Sie sprang schnell unter die Dusche, drehte das warme Wasser auf und gab ein wenig Kaltes dazu, bis die Tropfen eine angenehme Temperatur erreicht hatten. Dann griff sie zum Shampoo und wusch sich die Haare. Sie seifte ihren Körper sorgfältig ein und spülte alles herunter. Beim Beobachten des Schaums, der in kreisenden Bewegungen im Abfluss verschwand, dachte sie an die vergangenen Tage. Eigentlich fühlte sie sich in dieser großen Stadt nicht mehr wohl, obwohl sie hier aufgewachsen war. Nach dem Tod ihrer Tante, bei der sie seit dem Verschwinden ihrer Eltern gelebt hatte, war diese Stadt ein Albtraum für sie geworden. Irgendwann hatte sie Berlin verlassen, war weggezogen. Als sie dann eine Anfrage von der Kriminalpolizei bekommen hatte, ob sie in beratender Funktion für sie tätig werden könne, entschied sie sich für längere Zeit zurückzukehren. War es ein Fehler gewesen?
Natascha drehte das Wasser aus und griff nach dem Handtuch, das sie in der Nähe aufgehängt hatte. Sie trocknete sich ab und schaute in den Spiegel, zwei große, braune Augen starrten ihr entgegen. In den vergangenen Wochen war es in Berlin zu gewalttätigen Übergriffen auf Kunstliebhaber und Sammler gekommen. Sie waren überfallen, beraubt und ermordet worden. Es wurde eine Spezialistin benötigt, die sich mit christlicher Kunst auskannte, um zu helfen. Natascha war Kunsthistorikerin und genau das war ihr Spezialgebiet. Obwohl sie noch recht jung war, hatte sie bereits einige Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht und sich aufgrund ihres Fleißes und ihres Wissens einen Namen gemacht. Sie schien genau die Richtige zu sein. Die Angelegenheit hatte sie interessiert, versprach spannend zu werden, und so hatte sie den Job angenommen.
Nachdem sie ihre Haare trocken geföhnt hatte, trug sie ein wenig Rouge und Wimperntusche auf. Ein heller Lippenstift und ein paar Spritzer Parfüm, dann war sie im Bad fertig. Sie ging zum Schrank, überlegte kurz und entschied sich für einen schwarzen, klassischen Hosenanzug mit einem violetten Top und dazu passenden Pumps, eine schlichte Goldkette rundete ihr Outfit ab. Einigermaßen zufrieden mit sich nahm sie ihre Handtasche von der Kommode, griff ihren Mantel und die Zimmerkarte und verließ das Hotel.
Ein Taxi, Natascha brauchte unbedingt ein Taxi. Der Portier öffnete ihr die Tür und sie trat hinaus. Der Wind blies ihr kalt ins Gesicht. Sie schaute die Straße hinauf und hinunter, es war keins zu sehen. Gerade wollte sie sich umdrehen, um wieder in die Lobby zu gehen und sich ein Taxi rufen zu lassen, als ein silberner VW vor ihr zum Stehen kam. Die Seitenscheibe wurde heruntergelassen und ein Gesicht mit einem breiten Grinsen kam zum Vorschein.
„Hey Tascha, ich wollte dich eigentlich anrufen und fragen, ob ich dich mit zu LeValet nehmen soll. Gut, dass ich dich noch erwische.“ Er öffnete ihr von der Fahrerseite aus die Tür und dankbar stieg sie ein.
„Tom, dich schickt der Himmel, wunderbar dich zu sehen.“ Sie gab dem Mann einen Kuss auf die Wange und schnallte sich an, die Fahrt ging los.
Tom war ein Kriminalbeamter, der an dem Fall Kunstmörder arbeitete. Sie hatten sich in der Zeit, die sie jetzt hier war, ein wenig angefreundet. Er war lustig und ein angenehmer Mensch, sie mochte ihn sehr.
Durch den dichten Abendverkehr fuhren sie zum Potsdamer Platz. Dort, hoch oben über der Stadt, hatte LeValet seine Räumlichkeiten. Tom parkte den Wagen in der Tiefgarage, die zum Gebäude gehörte und sie fuhren mit dem Fahrstuhl in den Eingangsbereich des verglasten Hochhauses. Ein Sicherheitsbeamter hinter einem Tresen schaute auf, als sich die Tür öffnete. Er hatte bis eben noch die Monitore beobachtet, die vor ihm standen. Nun lächelte er Tom und Natascha freundlich zu, und als die beiden vor ihm standen, fragte er höflich nach ihren Namen und dem Grund ihres Besuches.
