Sofort tat sich vor mir eine andere Welt auf. Es handelte sich um die gleichen Zimmer, die ich gerade durchschritten hatte, aber sie waren belebter: wesentlich mehr Möbel verteilten sich auf den Raum des Arbeitszimmers, in das ich blickte. Es war heller. Durch den geöffneten Flügel des Südfensters fiel der Schein des Vormittagslichtes herein. Draußen sah man eine Amsel auf dem Ast eines belaubten Baumes sitzen. Und man hörte sie auch singen. Es war so realistisch, dass ich sogar meinte, den Hauch der frischen Morgenluft zu spüren, der sanft meine nackten Unterarme streichelte. Überall lagen Sachen herum, Blätter, Zettel, aufgeschlagene Bücher, man konnte es wohl mit Fug und Recht chaotisch nennen. Über einer Stuhllehne hingen Klamotten und am Stehpult, mir direkt gegenüber an der Wand vor dem Fenster, da stand jemand. Er wandte mir den Rücken zu und schrieb emsig. Man konnte sehen, wie die Feder über das Papier huschte und hören, wie sie dabei ein mittellautes Kratzen verursachte.
„Hier können wir den 26-jährigen Goethe bei der Arbeit beobachten. Was er gerade schreibt? Wir wissen es nicht…“ Die tiefe, volltönende Männerstimme hatte mich erschreckt, so dass ich sogar leicht zusammenzuckte. Schade, dass die vollkommene Illusion, die das Zusammenspiel von Bild und Ton ergab, wodurch man vollständig in die Szenerie eintauchte, plötzlich durch die Stimme eines Sprechers oder Kommentators gestört, zerstört und aufgehoben wurde. Ein wenig verdrossen drehte ich mich langsam mit dem Stuhl im Uhrzeigersinn. Die virtuelle Realität der Brille zeigte mir Bücherregale mit dicken Folianten und großformatige Mappen, die lose Blattsammlungen beinhalteten. Als ich mich um 180 Grad gedreht hatte, konnte ich direkt in Goethes Schlafzimmer blicken. Auch hier stand ein Fenster offen, den Vorhang blähte leicht der hereinziehende Wind. Der Teil des Bettes, den man sehen konnte – das Fußende –, war mit weißer Leinenbettwäsche bedeckt. Etwas ratlos drehte ich mich weiter. Das war ja alles recht schön, das Projekt gefiel mir tatsächlich ganz gut – jedenfalls besser als das fade Museum, das man hier sonst erleben würde. Allerdings war es nun auch nicht so bahnbrechend, dass es mir neue Ideen für meine Fotos geliefert hätte. Als ich wieder am Ausgangspunkt meiner Drehung angekommen war, stand Goethe – oder wen sie dafür ausgaben – noch immer mit dem Rücken zu mir am Stehpult. Ich nahm nicht an, dass sich das noch ändern würde. Dann hätte man schließlich einen Statisten filmen müssen, der dem bekannten Dichter ähnlich sah. Auf einmal hatte ich die Idee, aufzustehen. Wie würde die VR-Brille darauf reagieren? Immerhin nahm sie ja wahr, ob ich mich umdrehte oder in welche Richtung meine Augen gingen. Ich stand also auf, wobei mir etwas schummrig wurde, und sah zum Boden. Wirklich reagierte die Technik auch hierauf und ich konnte den alten, abgewetzten Holzdielenboden in neuem, gewachstem Glanz erstrahlen sehen. Immer noch war das Vogelgezwitscher durch das geöffnete Fenster zu hören und das Kratzen der Schreibfeder auf dem Papier. Auf einmal setzte es aus. Fluchte da jemand? Ich sah zum Pult. „Goethe“ schlug ärgerlich und tatsächlich leise fluchend mit der Hand auf das Pult. „Verfluchte Feder!“, hörte ich ihn schimpfen. Sehr sympathisch fand ich das und musste schmunzeln. Ich tat ein paar Schritte in das Arbeitszimmer hinein, bis mich etwas zurückhielt und ich nicht weitergehen konnte. Das Kabel meines Kopfhörers. Es reichte offenbar nicht weiter. Wie schnell man doch immer wieder in die Illusion dieser virtuellen Realität hineingeriet und dann jedes Mal aufs Neue überrascht war, wenn man von der echten Wirklichkeit eingeholt wurde. Es war mir also verwehrt, dem Dichter beim Schreiben über die Schulter zu schauen. Aber wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich ihn vielleicht berühren. Mir war klar, dass es nicht möglich sein würde. Dennoch tat ich es. Und ich spürte etwas. Ich spürte das im Vergleich zu heutigen Hemden grobe Material seines nicht reinweißen Hemdes