Er musste ihr recht geben. Vorsichtig half er ihr in die Jacke. „Viel Glück.“
Sie ging zuerst nach nebenan zum Haus des Schneiders. Im Stillen hoffte sie auf Christians Hilfe, obwohl sie wusste, dass er in seiner Familie noch nicht in der Position war, etwas anzuordnen. Sie trat in den Hausflur und lauschte. Im Zimmer der Zigeuner war es ruhig. „Hallo?“ Aus ihrer Kehle kam nur ein Krächzen. Sie räusperte sich. „Frau Weiß?“
Es rumorte hinter der Tür, Stimmen stritten sich leise. Sie machte einen Schritt nach vorn und klopfte. Nach einer Weile steckte Christians Mutter den Kopf zur Tür heraus, ohne sie weiter als nötig zu öffnen. „Ja?“
„Ich möchte die Mädchen zum Unterricht abholen. Sie hatten versprochen, heute früh zu kommen.“
„Sie werden nicht kommen.“ Frau Weiß war im Begriff, die Tür zuzuschlagen.
Geistesgegenwärtig trat Magdalena einen Schritt vor und schob ihren Fuß zwischen Tür und Rahmen. „Warum denn nicht? Sie haben sich gestern doch bei mir wohlgefühlt. Wir haben zusammen gegessen, Käthchen hatte gekocht. Das tut sie heute wieder.“
„Wir verkaufen unsere Kinder nicht für ein Mittagessen“, fauchte die dunkelhäutige Frau und zog an der Tür.
Magdalena schloss für einen kurzen Moment die Augen und schluckte den aufkommenden Zorn hinunter. „Frau Weiß, bitte, ich will Ihren Kindern doch nichts Böses. Darf ich hereinkommen? Ich will Ihnen erklären, was ich vorhabe.“
Sie hörte erregtes Tuscheln, konnte aber nur Frauenstimmen heraushören. „Bitte, Frau Weiß!“
Der Druck auf ihren Fuß ließ nach. Sie schob sich durch die Tür, hinter der die Zigeunerin argwöhnisch lauerte. Fünf oder sechs nackte Mädchen saßen zusammengedrängt in der Ecke unter dem Fenster und hielten die Köpfe gesenkt. Weder die Männer noch die Jungen waren anwesend. Die alte Frau lag an der Wand und schlief, zwei weitere Frauen sahen ihr vom Fußboden aus feindselig entgegen. Eine von ihnen trug den schlafenden Säugling auf dem Arm.
„Warum dieses plötzliche Misstrauen?“, fragte Magdalena ohne Umschweife. „Was hat Ihnen der Dorfschulze erzählt?“
Sie sah sofort, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. Die Frauen auf dem Fußboden tauschten Blicke mit Christians Mutter. Doch sie schwiegen.
„Egal, was es war, er hat gelogen. Er arbeitet gegen uns, das müssen Sie mir glauben! Er hat kein Interesse daran, dass es Ihnen besser geht. Warum sollten Ihre Männer Geld verdienen und mit Ihren Familien in eigenen Häusern leben? Uns hat er erzählt, er wünscht Ihr Volk möglichst weit weg von seinem Dorf. Hat er das auch zu Ihnen gesagt?“
Die Frauen sahen sich nachdenklich an. Frau Weiß trat endlich von der Tür weg und kam näher.
Magdalena setzte nach: „Was ist so schlimm daran, wenn Ihre Kinder jeden Tag eine warme Mahlzeit bekommen? Nebenbei bringe ich ihnen Nützliches bei, heute wollte ich die Mädchen stricken lehren. Sie könnten sich dann selbst Strümpfe stricken oder wollene Tücher. Ist es nicht eine Schande, dass die Kleinen Sommer wie Winter nackt herumlaufen? Haben Sie denn kein Mitgefühl?“ Magdalena sah, wie die Augen der beiden Frauen auf dem Boden größer wurden, und redete weiter. „Ihre Kinder werden bei uns Lesen lernen, Sie sollten wissen, wie wichtig das ist. Sie werden später Verträge selbst lesen können, bevor sie ihre Unterschrift darunter setzen. Niemand wird sie mehr übers Ohr hauen können. Warum gönnen Sie Ihren Kindern diese Vorteile nicht?“
Frau Weiß stemmte die Hände in die Hüften. „Der Schulze sagte, ihr nehmt uns die Kinder weg. Wir sollen ins Arbeitshaus kommen, um arbeiten zu lernen.“
„‚Die Faulenzerei werden sie euch austreiben‘, das hat er gesagt“, ergänzte die Frau auf dem Fußboden.
