„Haltet ihn still! Ich bestrafe ihn!“ Die Stimme knarzte in meinen Ohren und hörte sich alt an. Den Sprecher sah ich nicht und wusste sofort, dass ich sterben sollte. Ich lag platt, konnte weder Lid schließen, noch Finger krümmen. Die Frau sah teilnahmslos zu mir. Unsichtbare Fesseln hielten Arme und Beine am Boden.
Mein Hemd und die Haut platzten auf. Etwas Scharfes schlitzte mich auf.
Das war schlimm.
Drei blutende Furchen zogen sich über meine Brust. Flammen züngelten hinter meiner Stirn, trieben Wasser durch meine Haut. Kein Laut kam über meine Lippen. Die Wunden brannten, als ob tödliches Naverengift sich mit meinem Blut vermischte.
„In den Belt mit ihm! Sollen die Schnapper ihn fressen“, befahl der Unsichtbare. Ich hörte keine Schritte, keine Stoffe rieben mehr aneinander.
Ich schwitzte. Das Brennen konnte ich ertragen, Schnapperzähne nicht. Schnapper mit ihren zahlreichen Unterarten beherrschten die Meere und Gewässer. Sie besaßen ein großes Maul mit mehreren scharfen Zahnreihen und harten Flossen, die sie äußerst wendig auf engstem Raum machten. Dieser Raubzahn riss in wenigen Minuten einen drei Meter langen Ohnezahn in Stücke. Wie ich blutete, waren alle Hafenschnapper innerhalb weniger Sekunden bei mir.
„Er beleidigte mich. Ich bestimme, was mit ihm geschieht!“
Die Frau trat vor, schob zwei Männer beiseite.
„Ich entschied für dich“, fauchte der Unsichtbare.
Dass die Kraft jemanden vor den Augen anderer verschwinden ließ und schwerelos dazu, machte mich wütend und ließ mich kurz alles um mich herum vergessen.
„Es liegt nur an mir, diesen Wurm zu bestrafen“, erwiderte die Frau mit fester Stimme. „Komme nicht zwischen einer Vome und ihrer Beute! Schafft ihn vor die Stadt! Die Naveren sollen ihn zerreißen. Ich will dabei zusehen.“
Die Vome unterstrich mit Händen, ihre Anweisung auszuführen. Anstatt drei Meter lange Meereskiller sollten mich ebenso lange Raubkatzen verspeisen. Zumindest atmete ich.
Dass sie mittlerweile vier Leute benötigten, um mich zu lähmen, sollte mir Mut geben. Früher schaffte dies bereits einer. Der alte unsichtbare Mann war sicher ein Schwarzer. Nicht oft bekam ich diese Krallen zu spüren. Mittlerweile jagten mir die Furchen bekannte Schmerzwellen durch den Körper. Der Alte musste seine Krallen mit Gift versehen haben. Wo aber hatte der das Gift her, dessen Wirkung mir bekannt vorkam?
Dieselben Schneiden zerrissen plötzlich die vier Kehlen der Männer. Warmes Blut spritzte auf mich. Tote Körper begruben mich. Die Lähmung und die Folter waren fort, aber das Gewicht der Leichen presste mich zu Boden. Jetzt zog ich die Schnapper des gesamten Belts an.
„Ich verschone dich, Vomia, und deine Beute, weil du meine Erste gewesen bist. Solltest du mir abermals widersprechen, rettet dich nichts mehr.“ Die Stimme verlor sich.
Was meinte der Mann mit „meine Erste“? Seine Geliebte? Seine Ehefrau?
Ein unsichtbarer Vomen tötete nach Belieben. Dabei hatten die Männer der Frau nur beistehen wollen. Mein Magen wollte sich entleeren. Ich würgte sein Begehren nieder und spürte, dass ich mit der Frau und den Toten allein war.
Ich zog mich aus dem Leichenhaufen, stand auf und beugte mich tief. Mit den Händen drückte ich die Schnitte zusammen, die brannten und bluteten.
„Du stirbst“, stellte sie ohne Gefühl fest. „Er verschonte dich, weil er dich bereits vorher getötet hat. Die Krallen sind giftig. Es gibt kein Gegenmittel. Du bist tot. Verschwinde und stirb!“
Das Gift brannte. Wenn die Bäume um mich herum zu wanken begannen, besaß ich eine kleine Chance. Aber ich hatte mir etwas vorgenommen, egal, ob ich starb. Meine Entscheidung galt bis zum Ende.
Menschen verschiedener Gruppen, aber vor allem Schwarze, näherten sich uns. Gebeugt stand ich vor der Frau. Meine empfindlichen Ohren schmerzten bereits durch das Stimmengewirr der sich nähernden Menschenmenge. Da ich blutete, keine Waffen trug, konnten sie vieles vermuten, wie die vier Männer starben. Auf jeden Fall stand ich als Schuldiger fest.