„Mein Name ist Tom Neders“, er zeigte seinen Dienstausweis, „ich bin Hauptkommissar und dies ist Natascha Schiernow. Wir wollen zu Monsieur LeValet, man erwartet uns.“
Die Beamten der Kripo sollten sich heute unter die Gäste mischen, 'Undercover' wie man so schön sagte. Man ging davon aus, dass dieser Abend für die 'Kunstmörder' ein gefundenes Fressen werden würde.
Der Mann wandte sich einem Computer zu und nickte, dann blickte er auf und sagte: „Gehen Sie bitte zum hinteren Aufzug, er fährt sie direkt in die obere Etage. Ich wünsche einen schönen Abend.“
Natascha und Tom durchquerten die große, prächtige Halle. Sie schaute sich um: Der Boden war aus schwarzem Marmor, ebenso wie die Säulen die sich bis unter die Decke emporschwangen. Die Wände waren mit einer roten Seidentapete beklebt und große, Gold gerahmte Spiegel reflektierten das Licht. Sie fuhren in einem mit Mahagoni getäfelten Aufzug bis ganz nach oben. Dezente Musik begleitete sie.
Als der Fahrstuhl mit einem 'Pling' zum Halten kam und die Türen sich lautlos zur Seite schoben, kamen sie in einen Vorraum, auf dessen gegenüberliegenden Seite eine verschlossene Tür zu sehen war. Vor dieser standen zwei große, kräftige Typen, die zum privaten Sicherheitspersonal LeValets gehörten. Tom und Natascha traten an die beiden heran und stellten sich abermals vor. Einer sprach in sein Headset und nach wenigen Sekunden ließ man sie herein.
Sie betraten eine andere Welt. Ein großer Raum erstreckte sich vor ihnen. Eine komplette Seite war vom Boden bis zur Decke verglast und gab den Blick auf die Stadt frei, die im Dunklen der Nacht lag, Tausende Lichter funkelten wie Sterne. Der Boden war mit blutrotem Parkett ausgelegt. Eine große Sitzlandschaft aus schwarzen Sesseln und Sofas sowie ein paar kleinere Glastischen bildeten das Zentrum des Raumes. Um sie herum waren gläserne Schaukästen aufgebaut, in denen die Objekte lagen. Noch waren die Kästen dunkel und nichts war zu erkennen. An einer Seite des Raumes standen Tische, an denen sich die Gäste mit Getränken, Kaviar und Lachshäppchen, Austern und anderen Köstlichkeiten versorgen konnten. Servicekräfte kümmerten sich darum, dass den Gästen jeder Wunsch erfüllt wurde. Ein leises Summen lag in der Luft, es rührte von den Unterhaltungen her, die die Anwesenden miteinander führten. Ab und zu zuckte das Blitzlicht einer Kamera auf. Es war nur wenigen, ausgesuchten Reportern erlaubt worden diese Ausstellung zu besuchen.
Natascha war beeindruckt. Wenn sie auch noch nichts von den Exponaten sehen konnte, so war das Ambiente doch schon klasse, ihr Herz schlug schneller.
„Tascha“, Tom holte sie aus ihrer Verzückung heraus, „ich werde mal Ryan suchen, damit er mich einweisen kann.“
Sie nickte ihm nur zu und er verschwand. Eine Kellnerin trat an sie heran und bot ihr ein Glas Champagner an, das sie auf einem Tablett trug. Natascha nahm es, warum nicht?
Es war so weit, LeValet trat vor seine Gäste. Er war ein großer, stattlicher Mann Anfang fünfzig mit weißen, kurzen Haaren und stahlblauen Augen. Elegant gekleidet strahlte er eine enorme Selbstsicherheit aus. Sofort verstummten die Gespräche und alle blickten ihm entgegen. Er erhob die Hand, in der er ein Glas hielt, und lächelte seinen Gästen zu, er hatte die volle Aufmerksamkeit.
„Liebe Freunde“, er sprach mit einem leichten, französischen Akzent, „ich danke euch, dass ihr mir die Ehre erweist, heute Abend mit mir diesen Augenblick zu feiern. Ich habe hier die wunderbarsten Stücke zusammengetragen, die es meiner Meinung nach auf der Welt gibt und ich hoffe, dass sie euch genauso bezaubern werden wie sie mich schon seit meiner Jugend bezaubern. Schaut euch um, lasst euch treiben, ich hoffe, dieser Abend wird unvergesslich für uns alle.“
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