Da ich zuvor noch nie in Delphi gewesen war, konnte man mein Wissen mehr als lückenhaft bezeichnen. Ich wartete auf meine Fremdenführerin und deren Erläuterungen, aber Melina studierte noch immer die Struktur der Säulen und suchte nach Schäden. Wenn das alles sein sollte, was von Delphi noch übrig war, konnte ich nicht so ganz nachvollziehen, wie man über drei Marmorsäulen eine Doktorarbeit schreiben konnte. Doch diese Ansicht wollte ich gewiss für mich behalten, ich hielt das für klüger.
„Scheint ja noch alles da zu stehen wo es hingehört, oder?”, versuchte ich das Gespräch wieder in Gang zu bringen.
„Ja ..., sieht so aus ...” Gedankenverloren strich Melina über einen Riss im Gestein.
„Fein! Dann können wir ja vielleicht heute noch zu den Thermopylen fahren und unseren Urlaub antreten!”, freute ich mich. „Wenn ich das auf der Karte richtig gesehen habe, sind wir ja nicht ganz so weit weg davon!”
Melina sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. „Felix, warst du schon mal in Delphi?”, begann sie mein Wissen zu prüfen.
„Nein, ich habe keine Ahnung. Ich habe mir das alles hier etwas größer vorgestellt. Alles was ich weiß ist, dass das Orakel von Delphi in der ganzen antiken Welt berühmt war. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass das alles gewesen sein soll!”
Melina nickte. „Zumindest mit der Größe hast du recht, Felix! Wir sind hier noch nicht im Orakel, wir sind in der Marmaria! Das hier ist das Heiligtum der Athena Pronaia!”
„Moment, Moment! Alles noch einmal zum Mitschreiben! Marmaria klingt nach Marmor, richtig?”
„Richtig! Hast in der Schule gut aufgepasst! Der Name wird von den Marmortempeln abgeleitet, die hier einst standen. Am schönsten ist die Tholos erhalten!” Damit meinte sie den Rundtempel vor uns, von dessen einstmals zwanzig Säulen gerade mal noch drei standen …
„Gut erhalten? Na ja, ich kann mir zumindest vorstellen, wie er einmal ausgesehen hat.”
„Das meine ich! Von den anderen Tempeln sind gerade einmal die Fundamente erhalten, der Rest bleibt unserer Fantasie überlassen. Auf alle Fälle ist die Marmaria das Heiligtum der Göttin Athene, und „Pronaia” bedeutet „die vor dem Tempel”, soll heißen des Apolls Tempel.”
„Wir sind also noch gar nicht beim Orakel angekommen? Ist das größer?”, fragte ich, langsam neugieriger werdend.
„Etwas, aber lass dich überraschen. Wir kommen gleich dort vorbei”, machte Melina es richtig spannend.
„Hab ich dich richtig verstanden, vorbei?” Mir kamen erste Zweifel an einem nahen Ende unserer Mission.
„Sieh mal auf deine Uhr, Felix. Wir haben fast drei Uhr am Nachmittag. Das letzte, was wir gegessen haben, war unser Frühstück in Athen. Ich würde vorschlagen, dass wir uns ein nettes Zimmer suchen und etwas zum Essen dazu.”
„Wie lange brauchst du denn für deine Untersuchung?”, fragte ich etwas ungeduldig.
„Wenn alles glatt läuft, vielleicht ein bis zwei Tage ...”
„Und falls nicht, können wir froh sein, wenn wir zum Fest unseres Inselheiligen auf Ios wieder zurück sind, oder?”, knurrte ich. Sie schlug die Arme um mich und küsste mich innig.
„Ach, Felix, du bist doch bei mir! Was soll denn schief gehen? Oder ist da etwas, was ich wissen sollte?”
Sie roch den Braten förmlich, ich konnte keine Geheimnisse vor ihr haben.
„Na ja, also ...”, druckste ich herum.
„Du hast wieder neue Visionen, oder?”, traf sie den Nagel auf den Kopf.
„Ja. Ich glaube, ja. Aber sie sind so unklar, so verschwommen. Ich kann so recht nicht daraus schlau werden. Manchmal denke ich fast, es sind einfach nur Träume, vollkommen ohne Bedeutung.”
Die aktuellen Geschehnisse mit dem Beben und der Slalomfahrt um die Felsstürze hatten mich auch so stark abgelenkt, dass ich meine neuerlichen Visionen regelrecht verdrängt hatte.
„Hat das Beben mit deinen Träumen etwas gemeinsam?”, forschte Melina weiter.
