Melina schüttelte nur ungläubig den Kopf über die etwas „overstylten“ Damen der griechischen Gesellschaft, aber an der allgemeinen Stimmung in unserem Lokal nahmen wir gerne teil. Wir saßen auf der Terrasse eines Restaurants mit Blick auf die Akropolis, die majestätisch und unbeeindruckt über dem ganzen Treiben thronte.
Es dauerte nicht besonders lange, bis Melina und ich in der Reihe der Tänzer landeten und unsere Füße über Tische und Bänke wanderten.
„'Opa! 'Opa!“, feuerten wir uns alle gegenseitig an, ja keine Pause zu machen. Bis tief in die Nacht hinein ließen wir uns von der Musik in ferne Welten entführen, der griechische Wein tat sein Übriges dazu, dass wir im Hotel eng umschlungen und glücklich einschliefen.
Am nächsten Morgen hatte ich schon einige Probleme mein unrasiertes Gesicht im Spiegel zu entknautschen, während Melina wie das blühende Leben dem Bett entstieg. Ihr Anblick half mir allerdings über die Anlaufschwierigkeiten hinweg.
„Kalimera, Felix! Isse kala? Guten Morgen Felix, bist du in Ordnung?“ Ich bewunderte ihre Kondition, der die vergangene Nacht keinen Schaden zugefügt hatte.
„Ne, ime kala! Ja, ich bin okay! Was ist mit Frühstück?“
„Das wartet unten im Erdgeschoss auf uns! Wir müssen uns beeilen, im archäologischen Institut sind alle schon gespannt auf unsere Ergebnisse!“, trieb sie mich an.
„Ja, ja, schon klar. Das lag aber alles mehr als dreitausend Jahre im Sand, da werden doch noch fünf Minuten Zeit für einen Kaffee sein ...“, bemerkte ich noch etwas müde. Melina sagte nichts mehr, statt dessen sorgte sie dafür, dass ich mein Frühstück genießen konnte. Sie wusste, dass es mir danach besser gehen würde, so war es auch tatsächlich. Gut gelaunt begaben wir uns durch das Gewimmel Athens ins Institut, wo Melina ungeduldig erwartet wurde.
Ein weißhaariger Herr empfing uns in seinem Arbeitsraum, ein Büro, das bis zur Decke mit riesigen Büchern vollgestopft schien. Auch sein Schreibtisch in der Mitte des Raumes war von Bergen aus Papier begraben.
„Kyria Venizelou, Kyrie Menzl! Kalos sas frika! Herzlich willkommen!“
Melina stellte uns vor. „Apo do Professor Dimitris Polatidis, Felix Menzl!“
„Chero me poli, Kyrie Polatidis, ich freue mich, Professor!“ Es war das erste Mal, das ich ihn persönlich traf, Melina hatte bei ihm studiert.
„Sie war meine beste Studentin, Herr Felix. Und von Ihnen habe ich auch schon viel Gutes gehört! Wenn Melina jemanden lobt, dann brauche ich kein anderes Urteil mehr.“
Er sah genau so aus, wie man sich einen Gelehrten vorstellt, schmales Gesicht, von der Sonne gegerbte Haut und zwei hellwache Augen, gekrönt von einer Nickelbrille.
„Ich danke Ihnen, Professor. Aber Melina ist die Chefin! Ich bin nur ihr Assistent!“
„Nun, dafür haben Sie aber einige zuvor unentdeckte Grabstätten gefunden, ohne dass Sie Ägyptologie studiert haben. Sie scheinen über ein erstaunliches Talent zu verfügen!“ Ich räusperte mich verlegen, da ich nicht wusste, ob dies lediglich eine Feststellung oder eine forschende Frage war. Woher meine besondere Fähigkeit stammte, wussten nur Melina und Noda. Und der Inselheilige, natürlich.
Ehe mein Schweigen peinlich wurde, unterbrach es Melina.
„Professor, wir haben in Ägypten tatsächlich einige Dinge zu Tage gebracht, die Sie interessieren dürften!“
Sie öffnete ihren Aktenkoffer und zeigte ihm die Abschriften der Hieroglyphen, die wir in den besagten Grabkammern entdeckt hatten. Sie verbrachten einige Zeit damit, sie zu übersetzen und stritten über ihren Inhalt.
Bis zum heutigen Tag ist die Bedeutung verschiedener Hieroglyphen oder deren Kombination untereinander strittig, sodass man sie unterschiedlich deuten konnte.
