Bereits beim Einsteigen in Sangerhausen hatte der Kutscher ihn neugierig gemustert, als Wilhelm sein Reiseziel nannte.
„Was ist mit diesem Dorf?“
Der Mann antwortete nicht, das rechte Pferd drängte sich unruhig gegen ihn, als er versuchte, es auszuschirren. „Ruhig, Mose, ruhig. Alles in Ordnung.“
Magdalena steckte den Kopf aus der Tür. „Wie lange wird es dauern?“ Ihre müden Augen flehten, er überlegte, wie er ihr sagen konnte, dass sie in dieser Schieflage ausharren mussten, bis sich ein Handwerker gefunden hatte.
Einer der Händler antwortete ihr: „Geduld, gnädige Frau. Der Kutscher reitet los, jemanden aus dem Dorf zu holen.“ An Wilhelm gewandt, fuhr er fort: „Wir sollten uns ins Trockene setzen, mein Herr. Eine Erkältung ist sicher das Letzte, was wir von dieser Reise mitbringen wollen.“
Schwere Hufschläge verklangen im nahen Wald. Das zurückgebliebene Pferd wieherte verstört und versuchte zu folgen. Ein kräftiger Ruck ging durch das Gefährt.
„Brrr!“, rief Wilhelm. „Steigen Sie ruhig ein, ich gehe mal nach den Zügeln sehen.“
Während er die Bremsen und Leinen überprüfte und dem braunen Hengst den Hals klopfte, vernahm er erneut Hufgetrappel, doch kamen die Geräusche aus der anderen Richtung. Eine leichte Anhöhe, die sie kurz vor ihrem Unglück überwunden hatten, versperrte die Sicht. Er kletterte auf den Kutschbock, was die instabile Karosse gehörig ins Schwanken brachte.
„Wilhelm, was tust du?“, hörte er Magdalena ängstlich rufen.
Von seinem Standpunkt aus konnte er den Weg besser einsehen. Was er erblickte, ließ ihn die Stirn runzeln. Über dem nahen Horizont schwankten bunte Stoffe im Regen, deren Farben sich gegen den tristen Herbsttag behaupteten. Sie wuchsen aus dem Nebelgrau des Tages heraus, wurden größer und farbenprächtiger. Gleichzeitig schwoll das Geräusch klopfender Hufe und knarrender Deichseln zu einer solchen Stärke an, dass selbst in der Kutsche das Regenprasseln übertönt wurde, denn er hörte Magdalena erneut rufen: „Wilhelm, was ist das?“
Er hielt die Hand über die Augen, um das Wasser abzuhalten. Im selben Moment hob sich der erste bunte Stofffetzen vollends über den Wegkamm und wurde zur Plane eines von stämmigen Pferdchen gezogenen Wagens. Wilhelm musste lachen.
„Zigeuner! Es sind Zigeunerwagen“, rief er in die Kutsche hinunter.
Während er hinabkletterte, schwang die Tür auf und Magdalena sprang heraus, die Augen erwartungsvoll aufgerissen. Aus dem Dunkel des Wagens hörte er den Händler: „Seien Sie vernünftig, gnädige Frau. Sie werden sich den Tod holen, da draußen!“
„Er hat recht. Du wirst nass und verdirbst dir die Schuhe“, ermahnte er sie.
„Aber Wilhelm, Zigeuner! Sind wir nicht ihretwegen hierhergekommen?“
„Nun ja, vielleicht nicht gerade wegen denen dort“, murmelte er und starrte dem bunten Gewirr von Stoffen, zottigen Pferdemähnen und dunklen Gesichtern entgegen. Er griff in die Kutsche und zog eine Decke heraus, die er seiner Frau um die Schultern legte.
Als der erste Wagen heran war, rief der bärtige Mann auf dem Kutschbock ein lautes Kommando nach hinten und sprang herunter. Aus dem Wageninneren griff eine schmale Hand nach den Zügeln. An ihrem Gelenk klimperte eine Unzahl von glänzenden Armreifen. Sie gehörten einer jungen Frau mit einem roten Kopftuch, die behände auf den frei gewordenen Platz kletterte. Ihre Haut war dunkel wie Schokolade. Kohlenschwarze Augen musterten ihn ohne Scheu. In ihren Ohren baumelten goldene Scheiben, die auch in großer Menge an einer Schnur um ihren Hals hingen. Das Verwunderlichste an ihr aber war die kurze krumme Pfeife, die ihr im Mundwinkel hing und auf der sie unablässig kaute. Als sie sich nach vorn beugte, um die Zügel zu lockern, öffnete sich ihre nur liederlich um die Schultern gezurrte Bluse noch weiter und Wilhelm fühlte, wie ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg. Er wandte sich abrupt ab. Vor ihm stand der Mann, der eben vom Kutschbock gesprungen war. Er war groß und schlank, seine Haut glänzte dunkel. Volles Haar lugte unter einem kecken Filzhut hervor, an dem eine Pfauenfeder steckte. Ein schwarzer Bart ließ ihn wahrscheinlich älter aussehen, aber er mochte etwa in Wilhelms Alter sein.
