Tom stützte sie, und als sie in der Tür standen, schaute sie noch einmal zurück, sie sah die leblosen Körper der Sicherheitsmänner, die gerade mit Tüchern verhüllt wurden. Dort wo vorhin noch LeValet am Boden lag, sah sie nur noch eine rote Pfütze.
Sie gingen in den Präsentationsraum. Hier herrschte trotz einer bedrückenden Stille reges Treiben. Notärzte kümmerten sich um die Gäste und Polizisten gingen ihrer Arbeit nach. Ryan stand an der Fensterfront und sprach in sein Handy. Rolltragen mit schwarzen Leichensäcken wurden aus dem Raum geschoben und der Wachmann vom Empfang saß auf einem Stuhl, blass und aufgewühlt. Tom schob Natascha auf ein Sofa zu. Bei jedem Schritt knirschten Glasscherben unter ihren Füßen. Sie nahm alles wie durch einen Schleier wahr. Die Vitrinen waren zerschlagen worden, die Kunstgegenstände lagen am Boden und waren beschädigt. Sie setzte sich und Tom ging ihr ein Glas Wasser holen. Was war hier geschehen? Auf dem dunklen Parkett sah sie feucht glänzende Flecke, die mit Markierungen versehen worden waren. Blitzlichter, diesmal die der Kameras der Kriminaltechniker, flammten auf und erloschen wieder. Das Deckenlicht war jetzt nicht mehr gedämmt und wie aus weiter Entfernung drang Schluchzen an ihr Ohr.
Tom kam zurück und reichte ihr ein Glas. Sie nahm es und trank gierig ein paar Schlucke. Der Nebel lichtete sich und sie kehrte in die harte Realität zurück, nichts zeichnete die Szenerie mehr weich.
„Was ist bloß geschehen?“ Nataschas Stimme klang in ihren eigenen Ohren dünn. „Ist LeValet …“ Sie konnte den Satz nicht beenden, es schien ihr die Luft abzuschnüren.
„Nein er lebt, es geht ihm schlecht, aber er lebt und wird gerade im Krankenhaus operiert.“ Tom schaute besorgt auf Natascha hinab. „Geht es dir besser?“
„Ja, ein wenig.“ Sie hatte ihre Stimme jetzt wieder unter Kontrolle.
„Tascha, was ist in diesem Zimmer geschehen? Kannst du es mir erzählen?“
Sie nickte und nahm noch einen Schluck von dem Wasser. Sie atmete tief ein und versuchte so gefasst wie möglich alles wieder zu geben, erwähnte jedoch nichts von den Augen dieses Mannes die ihr solche Angst gemacht hatten.
„Tja, ich glaube wir haben kläglich versagt“, Tom sprach leise. „Es hat auch einen von uns erwischt und sie haben bis auf zwei alle Wachmänner getötet und drei Gäste.“
Er schüttelte den Kopf, dann sprach er weiter und redete sich alles von der Seele: „Sie standen plötzlich im Raum, sechs vermummte Männer mit Schwertern in den Händen und niemand schien in der Lage zu sein sich zu rühren. Ich dachte immer: Du musst was machen, zieh deine Waffe! Aber ich konnte nicht und dann war mein Kopf leer. Ich habe einfach alles nur mit angesehen. Ein paar versuchten sich zu wehren aber sie wurden niedergeschlagen und getötet.“ Tom nahm Natascha das Glas aus den Händen und trank es aus, dann setzte er sich neben sie.
Sie schaute ihn an. „Was haben die gemacht?“
„Sie haben die Vitrinen eingeschlagen und Sachen in Rucksäcke gesteckt. Irgendwann verließen drei von ihnen das Zimmer, ich denke, das waren die, die dann in das Arbeitszimmer zu euch kamen. Als sie zurückkehrten, sagte einer von ihnen zu den anderen irgendetwas wie: Tötet die Verräter oder so ähnlich und dann haben sie ein Blutbad angerichtet. Ich konnte einfach nichts machen. Es war, als würden mir mein Körper nicht gehorchen. Irgendwann war alles vorbei und diese Typen gingen. Sie gingen einfach hinaus und nach einer Weile hatte ich mich wieder unter Kontrolle und dann brach das Chaos aus.“ Tom atmete tief durch. „Natascha, es waren nur sechs Männer und sie hatten keine Pistolen oder so etwas. Hier waren so viele Leute, so viele Polizisten und Wachmänner und keiner konnte etwas gegen sie unternehmen.“ Er schwieg und schloss die Augen. Natascha streichelte ihm über den Arm.