„Melina, ich glaube, dass Sie da etwas großzügig interpretieren!“, tadelte sie Professor Polatidis. Das Glühen in ihren Augen kannte ich nur zu gut, sie duldete nur selten Widerspruch. Doch was sollte sie auch sagen? Meine Visionen konnte sie nicht als Beweis vorlegen. Sie holte tief Luft und schluckte, dann sprach sie mit mühsamer Beherrschung.
„Professor. Stellen Sie sich doch einmal vor ...“
Ein dumpfes Grollen unterbrach sie, das schnell anschwoll. Gleichzeitig begann der Boden unter unseren Füßen zu schwanken. Im ersten Moment glaubte ich an eine Nachwirkung der vergangenen Nacht, doch schon krachten die ersten Regale mit Büchern auf den Boden, die Papierstapel auf dem Schreibtisch des Professors schwankten wie in Zeitlupe hin und her und kippten um.
„Ein Erdbeben! Raus hier, schnell!“, rief er uns zu, wie auf dem Deck eines Schiffes im Sturm wankten wir zum Ausgang, während ein Regal nach dem anderen umfiel. Nur wenige Sekunden währte das Beben, dann war alles gespenstisch still. Das Treppenhaus war ganz in der Nähe, ungewöhnlich diszipliniert verließen alle Bewohner das Institut ohne Panik und sammelten sich auf der Straße. Noch einmal spürten wir das Schwanken, wie Wellen auf dem Wasser bewegte sich der Boden, dann war es vorbei.
Jetzt machte sich die angestaute Erregung frei, alle schrien durcheinander, einige weinten oder sanken still in sich zusammen. Melina hielt sich an mir fest, Professor Polatidis war in der Menge verschwunden. In ganz Athen waren die Sirenen der Polizei und Rettungsdienste zu hören.
„Felix, das war knapp, wenn das Beben stärker gewesen wäre, hätten wir das Haus nicht lebend verlassen.“ Ich sah ihr die Anstrengung und Sorge an.
„Das war mein erstes Beben, das ich erlebt habe, Melina, ich habe mehr Angst um dich gehabt als um mich selbst.“
„Das war kein besonders starkes Erdbeben, Felix, ich habe schon öfter welche erlebt. Ich denke, dass keine großen Schäden entstanden sind.“
In der Tat begaben sich schon wieder einige der Umstehenden in die Gebäude zurück, so als sei die Mittagspause zu Ende. Nur wenige mussten noch getröstet werden, denen der Schreck noch tief in den Gliedern saß. Ich selbst wäre wahrscheinlich auch in Panik verfallen, doch die Ruhe der Athener war ansteckend, die Gebäude waren äußerlich auch noch in Takt. Die Sirenen der Polizei wurden auch schon stiller, wenigstens schien es mir so. Ich folgte Melina zurück ins Institut, wir benutzten allerdings die Treppe statt der Aufzüge. Diese waren erst einmal außer Betrieb.
Professor Polatidis war bereits dabei, das Chaos in seinem Büro zu ordnen, alles lag durcheinander. Er bemerkte meine ängstlichen Blicke, als ich mit Melina hereinkam.
„Keine Sorge, Kyrie Menzl. Diese Wände haben schon stärkere Erschütterungen ausgehalten.“
„Da bin ich aber beruhigt ...“, versicherte ich wenig glaubhaft. Allerdings schienen die Bewohner Athens in solchen Situationen geübt zu sein.
„Wir führen regelmäßig Übungen durch, um für Erdbeben gewappnet zu sein“, bestätigte er meine Vermutungen.
„Gegen ein starkes Erdbeben hilft die intensivste Übung nichts, da sind wir natürlich machtlos. Aber die meisten Toten bei so einer Naturkatastrophe gibt es durch die Panik. Menschen springen aus dem Fenster oder trampeln wild durcheinander. Die Aufzüge sind tabu, genau wie bei einem Brand. Wenn der Strom ausfällt sitzt man wie eine Ratte in der Falle. Glas ist gefährlich, also weg vom Fenster! Eine Tür bietet Schutz, der Sturz in der Wand darüber ist stärker als die übrige Mauer. Doch wenn es geht, verlassen Sie das Gebäude so schnell wie Sie können und suchen Sie einen freien Platz, entfernt von einstürzenden Häusern. Zum Schluss noch ein brutal klingender Rat: Jeder ist sich selbst der nächste! Kein Herumlaufen im Gebäude und Suchen von anderen Kollegen oder Freunden, die sind vielleicht schon längst draußen. Jeder Stoß kann das Gebäude zum Einsturz bringen, dann können Sie sowieso nicht helfen! Also raus!“
Ich schluckte betroffen. „Ich werde es beim nächsten Mal beherzigen, danke sehr, Professor.“
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