„Brauchst du Hilfe, Herr? Was ist mit deinem Wagen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, beugte sich der Zigeuner unter die Kutsche.
„Das ist nicht mein Wagen!“, sagte Wilhelm in Richtung der schiefen Achse, unter der der Mann verschwunden war. „Der Kutscher ist losgeritten, um einen Stellmacher zu holen.“
Magdalena zog an seinem Ärmel. „Frag sie, ob sie aus Friedrichslohra sind.“
„Warum?“
„Sie könnten uns mitnehmen.“
„Was?“ Sein Blick glitt über die abenteuerlich aussehenden Wagen und die ausgemergelten kleinen Pferde, die langsam an ihnen vorüberzogen. Dunkle Gestalten lugten neugierig hinter bunten Planen hervor, ein paar Kinder sprangen nackt durch den Regen, verfolgt von einer Meute graubrauner Hunde.
„Warum nicht? Wozu hier im Regen stehen und warten?“ Magdalena zerrte bereits ihren Proviantkorb aus der Kutsche.
Im Nu war sie von einem Dutzend Kindern umringt, die angesichts des Korbes sofort ihre schmutzigen kleinen Hände ausstreckten. „Bitte, Frau! Hast du Brot für uns? Bitte, Frau!“
„Da hast du es“, wollte Wilhelm sagen, doch beim Anblick der mageren Körper, die trotz des nasskalten Wetters gar nicht oder nur sehr dürftig bekleidet waren, verschlug es ihm die Sprache. Die Jungen trugen entweder ein Hemd oder eine zerlumpte Hose, so als ob sich mehrere von ihnen die Kleidung eines Kindes teilen mussten. Die Mädchen hatten meist gar nichts an, nur die größeren steckten in schmutzigen und fadenscheinigen Kittelchen. Dafür trug jedes mindestens ein Schmuckstück, sei es ein Reif um das Fuß- oder Handgelenk, große runde Ohrringe oder klimpernde Halsketten. Fast alle waren dünn und schoben aufgetriebene Bäuche vor sich her, die Krätze oder Flöhe hatten ihre Haut in den Kniekehlen und an den Armen beinahe aufgefressen. Eine scharfe Stimme rief etwas, dass Wilhelm nicht verstand und die Kinder stoben auseinander.
Der Zigeuner trat neben Magdalena und sagte zu Wilhelm: „Du hattest recht, Herr. Hier kann man nichts tun. Ein Splint muss her.“ Er verbeugte sich leicht vor Magdalena, wobei er eine Hand galant auf den Rücken legte und mit der anderen den Hut lüpfte. „Gnädige Frau, gestatten: Christoph Weiß, Musiker. Ich hörte, Sie reisen nach Friedrichslohra. Das ist auch unser Ziel. Wenn Sie mit meinem bescheidenen Wagen vorliebnehmen wollen?“
Magdalenas Gesichtsausdruck hatte in den letzten Momenten so oft gewechselt wie das Wetter im April. Nach dem Entsetzen über den armseligen Anblick der Kinder glitten Neugier und Abenteuerlust über ihre Züge, zuletzt sogar etwas Koketterie. Bevor Wilhelm Einwände erheben konnte, schenkte sie dem Mann, dessen Gesicht inzwischen fast ihre Füße berührte, ein strahlendes Lächeln und nickte, ohne zu bedenken, dass der das nicht sehen konnte.
„Wir haben eine Menge Gepäck, und außerdem müsste der Kutscher bald zurück sein“, sagte Wilhelm halbherzig.
Der Zigeuner hob den Kopf und blickte direkt in Magdalenas Gesicht, auf dem die Freude gerade von Enttäuschung, oder war es Zorn? – abgelöst wurde.
„Aber Herr, wir haben Platz auf unseren Wagen, nimm das Angebot ruhig an. Schau, wie nass und frierend die gnädige Frau hier im Regen steht!“ Der Mann hob den Arm und setzte den Hut leicht schräg auf seine drahtigen Locken. Der weite Ärmel seines weißen Hemdes bauschte sich im Wind. Er griff dem gerade vorbeiziehenden Pferd rüde ins Geschirr und der Wagen kam neben ihnen zum Stehen. Mit dem Kutscher, einem ebenfalls bärtigen Mann in einer bunten Fellweste, wechselte er ein paar schnell gesprochene Sätze in ihrer Sprache. Sofort sprangen zwei Frauen unter der Stoffplane hervor und rafften ihre weiten Röcke über dem nassen Boden. Ihre nackten Füße versanken im Schlamm des aufgeweichten Weges.
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