Die Kassiererin hatte mich schon erwartet. Mit neugieriger Miene konnte sie es kaum erwarten mich zu fragen: „Wer war denn das?“
„Meinen Sie den Mann, der gerade runtergerannt ist? Keine Ahnung. Haben Sie ihn denn nicht reinkommen sehen?“, wunderte ich mich.
„Eben nicht! Wissen Sie, ich sitze hier schon seit heute Mittag. Entweder ist er schon die ganze Zeit dagewesen oder ich muss seine Ankunft verschlafen haben. Das gibt es doch nicht!“ Sie schien ratlos.
„Kennen Sie den Mann denn nicht?“, wollte ich wissen. „Ich meine, er war ja kostümiert. Vielleicht tritt er am hiesigen Theater auf oder veranstaltet sonst irgendwas.“
Die Miene der Museumswärterin erhellte sich leicht. „Ah, da könnten Sie Recht haben. Wissen Sie, kommendes Wochenende ist doch Goethes Geburtstag. Da gibt es an verschiedenen Orten in Weimar Feierlichkeiten und auch Freilufttheater im Park. Wahrscheinlich proben die heute und das wird einer der Darsteller gewesen sein.“ Für die Dame schien nun alles klar. Auf einmal gluckste sie und beugte sich verschwörerisch zu mir vor. „Der hatte bestimmt ein dringendes Bedürfnis und hat hier Toiletten gesucht.“
Ich lächelte ihr zuliebe. Meiner Meinung nach hatte er nicht so ausgesehen, als ob er gerade ein Klo sucht, aber das konnte mir ja auch egal sein.
„Komisch ist bloß, wie er an mir vorbei konnte, ohne dass ich ihn gesehen habe“, sinnierte sie weiter.
Schulterzuckend warf ich ihr noch ein unbestimmtes Lächeln zu und verabschiedete mich. Draußen war es kein Grad kühler geworden, aber wenigstens fühlte sich die Luft im Garten nicht so stickig an. Ohne die Anlage des Rasens, der Beete und Bäume weiter zu beachten, nahm ich den kürzesten Weg zum Tor. Zögernd tat ich meine letzten Schritte darauf zu, denn draußen sah ich den Mann von vorhin stehen. Er schien sich keineswegs beruhigt zu haben. Ich nahm mir vor, ohne ihn weiter zu beachten schnurstracks an ihm vorbeizugehen. Doch aus meinem Plan wurde nichts. Sobald er mich sah, kam er auf mich zu. Ich bemühte mich, ihn nicht anzusehen und wendete meinen Körper schon in die andere Richtung, um meine Abweisung zu signalisieren. Der Mann war mir nicht geheuer.
„Warte, Mädelchen, so warte doch!“ Er lief mir nach. Ich beschleunigte meinen Schritt, doch er war schneller und fasste mich mit einer Hand am Ellbogen.
Einerseits furchtsam andererseits wütend drehte ich mich zu ihm um. „Was wollen Sie von mir?“ Von der Ferne sah ich Spaziergänger auf uns zukommen. Das beruhigte mich etwas. Falls der Typ mir etwas anhaben wollte, konnte ich um Hilfe rufen. Da bekamen seine Augen wieder diesen entsetzten Ausdruck, den ich vorhin in Goethes Gartenhaus schon wahrgenommen hatte. Aber diesmal meinte er nicht mich. Er fokussierte irgendetwas hinter mir. Ich wandte mich um, konnte aber außer einem Fahrradfahrer, der gemächlich in unsere Richtung steuerte, nichts entdecken. Nichts Außergewöhnliches also. Doch mein Gegenüber war völlig versteinert. Ein weiteres Mal drehte ich mich um und schaute dann wieder zu ihm. Er musste tatsächlich den Radfahrer meinen. Mit offenem Mund starrte er ihn an und als er an uns vorbeigefahren war, folgte er ihm mit seiner Körperdrehung und stierte ihm hinterher. Konsterniert wandte er sich nach einigen Sekunden wieder mir zu. „Was zum Henker war das?“
Seine Verwunderung war echt. Das konnte ich spüren. So gut konnte gar kein Schauspieler sein. Dennoch wusste ich nicht, ob ich es lustig oder beängstigend finden sollte. „Ein Mann auf einem Fahrrad. Was ist daran so komisch?“
„Bitte… sage mir: wo bin ich?“, flehte er mich an. Wäre er nicht so ehrlich verzweifelt gewesen, ich hätte ihn einfach stehen lassen und wäre gegangen. Doch langsam begann sich Mitleid in meiner Brust zu regen.