mit dem Rüschenkragen. Ich konnte sogar die Wärme des Körpers fühlen, den ich gerade am Schulterblatt berührte. Das war doch nicht möglich! Ich griff zu dem Kopfhörer, um sowohl diesen als auch die Brille abzusetzen. In dem Moment, da ich die Hörmuscheln des Hörers seitlich von meinen Ohren abhob, ertönte ein lauter, durchdringender Knall, der die Luft im ganzen Raum erschütterte. Er verursachte einen Druck in meinen Ohren, wie man ihn im Flugzeug beim Landeanflug spürt, wenn es rasch an Höhe verliert und der Luftdruck sich zu schnell verändert. Eilig riss ich mir die Brille vom Kopf. Die vormittägliche Atmosphäre des chaotisch belebten Zimmers wich der kargen Wirklichkeit des musealen Raumes. Beinahe alles war wieder wie vorher. Das Vogelgezwitscher war weg, Stille herrschte in der stickigen Luft. Aber er stand noch da. Goethe. Das Stehpult war nun wieder in die Zimmerecke gerückt, so dass er alleine vor dem Fenster stand, halb zu mir umgewendet und beide Hände schützend über seine Ohren haltend. Erschrocken, nein entsetzt, starrte er mich aus seinen enormen und weit aufgerissenen braunen Augen an. Ich nehme an, ich werde ihn nicht weniger blöd angeglotzt haben, konnte mein Verstand doch einfach nicht begreifen, was hier passierte. Wieso war er hier? Und: war er es überhaupt? Oder handelte es sich nicht vielmehr um einen Schauspieler oder Statisten, der im Rahmen des Projektes für Goethe Modell gestanden hatte?
„Wer sind Sie?“, schien mir deshalb die angebrachteste Frage in dieser Situation.
Immer noch nicht war das Entsetzen aus seinen Augen gewichen. Der junge Mann, der vor mir stand, war kaum größer als ich selbst, also für einen Mann eher klein. Sein langes braunes Haar war an den tiefen Schläfen bereits grau meliert. Er trug es im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden und über den Ohren war es zu einer Rolle aufgedreht, wie man es aus Historienfilmen oder von alten Richterperücken kennt. Sein weißes Hemd mit den Rüschen an Kragen und Ärmeln, das ich bereits befühlt hatte, trug er über einer schwarzen samtenen oder wildledernen Kniebundhose. Weiße Strümpfe reichten von dort bis zu den flachen Halbschuhen. Aus seinem sonnengebräunten Gesicht schien alles Blut gewichen. Es tat mir plötzlich leid, dass ich ihn durch meine Berührung so erschreckt hatte. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie angefasst habe. Es war doch nur, weil ich die Kopfhörer und die VR-Brille aufhatte und dachte, Goethe steht vor mir.“
Er ignorierte meine Bemerkung. Langsam war sein Blick von mir zu den Einrichtungsgegenständen im Raum geglitten. Außer sich riss er ruckartig seinen Kopf herum, um sich umzusehen. Tiefe Falten bildeten sich zwischen seinen Augenbrauen, als sein Blick an mir vorbei auf den Sessel in der Bibliothek fiel, der für das Virtual Reality-Projekt aufgestellt worden war. Ohne ein Wort zu sagen ließ er mich stehen, lief eiligen Schrittes durch alle Zimmer und rannte dann mit wildem Poltern die Treppen hinunter. Unten hörte ich ihn nach jemandem rufen.
Ich konnte mir keinen Reim auf seinen Auftritt machen. Es hätte ja seinen können, dass er ein normaler Besucher war, der heraufgekommen war, während ich von der Wirklichkeit abgeschottet mit Brille und Kopfhörer beschäftigt gewesen war. Was allerdings dagegen sprach, war sein Aufzug. Er war gekleidet, wie man sich jemanden aus der Goethe-Zeit gemeinhin vorstellt. Vielleicht trat er hier in Weimar als Goethe-Double auf oder gab Führungen. Aber was hatte ihn dann so verstört? Dass ich ihn aus Versehen berührt hatte? Es hatte vielmehr gewirkt, als wisse er selbst nicht, wie er dorthin gekommen war beziehungsweise als wisse er gar nicht, wo er war. Seltsamer Typ.
Für heute hatte ich genug. Ich sah auf die Uhr an meinem Smartphone. Kurz vor sechs. Das Museum würde nun ohnehin schließen. Bedächtig machte auch ich mich auf den Weg nach unten. Die Hitze und die heutige Museumstour hatten mich geschlaucht, so dass ich einfach nur noch ins klimatisierte Hotel zurück wollte.
Читать дальше