzen zurück kam. Zu allem Überfluss war ich derjenige, der immer am längsten in den Gruppen blieb. Die Hortzeit wollte ich nur vergessen.
Die Verwandlung.
Ein Mädchen begann. Wir mussten uns ganz am Rand unter der Decke auf den Boden setzen. Das Mädchen stand in der Mitte und hob ihren linken Arm; Mädchen trugen ihren DAL oft am linken Handgelenk. Wieder sank der lebendige wirbelnde Farbennebel herab. Diesmal erreichte er den Boden und das Mädchen stand in den zahllosen Farben. Nichts geschah. Oft hörte ich ihr Keuchen. Sie schien Schmerzen zu haben. Nach einer guten Stunde hob sich der bunte Schleier, und eine kräftige Frau mit dunkler Haut, blauen Augen und blonden krausem Haar stand vor uns.
„Ich bin Alina“, rief sie.
Sie ging auf eine Nische zwischen zwei Säulen zu, über denen die Zungen in grasgrün leuchteten. Der Raum selbst blieb zuerst für uns alle offen. Erst als sie eintrat, schloss sich hinter ihr eine wirbelnde, grasgrüne Wand. Fortan schlief sie nicht mehr in unseren Räumen der Sucher.
In den nächsten Wochen folgten die anderen ziemlich schnell. Die Nischen füllten sich mit grasgrünen Allmen, wie sie sich nannten, roten Schlamen, gelborangen Pfermen, braunen Dacmen, schwarzen Vomen, blauen Delmen, gelbgrünen Loxmen und violetten Lumen. Die Kleider lagen bereits in den Nischen. Viele andere Nischen blieben leer. Ich war der letzte, weil ich wieder mal sehr lange in einer Gruppe blieb.
Die Weisen sagten, jetzt müsse es mit mir was werden.
Ich antwortete:
„Zeit ist unbedeutend, wenn Entscheidung alles ist. Mit diesen Worten habt ihr mich empfangen, verehrte Weisen. War das gelogen und geheuchelt?“
Aus den Nischen schrien die Gruppen auf und die Weisen donnerten los, was mir einfiele. Mir stünde als Sucher keine Kritik zu.
Ich war allein in der Halle. Die Decke senkte sich und war im Nu wieder oben. Keine Schmerzen.
Ich flüsterte meinen Namen. Ich trug weiße dicke Haare, war der Größte. Im Gegensatz zu anderen war ich schlank, aber nicht so muskulös wie die Loxmen. Meine Augen blieben tiefblau. Ich betrat keine Nische. Dazu kam es gar nicht erst. Ich schüttelte mich und stopfte die schlimmste Erinnerung in das dafür vorgesehene Loch.
Die Verwandlung musste mit allen möglichen Entscheidungen zu tun haben, die man in den Gruppen traf. Sie war eine magische Prozedur, die niemandem erklärt wurde. Sie geschah einfach. Ich hatte nur meinen Verstand für Erklärungen. Wenn der erste Satz beim Betreten des Hortes allen galt, dann hatte die Verwandlung mit DAL, dem eigenen Willen und Entscheidungen für und gegen eine Gruppe zu tun. Irgendwas machte dieses Armband mit der Decke. Bei den Gruppen geschah etwas mit dem Sucher und am Schluss gehörte man zu einer Gruppe, die sich nicht nur in Gestalt und Kleiderfarbe sondern auch im Verhalten und im Häuserbau von anderen unterschied.
Das einzige neue war der DAL, den man vor dem Hort bekam. Ich hatte keine Erinnerung an eine Zeit vor dem Umlegen des Wurms. Wenn Vomia sich für Schlamen entschieden hatte, warum verwandelte sie sich in eine Vome? Stimmte etwas mit ihrem DAL nicht, oder hatte man etwas mit ihr gemacht, dass sie trotz der Schlame in ihr anders wurde?
Dass die Frau nicht Schlame sondern Vome war, machte mich wütend. War sie überhaupt freiwillig so geworden? Nein. Ich wusste das einfach. Meine Wut steigerte sich.
Hatte jemand ihre Verwandlung manipuliert?
Hatte jemand meine manipuliert?
Warum veränderte ich mich innerhalb eines Augenblicks, und alle anderen innerhalb einer Stunde?
