Selbst ohne schwarze Kleidung erkennt man beispielsweise die Vomenan den schwarzen Augen und der ledrigen Haut oder die Pfermenan ihren wohlgeformten Körpern und den wallenden Haaren oder die Delmenan dem fischähnlichen Gesicht und der glatten Haut.
Der Verwandlung geht eine mehrjährige Suche voraus, in der alle Entscheidungen über das zukünftige Leben gespeichert werden. Alle Willensbekundungen zusammen führen zu der oder zu jener Gruppe. Diese magische Metamorphose ist endgültig und unumkehrbar.
Seit Jahrtausenden leben die Menschen in diesem Gleichgewicht der Gruppen, die sich untereinander mischen. Ehen innerhalb einer Gruppe kommen vor, sind aber selten. Kinder leben bis zur Suche in einer Wolke aus Sorglosigkeit, Glück und Liebe. Die Suche ist ein markanter Einschnitt im Leben aller Menschen. Die Jugendlichen verlassen die Eltern und leben im Hort, in dem auch die Verwandlung stattfindet.
Bevor der Sucher allerdings den Hort betreten darf, wird ihm ein lebendes magisches Armband umgelegt. Fortan sind Mensch und Armband bis zum Tode verbunden. DAL nennen die Menschen den Wurm, der alle bisherigen und alle zukünftigen Entscheidungen für die Verwandlung speichert. Ohne DAL gäbe es keine Verwandlung, keine Gruppen und damit kein magisches Gleichgewicht. Mit DAL zaubern die Menschen. Sie nennen es kräfftern.
DAL verursacht eine Löschung der Kindheitserinnerungen. Als leeres Gefäß tritt der junge Mensch in den Hort, um neu gefüllt zu werden. In der Suche festigen oder verändern sich die Charaktere, die auch Sel genannt werden.
Die Verwandlung in jede mögliche Gruppe bildet die Basis für das fragile Gleichgewicht des Friedens.
Eine Gruppe garantierte dieses Gleichgewicht.
Diese Gruppe verschwand.
Allmen- Farbe: grasgrün
al la - Namensbeispiel: Og alaoder Omd al
Dacmen- Farbe: braun
ac ca - Namensbeispiel: R acner oder Ele ca
Delmen- Farbe: blau
ed de - Namensbeispiel: Ar den oder S edara
Loxmen- Farbe: gelbgrün
ox xo - Namensbeispiel: Oxba oder R oxlen
Lumen- Farbe: violett
um mu - Namensbeispiel: Umano oder Ri uma
Pfermen– Farbe: gelborange
ef fe - Namensbeispiel: Had efoder O fera
Schlamen- Farbe: rot
sch - Namensbeispiel: Lo schen oder Cara schla
Vomen - Farbe: schwarz
ov vo – Namensbeispiel: Vomia oder Lor ov
Einfache Kräffter täuschen, lügen und foltern.
Die mächtigsten Kräffter aber dienen allen Gruppen.
Lehre der Schlamen
Jeder kann wütend werden, das ist einfach.
Aber wütend auf den Richtigen zu sein,
im richtigen Maß,
zur richtigen Zeit,
zum richtigen Zweck und,
auf die richtige Art,
das können nur unsere Beschützer.
Sprichwort der Delmen
Ich kroch langsam an den Kraterrand. Vor mir fiel die Wand senkrecht bis zum Boden. Mir schien, ein Riese hätte vor langer Zeit mit einem runden Stampfer in die Erde geschlagen und ein tiefes Loch hinterlassen, das gute sechs Kilometer Durchmesser hatte. Am Grund des Kraters lag die Stadt Tawa mit ihren bunten Häusern. Wenige Meter unter mir lachten drei Männer auf einem Treppenabsatz, von dem aus Besucher über eine in die Wand gehauene Steintreppe hinabsteigen konnten. Die Wachen trugen schwarz und gehörten zur Gruppe der Vomen, mit denen ich meine größten Schwierigkeiten hatte. Sie schwatzten so laut, dass ich bereits von weitem durch meine empfindlichen Ohren gewarnt war und abseits der Straße hierher schlich.
Ich lag zwischen blühenden Lonabüschen, die hier überall wuchsen. Die großen graublauen Blüten und fleischigen Blätter verbargen mich vor Vögeln, die mir gefährlich werden konnten, wie die vierflügeligen Sturzkrallen oder die kleineren aber biestigen Ledergreife.
