Keinen Einspruch zulassend drehte ich mich endgültig um und ging ins Bad. Ich schloss die Tür hinter mir ab, setzte mich auf den geschlossenen Klodeckel und zückte mein Handy.
Vier verpasste Anrufe. Alle von meinem Vater. Ach ja. Ich hatte es doch tatsächlich geschafft, eine Stunde einmal nicht daran zu denken. Aber mit dem Blick auf das Display waren mit einem Wimpernschlag alle Sorgen und Ängste, all die negativen Gedanken und Gefühle wieder zurück. Mitten in meinem Bauch saßen sie und breiteten sich mit Lichtgeschwindigkeit im Rest des Körpers aus, nahmen ihn gefangen, lähmten ihn mit Panik. Sie waren nie weg gewesen, hatten sich nur eine Stunde frei genommen. Eine Stunde Pause, eine Stunde Leben.
Damit war es jetzt vorbei. Adrenalin bitzelte in meinen Fingerspitzen und verkehrte jeden Anflug von Müdigkeit ins Gegenteil. Die nun schon zu meinem ständigen Begleiter gewordene Nervosität stellte sich wieder ein. Ich betätigte die Taste für den Rückruf, atmete tief ein, um mich für das zu wappnen, was auf mich zukommen würde und wartete auf das Klingelsignal. Unendlich, unerträglich lange dauerten die wenigen Sekunden des Wartens. Mit einem knappen, militärischen „Ja!“ meldete sich mein Vater.
Betont sachlich erwiderte ich: „Du hast versucht, mich zu erreichen?“
„Ich musste Mama ins Krankenhaus bringen. Es ging nicht mehr anders. Sie behält nichts mehr bei sich und hat Fieber.“
Ich fühlte, wie meine Muskeln sich verkrampften und eine neue Welle Adrenalin meine Eingeweide durchflutete.
Seit dreieinhalb Jahren litt meine Mutter nun an Krebs. Als sie den Tumor entdeckt hatten, war er schon beinahe so groß wie ein Handball gewesen und hatte das Bauchfell bereits mit Metastasen überzogen. Der Tumor war entfernt worden, nicht jedoch die Metastasen, die Chemotherapie begann und damit eine quälende Zeit voller irrationaler Hoffnung, erschütternder Verzweiflung und immer neuen Hiobsbotschaften.
„Sie liegt jetzt auf Station 21, bekommt Antibiotika und Sterofundin.“ Kurz und knapp auf den Punkt gebracht wie immer. Ich konnte nicht mehr als ein „Mhm“ erwidern. Was gab es auch Angemessenes dazu zu sagen?
„Heute machen sie sowieso nichts mehr, weil Sonntag ist. Ich melde mich wieder, wenn’s was Neues gibt.“
„Alles klar. Danke, Papa.“ Wie immer – und es war leider tatsächlich schon fast zu einer Routine geworden – versuchten wir beide durch die größtmögliche Sachlichkeit, mühsam unsere brüchige Fassade des Starkseins aufrechtzuerhalten, damit keiner den anderen mit sich in den Abgrund seiner Verzweiflung reißen würde. Wir wussten beide nur zu gut, wie es um die Seelenlage des jeweils anderen bestellt war.
Mit dem Auflegen stiegen mir die Tränen in die Augen. Doch diesmal sollten sie nicht siegen, wie sie es schon so oft getan hatten. Schnell, bevor sie sich bis zum Überlaufen anhäufen konnten, entriegelte ich die Tür und trat entschlossen wieder in das Zimmer hinaus. Jede Frage von Goethe war mir jetzt lieber als die Gedanken, die sich mir aufdrängten, die sich mir schon so oft aufgedrängt hatten und die doch zu nichts führten.
Jedoch machte Goethe keine Anstalten, mich etwas zu fragen. Wie es aussah, hatte er nicht einmal meine erneute Anwesenheit wahrgenommen. Tief zum Bildschirm gebeugt las er gefesselt einen Artikel. Seine Augen hatten den entrückten Ausdruck dessen angenommen, der sich mehr in der Welt seines „magischen Bilderrahmens“ befindet als in derselben Realität wie sein Körper. Hätte er nicht Kleidung von 1776 getragen, wäre er nicht von heutigen Computerfreaks zu unterscheiden gewesen.
Morgen musste ich ihm Kleidung kaufen. Wenn er weiterhin in seinen eigenen Klamotten durch Weimar lief, würde er auf Dauer zu viel Aufsehen erregen.