Weil ich keine Antworten fand, baute sich mehr Wut in mir auf, also lief ich, weil Wasser zum Schwimmen nicht verfügbar war. Die Beine weigerten sich, aber ich zwang sie, den Schmerz schluckte ich. Ich lief über das flache Gras nach Westen. Der Belt lag viele Kilometer entfernt im Norden. Soviel Entfernung versuchte ich immer zwischen mir und einer Straße zu bringen, weil die Straße hier leider direkt am Belt entlang führte.
Nach Westen breitete sich eine saftig grüne Landschaft aus. Dickblättrige Büsche, fette lange Baumblätter an Laubbäumen bildeten undurchdringliche Inseln, die ich umgehen musste. Links im Süden sah ich weit, weit entfernt kleine weiße Spitzen. Vielleicht war das auch eine Täuschung, weil ich den Anblick erhoffte.
Alleinstehende gewöhnliche Nadelbäume mit ihrem Vierstammverbund wuchsen bis hundert Meter hoch. Ab und zu sah ich einige Laubbäume die bis achtzig Meter hoch ragten. Zu ihren Wurzeln gediehen Büsche. Darin versteckten sich bevorzugt Kleptrons, meine Leibspeise. Diese flugunfähigen Vögel rannten mit vier Füßen Naveren oder anderen Bodenräubern davon. Nur einer war schneller und ausdauernder. Sie wurden so breit wie meine Brust, und das zarte Fleisch ernährte mich für einige Zeit. Fettes Gras, sogenanntes Dickgras, bedeckte die Landschaft wie eine Stoffbahn. Die Lieblingsspeise der sechsbeinigen Rennwunder, die Tjellas. Diesen Namen erfuhr ich in Padent, als ich zwei Pfermen belauschte. Zumindest endete das Zusammentreffen nicht so blutig wie in Tawa.
Tjellas standen auf sechs Beinen; zwei sehnigen Vorderbeinen und vier grazilen Hinterbeinen, die neben dem Galopp mit Vorder- und Hinterhufen zusätzlich die mehr nach hinten gewachsenen Mittelhufen einschalten konnten. Dichte wallende Mähnen bedeckten kräftige Hälse und längliche Köpfe. Mehrmals versuchte ich sie zu überlisten, um mich auf ihre Rücken zu setzen. Sie waren zu schnell, zu wild und ich konnte nicht kräfftern. Das musste man wohl können, weil ich viele Farben auf Tjellas die Straßen entlang reiten sah. Ich stellte mir vor mit diesem Reittier über das vor mir liegende Gras zu rennen.
Vor mir und nach Süden zu zog sich der fette Grünbelag bis an den Horizont. Zugleich hörte ich weiter als bei hohem Gras. Nach meiner Verwandlung konnte ich besser hören und sehr weit sehen. Wenn ich mich konzentrierte, konnte ich auf hundert Meter ein Haar erkennen. Ich hörte die bekannten Stimmen der Wildnis, wuselnde Nestres, grunzende Enste, die hier in Herden umher liefen und fauchende Naverenbabys, die ihre Mütter und Väter aufforderten, mehr Essen zu jagen. Sturzkrallen mit ihren zwei Federflügeln flogen von Baumkrone zu Baumkrone. Die Ledergreife mit vier langen Lederflügeln segelten lange. Meist suchten sie ihre Beute in der Luft, flogen oft über Küstenstriche, um auf Fische auszuweichen oder auf mich.
Am liebsten hörte ich Krallen, die sich in den Boden gruben. Das war ein ganz bestimmter Laut, ein sanftes Knirschen, wenn sie zum Sprung abhoben. Wenn sie liefen, blieben sie fast lautlos, weil ihre samtenen Pfoten jeden Laut dämmten.
Schweiß floss mir über die Stirn. Meine Wut darüber, was mit Vomia geschehen war, blieb, obwohl ich keine Pause einlegte, womöglich noch schneller lief. Ich spurtete einen Hügel hinauf und entschied, dort anzuhalten.
Weit auf viele Kilometer hinab konnte ich auf flaches Land blicken. Am Horizont sah ich einen blauen Streifen.
Der Belt.
Zwischen dem Wasser und mir verlief die Straße schräg vom Belt hinein ins Landesinnere. Wenn Sucher mit ihren Begleitungen unterwegs waren oder Loxmen ihre Waren transportierten, hörte ich von weitem deren Gesänge und Stimmen. Oft schienen die Straßen im Gegensatz zum Land voll. Ich mied sie normalerweise.
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