Wir verließen Athen Richtung Norden auf der E75 nach Thessaloniki. Wie immer war diese Straße hoffnungslos verstopft, obwohl sie zu den am besten ausgebauten Autobahnen des Landes gehörte. Doch sie war die wichtigste Lebensader dieser beiden größten Städte Griechenlands und dementsprechend stark befahren. Zum Entsetzen der Archäologen führte die Autobahn quer durch Attika, jeder Quadratzentimeter historischer Boden.
Eilige Grabungen hatten wertvollste Relikte davor behütet, für immer unter dem grauen Betonband zu verschwinden. Die Auswertung der Funde würde noch die nächsten Generationen an Altertumsforschern beschäftigen. Ganze Fabrikhallen hatte die Regierung angemietet, um alles unterzubringen.
Was besonders wertvoll schien, kam sofort in die Keller-Tresore des Nationalmuseums, es gab ja genug Zeitgenossen, die mehr an den materiellen Werten interessiert waren und reiche Abnehmer dafür suchten.
„Was soll die ganze Buddelei auf unsere Kosten!“, schimpfte ein Taxifahrer am Tag zuvor, als er uns vom Institut abholte. „Meine Familie stammt aus Néa Ionia. Da gräbt man den Garten hinterm Haus um und will Oliven pflanzen, dabei kommen eimerweise alte Scherben aus dem Boden! Wie soll da was Vernünftiges wachsen? Meiner Meinung nach müsste man das alles ins Meer kippen, dann ist Schluss!“
Der Fahrer wusste scheinbar nicht, wen er da spazieren fuhr. Vor allem wusste er nicht, wie nahe er dem Tode war ... Schnaubend vor Wut wollte Melina ihm antworten, ihr Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. Beruhigend legte ich meine Hand auf ihren Arm und schüttelte unmerklich den Kopf. Spätestens beim Trinkgeld sollte dem Taxifahrer ein Licht aufgegangen sein; dieses Mal war es an ihm, ein beleidigtes Gesicht zu machen. Grußlos fuhr er davon.
„So ein gottverdammter, hirnloser Ignorant!”, platzte es aus Melina heraus. „Ich hätte nicht übel Lust, diesen Idioten anzuzeigen und seinen Garten noch einmal umzugraben!”, wetterte sie erregt.
Sie hatte ja recht, aber ich hatte die Erfahrung gemacht, dass selbst die Götter vergebens gegen die Dummheit kämpften. Das alles kam nun wieder hoch, als wir auf der Autobahn die Abfahrt von Néa Ioniá passierten.
„Soll ich abbiegen?”, grinste ich.
„Lass gut sein, sonst gibt es einen Mord hier!” Melinas Blick verfinsterte sich. „Ich kann solche Leute nicht verstehen! Es sind doch auch gerade deren Wurzeln, die wir zu Tage fördern, wollen die nichts über das Leben ihrer Vorfahren wissen?”
„Ich denke schon”, erwiderte ich. „Aber bitte nach dem Sankt-Florian-Prinzip!”
„Florian??”, echote Melina.
„Ich meine damit, Antike wunderbar, aber bitte nicht auf meinem Grund und Boden! Stell dir vor, du willst Feldfrüchte anbauen und findest beim Pflügen etwas Antikes. Schon hast du ein Dutzend Leute da, die ein Jahr oder länger auf deinem Acker alles aufwühlen ...”
„Ist schon klar, aber es gibt doch eine Entschädigung dafür!”, verteidigte sie ihre Zunft.
„Natürlich, aber ob sie ausreichend für den erlittenen Ausfall ist, kommt wohl auf die Seite an, von der man es betrachtet.”
Melinas Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, das konnte ich regelrecht spüren, obwohl ich mich auf den Verkehr vor mir konzentrieren musste.
„Felix Menzl! Ich frage mich langsam, auf wessen Seite du stehst!”
„Immer auf deiner, Glyka mou! Meine Süße!”, besänftigte ich sie. „Ich bin ja mal gespannt, was die Bauarbeiten für die olympischen Spiele im nächsten Jahr noch ans Tageslicht holen, die Athener werden da auf eine harte Probe gestellt.” Sie lenkte etwas versöhnlicher ein.
„Ja, du hast wirklich Recht. Ich möchte bis zum nächsten Jahr kein Bewohner Athens sein.” Wir konnten schon einige Baustellen sehen, an deren Stelle einmal Sportstätten für die olympischen Spiele stehen sollten. Doch bis jetzt konnten wir keinen großen Fortschritt erkennen. „Mach dir keine Gedanken, Felix!”, erriet sie diese. „Wir Griechen sind Meister der Improvisation! Bis nächsten Sommer ist das alles fertig! Das werden Spiele, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat!”