Die Vome - für mich Schlame - betrachtete mich interessiert. Sie atmete tief aus.
„Warum nanntest du mich Schlame?“, murmelte sie, damit niemand mithörte. Sie sah wie jede andere Vome aus - außer für mich.
„Weil ich genau das in dir sehe“, keuchte ich. „Du bist eine Schlame. Das ist die Wahrheit.“
„Wahrheit?“, fluchte sie. „Die ist heutzutage nicht erwünscht. Du scheinst kein Schlamen zu sein. Für einen Delmen siehst du zu stattlich aus, obwohl du dich klein machst. Und ein Allmen hätte nie gewagt, mich zu beleidigen. Was bist du?“
Ihre Haltung hatte mit einer Vome nichts mehr gemein. Ich spürte echtes Interesse und ging meinen Weg bis zum Ende.
„Ich weiß nicht, was ich bin. Ich heiße Artir,“ und wollte gerade um Aufnahme bitten, als ihr Interesse durch eisige schmale Augen abgelöst wurde. Weder eine Vome noch eine Schlame sprach aus ihr, als ob ein uralter Zauber Besitz von ihr ergriff.
„Artir? Du bist ein -.“ Etwas verschloss ihren Mund. Ihre Augen wurden groß. Sie schubste mich und trat nach mir aus.
„Verschwinde aus der Stadt! Sofort!“
Ich strauchelte, blieb verwundert stehen. Sie bückte sich, sammelte Kieselsteine und warf diese über meinen Kopf. Ich lief davon. Dabei legte ich die Hände schützend auf die Wunden. Einige Steine trafen die Beine. Ich kannte Schmerzlicheres.
Tawa, die kleine Stadt, beherbergte einen monströsen Wahnsinnigen, aber vertrieb mich. Wütend auf mich selbst, weil ich wieder keinen Anschluss fand, rannte ich. Meine Brust schien sich aufzulösen, weil ich nach Luft schnappte. Nun begann ich zu stolpern. Einige Gifte hatte ich bisher überlebt. Das Gift der Naveren tötete besonders einfallsreich. Eine Stunde brannte die Wunde, schloss sich nicht. Die eintretenden Halluzinationen brachten in der Wildnis später den sicheren Tod. Als ich das erste Mal halluzinierte, besaß ich nur einen Versuch und fand das Gegenmittel.
Verwendete der alte Vomen Naverengift? Ich starb oder lebte. Es gab keinen geeigneten oder falschen Zeitpunkt, um zu sterben. Der Tod geschah einfach. Es gab nichts, wovor ich mich fürchten musste.
Ich taumelte zu den abgelegten Sachen. Tasche aufreißen, selbst gebaute Kolben herausholen, Hemd ausziehen, erledigte ich in wenigen Lidschlägen. Ich öffnete den ersten Behälter und schöpfte mit zwei Fingern eine stinkende Masse heraus: Spucke aus dem Maul eines lebenden Naveren. Die blutenden Risse bestrich ich damit. Die leeren ausgehöhlten Aststücke fielen in den Beutel zurück. Es gab nur diesen Versuch. Mehr konnte ich für mich nicht unternehmen.
Das Hemd wickelte ich als Verband um die Kratzer und knotete die Zipfel fest zusammen. Meine Knie knickten ein und ich erlebte die Umgebung schummriger. Die tiefe Schlucht drehte sich vor mir. Die Halluzinationen setzten also ein. Ich hörte Rufe und rennende Füße. Ich musste weg. In der Regel ließen die Bewohner mich in Ruhe, wenn ich die Stadtgrenze passiert hatte. Diesmal wollten sie meinen Tod.
Oder halluzinierte ich diese Annahme? Der Nadelbaum vor mir bekam fünf, nein, sieben Stämme. Der schmale Felsstreifen, der mich zuvor sicher hierher führte, kippte schräg in den Strom. Wassermassen stiegen hoch bis an den Rand. Wie eine blaue Wand raste eine Riesenwelle die Schlucht entlang direkt auf mich zu und würde mich zerschmettern. Ich wischte das Trugbild fort, indem ich mir mehrmals ins Gesicht klatschte.
„Hier sind Spuren.“ Eine männliche Stimme. Nicht der Unsichtbare. Fast sympathisch.
„Wir müssen ihn finden. Helft ihm!“ Eine Frauenstimme. Vomia. In Sorge.
Quatsch! Niemand sorgte sich um mich. Ich halluzinierte bereits. Das Gift. Ich schüttelte den Kopf, um die Benommenheit einfach loszuwerden. Sie jagten einen Schwerverletzten, weil sie nicht abwarten wollten, mir den Todesstoß zu geben. Wirkte die Naverenspucke? Ich warf mir die Taschen über, schob den Stock zwischen Riemenlaschen, damit ich die Hände frei hatte.
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