Etwas aufgeregt war ich. Schließlich betrat ich vor zehn Monaten das letzte Mal eine Stadt. Aus Padent, der Stadt nördlich der Wüste, kam ich einigermaßen glimpflich davon. Jedenfalls freute ich mich, wieder Menschen zu sehen, auch wenn es Wachen waren, die mir den Zugang verwehren würden. Auf den Straßen und Wegen in der Stadt gingen oder standen Bewohner unterschiedlicher Körpergrößen. Sie trugen braune, violette, vereinzelt rote und gelborange Hosen, Hemden oder Kleider. Sie gehörten Gruppen an, die mir weniger feindlich gesinnt waren. Ich hoffte nach wie vor - trotz meiner Erfahrungen - in einer Stadt aufgenommen und nicht mehr vertrieben zu werden. Dazu musste ich an den Wachen vorbei, um jemanden zu treffen, der mir endlich wohlgesonnen war, vielleicht ein grasgrün gekleideter Allmen oder eine in rot gekleidete Schlame.
Mich erstaunte, dass ich hier viel schwarz sah. Das fand ich bemerkenswert, weil die Vomen in anderen Städten die kleinste Gruppe war. Die Männer trugen schwarze Stiefel, weite schwarze Hosen, enge schwarze Hemden oder Pullover und vor allem schwarze Umhänge. Die Frauen trugen Stiefel oder Sandalen, enge Hosen oder Röcke und weite Oberteile, ebenfalls in schwarz. Sogar die Haare, Augen und Brauen waren schwarz. Vomen waren dürr. Ihre Rücken bogen sich nach vorne, dadurch schien es, als ob sie ständig gebeugt gingen. Die dünnen oft ledernen Hälse und kleinen Köpfe ragten nach oben.
Das glatte Felsgestein der umlaufenden senkrechten Wand leuchtete hellbeige in der hochstehenden Sonne. Eine Schlucht im Süden durchbrach die unnatürliche Glätte. Ein wasserreicher Strom aus dem Südgebirge teilte die Stadt in zwei Hälften und ergoss sich in ein Hafenbecken. Darin lag ein halb abgebranntes Schiffswrack. Hohe Klippen schützten den Hafen vor dem rauen Belt, der hier meterhohe Wellen gegen die Felsen schlug. Auf der Hafenseite waren die Klippen glatt, wie die beige Wand. Der Durchlass zum Meer war nur zwanzig Meter breit und lag im Norden rechts von mir. Die durchkommenden Wellen aus dem Belt prallten gegen die schiebenden Wassermassen des Stromes, und beide sorgten für ruhiges Hafenwasser. Mir gegenüber im Westen sah ich eine identische Treppe wie unter mir, die auf der anderen Seite des Kessels hinauf zu einer Straße führte. Auf dieser gelangte man zur nächsten Hafenstadt, die Gurwass hieß.
Hier oben pfiff steter Wind, während unten in der Stadt wohl kein Lüftchen wehte. Zahlreiche hölzerne und steinerne Brücken verbanden Tawas Stadthälften. Nach Farben getrennt verteilten sich bunte Häuser über das Zentrum. Um das Hafenbecken standen die gebogenen Dächer der blauen Delmenhäuser. Sie schienen verlassen und verwahrlosten. Gelbgrüne, rote und gelborange Gebäude führten in die Mitte zu schwarzen Dächern, die eine große Fläche einnahmen. Grasgrüne, wenige braune und viele violette Häuser schmiegten sich an die schwarzen Häuser. Jede Farbe repräsentierte eine der acht Menschengruppen.
Ein breiter künstlich angelegter Pflanzengürtel umringte die Bauten bis zum Fuß des Kraterrands. Darin befanden sich Laub- und Nadelbäume, Fruchtbüsche und zahme Fleischlieferanten, alle durch die geheimnisvolle Kraft verändert. Das grüne Band ernährte die Menschen oder ergab Werkstoffe für die Handwerker, die meist aus der grasgrünen Gruppe der Allmen kamen.
Nie zuvor sah ich eine bewachte Stadt, als ob sie etwas zu verbergen hatte. Zwar konnte ich die Gesichter der Wachen nicht sehen, aber sie schienen nicht freiwillig hier zu stehen. Tief in mir hatte ich Mitleid mit ihnen. Eine Konfrontation mit ihnen war nicht möglich. Sie nutzten die Kraft, konnten mich lähmen, foltern. Ich war ihnen ausgeliefert. Ich musste auf anderem Wege in die Stadt gelangen und versuchen, möglichst keinem Schwarzen über den Weg zu laufen.
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