„Es geht schon wieder, ich werde diese Mistkerle erwischen das schwöre ich dir!“ Ein harter Ausdruck lag auf Toms Gesicht. „Ich lass mich doch nicht verarschen von denen!“
Nach und nach wurde es ruhiger. Die Gäste waren nach Hause geschickt worden, die beiden Wachmänner, die übrig geblieben waren, hatte man in Schutzhaft genommen und die Kriminaltechniker räumten ihre Sachen zusammen. Natascha war müde, sie wollte nur schlafen, einfach nur schlafen. Sie bat Tom sie zum Hotel zu fahren.
„Meinst du nicht es wäre besser heute Nacht nicht alleine zu sein? Vielleicht solltest du mit zu mir kommen, ich schlafe auf der Couch.“
Natascha war dankbar für das Angebot, schlug es jedoch aus, sie musste alleine sein und so fuhr er sie ins Hotel.
Als sie sich verabschiedeten, wünschte sich Tom sie würde ihn küssen. Tascha gab ihm jedoch nur einen flüchtigen Kuss auf die Wange und das war schon mehr, als er unter diesen Umständen verlangen konnte. Sie stieg aus dem Auto. Er schaute ihr nach, bis sie im Foyer verschwunden war. Sie hatte sich nicht mehr zu ihm umgedreht.
Natascha saß auf dem Bett. Sie hatte noch einmal geduscht und sich in einen Hotelbademantel eingehüllt. Sie bereute das Angebot von Tom nicht angenommen zu haben. Sie zitterte am ganzen Körper. Diese Augen verfolgten sie. Dieser Blick ließ sie nicht los. Sie hatte das Gefühl zu fallen und niemand fing sie auf, wenn sie an den Abgrund dachte, den sie in diesem Blick gesehen hatte, wie eine leere Unendlichkeit. Sie dachte an das viele Blut, die Schreie LeValets und die Angst die sie gehabt hatte.
Tascha fasste einen Entschluss. Sie setzte sich auf und griff nach ihrem Handy, das auf dem Nachttisch lag und starrte es an dann schaute sie auf die Uhr, 1:30 Uhr. Hier in Berlin lebte eine sehr gute Freundin von ihr, Mia. Sie hatte neben ihrer Tante gewohnt und sie hatten sich angefreundet, als Natascha dorthin gezogen war. Sie zählte diese Frau zu einer ihrer besten Freundinnen. Der Kontakt war auch nicht abgebrochen, als sie aus Berlin weggezogen war. Sie telefonierten und besuchten einander, wenn es die Zeit erlaubte. Diesmal war sie noch nicht dazu gekommen Mia zu sehen, der Job hielt sie ganz schön auf Trab. Sie wählte die Nummer und nach einigem Klingeln meldete sich eine verschlafene Frauenstimme am anderen Ende.
„Mia“, Natascha zögerte, „ich bins, Natascha. Entschuldige, dass ich Euch so spät störe ...“ Sie brach in Schluchzen aus und konnte sich nur schwer beruhigen.
„Natascha um Gottes willen, was ist los?“ Die Frau am anderen Ende klang sehr besorgt. „Rede schon, was ist passiert?“
„Mia, ich kann nicht mehr. Mir ist heute etwas Schreckliches passiert. Ich weiß nicht mehr weiter, ich weiß nicht was ich tun soll.“ Sie weinte.
„Tascha wo bist du? Sag mir wo du bist, bist du schon in der Stadt? Hat man dir wehgetan?“
„Nein, ich bin nicht verletzt. Ich bin in einem Hotel am Ku´Damm, ich kann nicht alleine sein.“
„Gib mir die Adresse ich schicke Josh, er holt dich ab und bringt dich her. Packe ein paar Sachen und verbringe die Nacht bei uns, dann können wir reden, ich helfe dir.“ Natascha nannte die Adresse und legte auf. Dann nahm sie ihre Reisetasche und stopfte wahllos ein paar Dinge hinein die sie meinte für eine Nacht zu benötigen.
Fünfzehn Minuten später stieg sie zum Ehemann ihrer Freundin ins Auto. Der Wagen kam gerade vor der wunderhübschen alten Stadtvilla zum Stehen, als auch schon die Tür aufgerissen wurde und Mia in einem Morgenmantel auf Natascha zu gerannt kam. Sie erreichte die Freundin, als diese ausgestiegen war, und nahm sie in den Arm.
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