Magdalena wurde rot, der Zorn schnürte ihr die Luft ab. „Dieser Bastard! Er lügt, warum glauben Sie ihm?“
„Er war gestern bei eurem bulibasha in der Stadt.“
Magdalena schnaufte. „Es stimmt, dass er mit meinem Mann in Nordhausen war, beim Landrat. Alles andere ist gelogen. Sie haben beraten, wie wir genug Geld beschaffen können, um Ihnen zu helfen. Das Essen, Bücher, Schreibzeug und Kleidung, das kostet alles viel Geld. Dem Schulzen wurde aufgetragen, uns zu unterstützen.“
„Hat der bulibasha euch Geld gegeben?“ Erneut mischte sich die andere Frau ein.
„Ja, für den Anfang. Aber es wird nicht lange reichen. Wir müssen Spenden sammeln. Unser Missionsverein schickt Geld, die Kirche wird uns helfen. Meine Eltern in Nürnberg sammeln für unsere Mission in ihrer Kirchengemeinde. In Nordhausen und in Bleicherode werden die Pastoren für Sie und Ihre Kinder beten und um Spenden bitten.“
Die Frau mit dem Säugling auf dem Arm stand auf. „Wie kommt es, dass eure Leute es plötzlich so gut mit uns meinen?“, fragte sie. „Wir sind doch nur Zigeuner.“
„Sie sind Geschöpfe Gottes, genau wie wir. Schon Jesus sagte, was ihr getan habt, dem Geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir getan. Wir sind Christen, wir leben nach den Gesetzen Gottes, die sagen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
„Wir sind katholisch getauft“, wandte die junge Frau erneut ein.
„Wir sind Christen, ob katholisch oder protestantisch, vor Gott sind wir gleich.“ Magdalena wünschte sich Wilhelm herbei, er hätte die besseren Argumente parat.
Doch die Zigeunerin schien zufrieden mit ihrer Antwort. Sie blickte abwartend Christians Mutter an. Die rang mit einer Entscheidung.
Hilfe kam schließlich aus der Ecke der Mädchen, die bisher schweigend der Diskussion gelauscht hatten. „Können wir nicht mit der gadschi gehen? Bitte! Käthchen kocht für uns.“ Plötzlich waren sie alle auf den Beinen und wirbelten um die Zigeunerfrau herum. „Bitte!“
„Gut.“ Frau Weiß hob die Hände. „Nun geht schon, gut.“
„Was bedeutet eigentlich Gatschi?“, fragte Magdalena, die ihren Triumph zu verbergen suchte.
„Es ist unser Wort für eine deutsche Frau“, antwortete die Zigeunerin. „Nimm die Mädchen heute mit, aber das letzte Wort hat der Bulibasha. Wir werden ihn erst fragen müssen, was morgen und in Zukunft geschehen soll.“
„Wo sind die Jungen? Kommen sie nachher zum Unterricht?“
Die Frauen wichen ihrem Blick aus. Sie befürchtete, dass sie erneut Überzeugungsarbeit leisten musste.
„Sie sind mit den Männern auf den Markt nach Bleicherode gegangen. Sie kehren gegen Mittag zurück“, antwortete Christians Mutter.
„Werden sie kommen?“, hakte Magdalena nach.
„Ich werde mich dafür einsetzen.“
Magdalena wandte sich an die Kinder, die schon an der Tür standen. „Bringt die Löffel von gestern wieder mit. Ich habe sonst nicht genug für alle.“ Und schnell, bevor die Peinlichkeit dieser Aufforderung bewusst wurde, fügte sie hinzu: „Und zieht euch an, ich gehe die anderen Mädchen holen.“
Während sie zur Tür ging, drehte sie sich um: „Würden Sie mich begleiten, um die anderen Mütter zu überzeugen?“
Frau Weiß zögerte kurz, nickte dann aber und griff nach einem Tuch, das sie sich um die Schulter legte.
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