Daher gab ich ihm geduldig Auskunft. „Sie sind in Weimar. Das hier ist der Park an der Ilm und hinter uns befindet sich Goethes Gartenhaus. Sagt Ihnen das was?“
„Also doch. Aber wie anders! Wie anders ist alles! Ich begreife das nicht. Soeben steh ich noch an meinem Pulte über den Akten und da tut es einen Knall…“
„Ja, den Knall habe ich auch gehört“, bestätigte ich ihm. „Bloß dass sie nicht an Ihrem Pult standen, sondern an Goethes.“
Seine großen Augen bohrten sich in meine. „Ich BIN Goethe!“
Es mag unglaublich erscheinen, aber ich zweifelte keinen Augenblick an seiner Wahrhaftigkeit. Vielleicht ein wenig an seinem Geisteszustand, aber nicht daran, dass er ernsthaft glaubte, Goethe zu sein. Darum hielt ich es für das Beste, ihn nicht zusätzlich zu verstören, sondern reichte ihm stattdessen meine Hand. „Carla.“
Er nahm sie vorsichtig in seine weichen Hände, aber nicht um sie zu schütteln, sondern um sie sanft mit einer leichten Verbeugung zum Mund zu führen. Bei seiner Verneigung fiel sein Blick auf meine Beine. Für einen Moment verweilten seine Augen darauf. „Sag, weshalb bist du so merkwürdig gekleidet?“ Seine niedergeschlagenen Lider deuteten einen Anflug von Befangenheit an. Ich begriff nicht, was ihn an meinem Aufzug so beschämte.
„Wie meinen Sie das? Was ist daran merkwürdig?“, fragte ich etwas pikiert zurück.
Er schüttelte ungläubig den Kopf und lächelte. „Aber Mädchen, du bist doch ganz nackt! Siehst du das denn nicht?“
Ich sah an mir hinab. Meine Beine wurden von einem der Hitze angemessenen, kurzen Hosenrock bis zur Hälfte der Oberschenkel verdeckt. Von dort bis zu den Füßen, die in leichten Sandaletten steckten, waren sie tatsächlich nackt. Dennoch hätte das niemand – ausgenommen vielleicht in einer Kirche – als anstößig empfunden. Da fiel mir wieder ein, dass dieser Mann sich für Goethe hielt. Zu dessen Zeit hatten Frauen vermutlich nichts anderes als lange Kleider getragen. Ich musste ihn behutsam mit dem Gedanken vertraut machen, dass die Weltgeschichte schon ein wenig weiter fortgeschritten war.
„Herr Goethe, vielleicht haben Sie es nicht mitgekriegt, aber wir sind inzwischen im 21. Jahrhundert angekommen und da können Frauen kurze Hosen tragen, ohne dass sich jemand darüber wundert“, sagte ich daher höflich.
Sobald ich seine Reaktion sah, bereute ich meine Belehrung. Abermals entgleisten ihm seine Gesichtszüge und er griff sich mit beiden Händen an den Kopf. Den Blick zum Himmel gerichtet, flehte er: „Gott helf, dass ich den Verstand nicht verlier!“ Ich beobachtete ihn mit zunehmender Ratlosigkeit. Was sollte ich mit diesem Menschen machen? Ihn einfach hier stehen lassen? Er wirkte völlig hilflos, seine Verwirrung echt. Aber an wen konnte ich mich wenden, um ihm zu helfen? Vielleicht an das örtliche Nervenkrankenhaus? Ich kannte mich in Weimar nicht aus, auch wünschte ich mir nichts sehnlicher, als endlich zum Hotel zurückzugehen, und ich fühlte mich komplett überfordert.
Ohne Vorwarnung packte er mich an den Oberarmen, Verzweiflung spiegelte sich in seinem Gesicht. „In welchem Jahre befinden wir uns jetzo?“
„2016“, entgegnete ich wahrheitsgemäß.
„Zweitausendsechzehn.“ Er wiederholte es flüsternd Silbe für Silbe. „Wahrhaftig? Ich bin im Jahre 2016?“
„Ja.“ Am liebsten hätte ich mich noch dafür entschuldigt, so leid tat er mir. Nur dafür konnte ich nun wirklich nichts. „Was dachten Sie denn?“
Er musterte mich eindringlich, seine Hände immer noch im Klammergriff um meine Oberarme. „Siebzehnhundertsechsundsiebzig.“
Einen Moment standen wir uns gegenüber und sahen uns wortlos in die Augen. Dann ließ er mich los und rief mit ausgebreiteten Armen: „Heute ist Dienstag, 27. August 1776, frühe um zehn!“
Die beiden Spaziergänger, die ich vorhin in der Ferne wahrgenommen hatte, kamen gerade an uns vorüber und wandten interessiert die Köpfe zu meinem Gesprächspartner. Ich wartete, bis sie endlich weitergegangen waren und sagte leise: „Heute ist Sonntag, der 21. August 2016, abends um sechs.“
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