Der Himmel verfärbte sich bereits und sorgte dafür, dass sich die Landschaft in einem anderen Licht und neuen Farben präsentierte. Ob Baum, ob Strauch, ob Heidekraut, ob Fels – alles wirkte dunkler, satter, intensiver. Ich beobachtete, wie Insekten aus dem Dickicht in die Luft aufstiegen, sich sammelten und in einem Ball aus schwarzen Punkten in die Nacht davonflogen. Ein Käuzchen, sitzend in dem Forst, an dem wir soeben vorbeifuhren, zu dem der Zugang durch verschieden große Felsen versperrt war, sandte seinen abendlichen Gruß aus. Er riss mich aus der Trance, in die mich das Ruckeln des Wagens hatte sinken lassen, und ich erinnerte mich, dass es doch auch für uns an der Zeit sein musste, das Nachtlager aufzuschlagen. Wieso hielt Rousel dann nicht an? Behutsam legte ich meine Hand auf de Forestiers Knie und rüttelte daran.
„Eure Exzellenz“, sagte ich leise, schließlich wollte ich ihn nicht zu Tode ängstigen. Er brummte nur im Schlaf und drängte seinen Kopf weiter in die weichen Vorhänge, die ihm als Kissen dienten. Ich rüttelte ihn erneut und rief dieses Mal: „De Forestier!“ Mit einem Fluchen fuhr er hoch und sah sich mit weit aufgerissenen Augen um, bis sein Blick auf mir zu ruhen kam.
„Michael, ist alles in Ordnung?“, fragte er und wischte sich mit den Händen über das Gesicht, als wollte er damit den Schlaf vertreiben.
„ Mhh “, machte ich und nickte. Auch mir schlug das Herz bis zum Hals. Er hatte mich mit seiner abrupten Bewegung erschreckt. „Es tut mir leid, Euch geweckt zu haben, aber ich habe mich gefragt, wann wir anhalten, um das Nachtlager aufzubauen“, erklärte ich.
De Forestier beäugte mich, als wäre ich von allen guten Geistern verlassen. Er schnalzte mit der Zunge und fragte: „Hast du die letzten Stunden damit verbracht, dir die Landschaft anzusehen?“
„Ja, wieso?“, fragte ich.
„Und ist dir dabei irgendwo eine Stelle aufgefallen, die geeignet gewesen wäre, um die Kutsche dorthin zu lenken?“ Ich grübelte für einen Moment nach, musste jedoch verneinen. Mir war nichts dergleichen aufgefallen. „Da hast du es. So sehr diese Gegend auch den Geist zu verzaubern vermag, das Herz des Reisenden macht sie schwer. Sie bietet zahlreiche Verstecke für einen einzelnen Mann, aber keines für ein Gefährt wie dieses“, sagte er, lehnte sich vor und klopfte neben meinem Kopf gegen das Holz. „Hey, Rousel, halt an!“, schrie er mir laut ins Ohr, sodass ich zusammenfuhr.
Die Kutsche stoppte augenblicklich. De Forestier schwankte, drohte auf mich zu fallen. Gerade noch rechtzeitig konnte er sich fangen und wandte sich zur Tür. Verwirrt beobachtete ich ihn dabei, wie er sie öffnete und unter Ächzen und Stöhnen ausstieg. Als er draußen stand, reckte und streckte er sich, um Schlaf und Steifheit aus seinen Gliedern zu vertreiben. „Ich werde mit Rousel den Platz tauschen, sodass wir die ganze Nacht hindurch fahren“, verkündete er. Ich zog scharf den Atem ein. Ich wollte gar nicht so entsetzt dreinschauen, wie ich es tat. Doch ich hatte die Kontrolle über meine Gesichtszüge verloren. Ich sollte mit Rousel, dem übellaunigen Kutscher, der mich nicht ausstehen konnte, über Stunden auf so engem Raum allein sein? „Möchtest du dich zu mir gesellen, Michael?“, fragte der Bischof. „Du könntest etwas darüber lernen, wie man einen Wagen lenkt. Es sei denn, du möchtest lieber schlafen“, fügte er mit einem Schulterzucken hinzu.
Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. De Forestier lächelte belustigt und trat aus meinem Blickfeld, um Rousels Platz einzunehmen. Ich folgte ihm umgehend und überließ dem Kutscher die feinen, weichen Polster und Vorhänge. Auch wenn er mir nicht sonderlich sympathisch war, gönnte ich ihm die Erholung und den Komfort, nach denen er sich nach einer halben Ewigkeit auf der harten Sitzbank, von der aus er uns gefahren hatte, vermutlich sehnte. Sein Seufzen, das er ausblies, als er einstieg und sich hinlegte, bestätigte meinen Eindruck.
„Könnt Ihr Gedanken lesen, de Forestier?“, fragte ich, nachdem wir eine Weile schweigend nebeneinander gesessen und die kühle Nachtluft genossen hatten. Der Himmel war klar und mit so vielen funkelnden Sternen übersät, als wollten sie mir eine für mich nicht entschlüsselbare Botschaft übermitteln, dass ich wie hypnotisiert von ihrer Anmut und Grazie dasaß. Der grau-silberne Vollmond wirkte dagegen plump und unbeholfen, als wüsste er nicht so recht, wohin mit sich. Er war beinahe etwas störend. Doch wir brauchten ihn. Sein Licht leuchtete uns den Weg, sodass wir dem vor uns liegenden Pfad folgen konnten.
„Wieso fragst du? Weil ich dich eingeladen habe, hier mit mir zu sitzen und dich vor der Zweisamkeit mit Rousel gerettet habe?“, fragte er mit gesenkter Stimme, damit dieser es nicht hörte. Ich schüttelte vehement den Kopf.
„Nein, nein. Ganz bestimmt nicht“, gab ich zurück, was de Forestier zum Schmunzeln brachte.
„Dein Gesicht ist wie ein Manuskript, das in einfacher, verständlicher Sprache geschrieben ist, für jeden lesbar. Deine Gefühle sind dabei die Sprache. Was du brauchst, ist ein Code“, meinte er.
„Ein Code?“, hakte ich nach.
Er nickte. „Eine Geheimsprache, mit der du deine Gefühlswelt verschlüsseln kannst und sie so unlesbar machst für all jene, die sie nicht entziffern sollen. Nur wer in deinen Augen würdig ist, den Schlüssel zu bekommen, dem gibst du ihn.“ Gebannt starrte ich den Bischof an. Er war ihm zwar in keiner Weise ähnlich, und doch erinnerte er mich sehr an Bruder Corentin. Dieser hatte über die Sterne philosophiert auf eine Weise, die dafür sorgte, dass eine Leidenschaft und Liebe in anderen entfacht wurden, die ein Leben lang hielt. De Forestier besaß dasselbe Talent, wenn auch über andere Dinge, die weniger weit entfernt waren als Himmelskörper.
„Ich werde es versuchen“, hauchte ich.
„Sehr gut“, entgegnete er und knuffte mich in die Seite. „Es ist nämlich eine Lebensaufgabe, und ein einmaliges Gelingen bedeutet nicht, dass es immer klappt. Von daher ist es besser, wenn du lieber heute als morgen damit anfängst.“ Als er keine Reaktion von mir erhielt, löste er den Blick von der Straße und sah mich an. Verblüffung trat in sein Gesicht. Mit dem Finger deutete er auf mich. „Siehst du, das meine ich! Das ist es“, sagte er. „Wirklich sehr gut gemacht. Ich kann dir nicht ansehen, was du empfindest.“ Ich blinzelte ein paar Mal und blickte in der Gegend umher. Ich hatte doch gar nichts weiter getan. „Da!“, rief er aus und hüpfte auf seiner Seite des Kutschbocks auf und ab, sodass die Pferde kurzzeitig aus dem Takt gerieten und ausscherten. „Das ist es, was ich gemeint habe. Vorher warst du unlesbar. Jetzt sehe ich dir an, was du denkst, was du fühlst. Siehst du, siehst du? Ich habe Recht.“
Er freute sich wie ein kleines Kind. Wenn ich nicht so sehr damit beschäftigt gewesen wäre, verwirrt zu sein, hätte ich mich mit ihm gefreut. Ob er auch wusste, dass ich an seinem Verstand zweifelte und mich unwohl fühlte in seiner Gegenwart? Zum schlafenden Rousel in den Wagen zu steigen, erschien mir plötzlich sehr verlockend.
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