Tatsächlich mehrten sich die Stimmen im Ausland, die eine rechtzeitige Fertigstellung der Sportstätten bezweifelten. Aber nur im Ausland …
„Die einzigen, die sich über die schleppenden Bauarbeiten freuen können, sind wohl die Archäologen”, folgerte ich.
„Na klar, so mancher Bagger hat Grabstätten gefunden, die man wer-weiß-wo gesucht hat. Plötzlich sind so viele Grabungen wie nie zuvor genehmigt worden. Natürlich unter enormem Druck, denn die Organisatoren wollen weiter bauen!”
Unter den wachsamen Augen der Weltöffentlichkeit konnte man es sich natürlich nicht leisten, antike Stätten unter Beton verschwinden zu lassen. Ich möchte nicht wissen, wie oft so etwas in der Vergangenheit geschah, aber ich wollte Melina nicht weiter aufregen, darum behielt ich meine Zweifel für mich.
Das halsbrecherische Überholmanöver eines Propangas-Lasters zwang mich zu einer Vollbremsung. Melina rief dem Fahrer durchs geöffnete Fenster ein paar deftige Schimpfwörter zu, die ich nicht übersetzen möchte.
„Das war aber nicht gerade damenhaft!”, tadelte ich sie. „Ich wusste gar nicht, dass du solche Wörter in deinem Sprachschatz hast!”
„Da du sie verstehst, hast du sie ja wohl auch in deinem!”, konterte sie selbstbewusst.
„Okay, unentschieden!”, gab ich klein bei.
Langsam änderte sich die Umgebung. Wir erreichten Wiotia, auf deutsch „Böotien”, die weite Landschaft wurde zunehmend hügeliger, am Horizont waren hohe Gebirgsketten sichtbar. Wir verließen die Autobahn und nahmen unseren Weg bei Thira über Landstraßen bis nach Livadia. Der Verkehr nahm deutlich ab, dafür wurde die Straße immer enger, kurviger und nahm an Steigung zu. Überall konnten wir sehen, dass das Beben Bergstürze und Rutschungen ausgelöst hatte. Man hatte die Straße zwar freigeräumt, aber es bestand die Gefahr, dass weitere Stürze folgten.
Bei Livadia standen wir schließlich vor einer Straßensperre. Etwa dreißig Kilometer trennten uns von unserem Ziel. Eine Polizeistreife leitete den Verkehr um. Wir stiegen aus und gingen auf die beiden Polizisten zu.
Der Ranghöhere gebot uns schon von Weitem, den Weg freizumachen und weiter zu fahren, doch so schnell ließ Melina sich nicht abschütteln.
„Ti ejine? Was ist passiert?”, richtete sie ihre Frage an den Ordnungshüter.
„Wo waren sie gestern? Ein Erdbeben!”, belehrte uns der Polizist unwirsch. Melina blieb erstaunlich ruhig.
„Deshalb bin ich hier. Ich will den Zustand der Ruinen von Delphi begutachten.” Der Polizist spielte mit seiner Gesundheit, ohne dass er es wusste:
„Da müssen Sie ein anderes Mal wieder kommen! Die Straße ist gesperrt, basta! Und ob in Delphi ein paar Steine mehr oder weniger umgefallen sind dürfte doch keinen interessieren!”
Und ob es das tat! Melina war so ruhig wie ein Vulkan unmittelbar vor dem Ausbruch.
„Ich bin vom nationalen Institut für Archäologie und damit beauftragt, nach Delphi zu fahren und ...”
„Und wenn du der Präsident selber wärst, mein liebes Mädchen, ich lass dich da nicht durch! Da hängen ein paar mächtig große Felsbrocken über der Straße und niemand weiß, ob sie runter kommen. Ob von deinem Tempel noch was übrig ist oder nicht interessiert mich einen Scheiß! Also pack deinen Lover in dein Auto und verpiss dich!”
Dieser agressive Schwenk ins plumpe „Du” war zu viel für Melina. Ich bemerkte, dass das Blut aus ihrem Gesicht entwich. Wie viele Jahre gab es auf Polizisten-Mord? Sind die Gefängnisse in Griechenland so komfortabel wie die deutschen? Vielleicht würde ich Bewährung bekommen, wenn ich glaubhaft darstellen konnte, dass ich alles versucht hatte, es zu verhindern?
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