Mein Magen knurrte. Ich jedoch hatte überhaupt keinen Appetit. Dennoch war es wohl besser, wenigstens ein bisschen zu essen. Auch Goethe musste wahrscheinlich Hunger haben. Er hatte gesagt, es sei bei ihm vormittags gewesen, als er die Zeitreise angetreten hatte. Da ich ihn nicht mit hinunter ins Restaurant nehmen konnte, holte ich die Menükarte für den Roomservice vom Schreibtisch. Goethe nahm keine Notiz von mir, auch nicht, als ich zum Telefon griff, um die Rezeption anzurufen. Ich bestellte verschiedene kleine Gerichte und hoffte, dass Goethe irgendetwas davon schmecken würde. Er selbst war völlig eingenommen von seiner Recherche und behandelte mich wie Luft. Ich sah, dass er sein Wasserglas fast geleert hatte und um mich nützlich zu machen, füllte ich es noch einmal auf. Auf das Klopfen hin öffnete ich dem Zimmerservice, bedankte mich und schob den Wagen mit den Tabletts herein.
„Essen ist fertig!“ Ich setzte mich aufs Bett und zog den Servierwagen wie einen Tisch vor mich hin. Da er nicht reagierte, hob ich die Stimme. „Goethe!“
Aus seinen Gedanken gerissen, wandte er sich mir mit fragendem Blick zu. „Magst du nichts essen?“
„Ich darf mich nicht säumen, will keine Zeit vertun“, sagte er und hatte sich schon wieder dem Bildschirm zugewandt.
„Aber du musst doch was essen“, versuchte ich es und fand mich selbst nicht überzeugend.
Er hielt jede weitere Erwiderung für überflüssig. Ich stocherte lustlos in meinem Nudelgericht herum und zwang mich mehr zu essen, als mein verkrampfter Magen mir erlauben wollte. Natürlich gingen meine Gedanken zu meiner Mutter. Ich betete, dass sie auch diese Notlage wieder überstehen würde. Oder sollte ich ihr das nicht wünschen? War das nur die egoistische Bitte einer Tochter, die nicht akzeptieren kann, dass die ursprünglichste und engste Bindung aufgelöst wurde, die Bindung eines Kindes zu seiner Mutter? Was würde sie sich denn selbst wünschen?
Es war schlimm für mich, mitzuerleben, wie meine lebensfrohe und gelassene Mutter mit zunehmender Leidensdauer ihren Optimismus und ihre Zuversicht verlor, und manches Gespräch mit ihr war eine harte Probe meines guten Zuredens.
Die Anspannung, die innerhalb der Familie herrschte, wurde langsam zur unerträglichen Belastungsprobe. Jeder einzelne von uns litt, jeder auf seine Weise und jeder irgendwie mit sich allein.
Ich wohnte ein paar hundert Kilometer entfernt von meinen Eltern. Einerseits brauchte ich diese Distanz, weil sie es mir erlaubte, mich – wenn auch nur für kurze Zeiträume – auch gedanklich einmal von ihnen, der Krankheit, dem Leid zu distanzieren. Um meiner Seele eine Auszeit zu geben. Andererseits meldete sich mein schlechtes Gewissen zu Wort, sobald mir eine solche Auszeit tatsächlich einmal gelungen war. Wie konnte ich es wagen, ein paar schöne Stunden zu haben, während meine Familie litt? War das nicht egoistisch? Sollte ich nicht öfter bei ihnen sein?
Wir telefonierten regelmäßig. Ich versuchte, mir vor ihnen nichts anmerken zu lassen, stark zu sein, zu lachen, sie dadurch aufzumuntern. Das kostete mich Unmengen von Kraft. Danach war ich meistens trauriger als vorher. Ob sie wirklich glaubten, dass es mir gut ging? Ob sie mich deswegen für herzlos und selbstsüchtig hielten?
Sie konnten nicht wissen, wie es in mir aussah, wie ich mit ihnen und um sie litt, wie sehr die Traurigkeit meine Tage beherrschte. Und ich vermied tunlichst, es ihnen mitzuteilen. Was hätte es ihnen geholfen? Konnte ich ihnen überhaupt helfen? Es waren doch sie, die am meisten litten. Ich sagte mir immer wieder, ich müsse meinen Egoismus hintanstellen, mehr für sie da sein – aber es tat mir zu weh, ich hielt es nicht aus, sie zu sehen, ihren Kummer zu spüren.
Meine Unfähigkeit, dem Schicksal unerschütterlich entgegenzusehen, es anzunehmen, wie es war, bildete mein persönliches Drama.
„Ei, du Scheiße!“, kam es vom Schreibtisch. „Was ist nun? Die Schrift ist fort!“
Ich sah schon aus meiner Entfernung, dass er wohl aus Versehen den Browser geschlossen hatte, denn der Bildschirm zeigte meinen Desktop-Hintergrund. Nachdem ich ihm gezeigt hatte, wie er den Browser wieder starten konnte und dass er ihn geschlossen hatte, indem er auf das kleine x in der oberen Ecke geklickt hatte, blickte er mich auf einmal merkwürdig an. Offensichtlich wollte er mir etwas mitteilen, wusste aber nicht, wie er sich ausdrücken sollte. Er rang nach Worten.
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