„Ich denke nicht, aber so langsam glaube ich nicht mehr an Zufälle. Jetzt wo du es sagst, ist es irgendwie komisch. Da ich die Visionen noch nicht deuten kann, weiß ich auch nicht, wohin sie mich führen. Aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich hier verkehrt bin.”
Sie grübelte. „Es ist so, als wenn man Antworten bekommt, und muss die Fragen dazu finden ... Warum hast du mir nichts gesagt?”
Diese Frage schwebte die ganze Zeit wie ein Damoklesschwert über mir.
„Ich wollte nicht, dass du dir Gedanken machst. Jeder normale Mensch hat einmal wirre Träume, warum soll ich dich jedes Mal verrückt machen, vielleicht ist es am Ende doch nur ein Traum.“
Sie ließ nicht locker. „Seit wann bist du dir sicher?”
„Sicher? Überhaupt nicht. Aber als wir Ios verließen, hat ER zu mir gesprochen. Da war es mir klar, dass bald etwas passiert.”
„Der Löwe von Ios hat zu dir gesprochen? Du hast mir auf Ios von deinen Träumen erzählt, aber wenn der Inselheilige zu dir gesprochen hat, dann kannst du sicher sein, dass eine neue Aufgabe auf dich wartet. Doch wo?” Sorgenvoll sah sie mich an.
Ein dumpfes Rumpeln unterbrach uns, dass schnell lauter wurde und aus der Richtung des Tales kam, aus der wir gekommen waren. Wie von einer unsichtbaren Hand wurden unvermittelt Bäume und Felsen mit unvorstellbarer Wucht nach unten gerissen. Auf einer breiten Schneise donnerten etliche Tonnen Geröll keine hundert Meter von uns ins Tal. Schlagartig war uns klar, dass eine höhere Macht ihre schützende Hand über unsere kleine Karawane gehalten hatte.
Der Boden unter unseren Füßen vibrierte von der Gewalt des Naturschauspiels. Dort wo noch vor einer Minute eine Straße gewesen war, gähnte jetzt eine klaffende Wunde in der Flanke des Berges, die sich bis tief unter uns ins Tal des Pleistos zog.
Sichtlich geschockt hielten wir einander fest. „Ich glaube, wir sollten von hier verschwinden, Melina!”, fand ich als Erster wieder meine Sprache. Sie nickte nur stumm und ließ sich von mir zum Auto zurückführen. Es stand unversehrt dort, als sei nie etwas passiert.
„Für heute haben wir genug gesehen”, fand Melina auch wieder Worte. „Lass uns fahren.”
Ich legte den Gang ein und gab Gas. Wir bogen um eine lang gestreckte Rechtskurve und konnten links, etwas tiefer unter uns, eine lang gestreckte antike Anlage sehen.
„Das antike Gymnasion”, erklärte Melina, bevor ich fragen konnte. „Das war nicht nur ein sportliches Zentrum, sondern auch ein kultureller Treffpunkt damals. Es gab da Laufbahnen, Ringschulen, Badeanlagen und sogar eine Bibliothek!”
Ich fuhr langsam genug, um einen Blick zu erhaschen, doch schon forderte die nächste Linkskurve Konzentration. Eine alte Brunnenanlage kam in unser Blickfeld.
Frauen in weißen Gewändern schöpften Wasser und reinigten sich rituell, während Priester betend ihre Hände zum Himmel erhoben. Sie erflehten den Segen des einen Gottes, der ihnen Antwort gab und sie sehen ließ.
„FELIX!!!” Melinas Schrei holte mich zurück in die Gegenwart. Der rechte Reifen unseres Autos holperte auf dem Seitenstreifen der Straße, während der Felsen keine Handbreit an Melinas Fenster vorbei schnitt. Mit einer heftigen Bewegung holte ich das Auto zurück auf die Straße.
Schon musste ich wieder gegenlenken, um nicht über den Weg hinaus in den Abgrund zu schleudern. Etwas zu heftig trat ich auf die Bremse und brachte uns schlingernd quer auf der Straße zum Stehen. Aus Melinas Gesicht war jede Farbe gewichen.
„Was ist passiert, Felix?”, stieß sie aufgeregt hervor. Erst beim zweiten Versuch gelang es mir, einen Ton zu sagen, mein Hals war wie zugeschnürt.
„Es war wieder da, ich sah Frauen und Priester an der Quelle!”, stieß ich hervor.
„Das ist die alte Kastalia, Felix. Dort vollzog man die rituelle Waschung vor dem Orakelspruch. Doch heute fließt dort kein Wasser mehr. Es speist ein Reservoir, dass das moderne Dorf versorgt.”, informierte mich Melina, immer noch leichenblass.
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