»Vergiss das neue Konzept. Das hält dich nur davon ab, Geld zu verdienen. Darum kannst du dich kümmern, wenn du mit der derzeitigen Version ein Vermögen gemacht hast.«
Sam kräuselt die Stirn und legt seinen Kopf schief. Ein Schmetterling flattert herbei und setzt sich auf den Ledersessel. Offenbar betrachtet er ihn als seinen Lieblingsplatz. Urs schenkt seinem Besucher einen flüchtigen Blick.
»Komm schon Sam. Hier ist mein Vorschlag. Ich kümmere mich um die Produktion und den Vertrieb deines Cyberinterfaces. Das bringt Geld in die Kasse, das du dringend zur Verwirklichung deiner neuen Ideen brauchst.«
Der Schmetterling breitet seine Flügel aus und tut so, als gäbe es tatsächlich eine Sonne, die ihn wärmt. Sam ist nicht überzeugt. Er möchte nicht Zeit in etwas investieren, das bestenfalls einen Zwischenschritt darstellt. Seine Vision geht weiter. Viel weiter. Der Erfinder versucht noch einmal, seinen Zimmergenossen von der Idee abzubringen.
»Urs, das schaffst du nicht alleine. Selbst wenn Aya dir hilft und ihr beide das Vollzeit macht.«
Urs lächelt in sich hinein. Er mag den Kalifornier, aber Sam fehlt jeglicher Geschäftssinn. Immerhin hat er seinen Freund jetzt da, wo er ihn haben wollte. Der Rest ist nur noch eine Kleinigkeit, meint der Berliner.
»Natürlich nicht. Aber ich kenne die richtigen Leute. Zufälligerweise sind die alle bei der Party morgen dabei. Da können wir uns mit ihnen zwanglos darüber unterhalten.«
»Oh die Party«, stöhnt Sam. »Du weißt doch, dass ich keine Zeit für sowas habe.«
Urs blickt ihn skeptisch an und richtet sich umständlich auf. Der Lepidoptera flüchtet und flattert im Kreis, bis sich die Lage beruhigt hat. Dann lässt er sich auf Urs' Knie nieder. Der scheint das nicht zu bemerken.
»Sam, das kaufe ich dir nicht ab. Sei nicht so schüchtern. Lern' ein paar Leute kennen. Knüpfe Kontakte. Das ist immer nützlich. Netzwerken nennt man das.«
»Na schön«, gibt sich der Partymuffel geschlagen. »Apropos Zufall. Da ist nicht zufällig ein Neurologe dabei?«
Urs grinst über beide Ohren und klatscht in die Hände. »Aber sicher doch. Paul wird auch da sein. Du wirst ihn mögen.«
***
Urs hat nicht zu viel versprochen. Allein die Dekoration ist es Wert, zu kommen. Sam ist beeindruckt. Die Villa in Grunewald darf man ohne zu übertreiben, auch als ein kleines Schloss bezeichnen. Das Grundstück entspricht den Ansprüchen des Gebäudes. Es ist bereits dunkel, als sie ankommen. Überall glitzern Lichter. Fackeln weisen den Weg. Es spielt eine Liveband. Zwischen den Gästen tummeln sich als Kraken dekorierte Servierroboter und sorgen dafür, dass kein Wunsch unerfüllt bleibt.
Die Partyräumlichkeiten folgen dem Motto Tiefsee. Geschickt platzierte Lichteffekte und Projektionen perfektionieren den Eindruck, sich unter Wasser zu befinden. Die Bar erinnert an ein Korallenriff und statt der Decke spiegelt sich weit oben die Meeresoberfläche.
»Wolltest du mir nicht deinen Freund Paul vorstellen?«
Urs' Blick wandert suchend umher. Über ihnen zieht ein Megalodon vorbei. Sowohl der Urzeithai als auch der Berliner ignorieren sich gegenseitig.
»Allerdings. Keine Ahnung, wieso er nicht gekommen ist. Normalerweise versäumt der keine Party. Schon gar nicht eine wie diese. Ich weiß nicht, was mit dem los ist. Seltsam, wie er sich in letzter Zeit benimmt.«
»Wie meinst du das?«, will Sam wissen.
Seine Augen folgen einer Meerjungfrau, die ganz dicht an ihm vorbeischwimmt und ihm zuzwinkert. Hinter sich zieht sie eine Haarschleppe her, die kein Ende nehmen will.
»Naja so zurückgezogen. Geradezu abweisend. Echt merkwürdig ...«
Urs Blick erstarrt. Man sieht, wie ihn das Verhalten und Fehlen seines Freundes beschäftigt. Plötzlich fasst er einen Entschluss.
»Komm wir fahren zu ihm.«
»Jetzt?«, erstaunt sich Sam. »Es ist schon nach Mitternacht.«
»Wieso nicht? Jetzt ist er sicher zu Hause. Wir sind hier fertig und ich will wissen, was mit ihm los ist. Dass er nicht gekommen ist, macht mir echt Sorgen.«
***
»Wer ist da?«, will eine verschlafene Stimme wissen.
»Mach auf Paul. Ich bin’s. Urs.«
»Egal was es ist. Geh weg. Ich bin müde. Ich muss morgen früh raus«, tönt es dumpf von drinnen.
»Nein. Wir müssen reden. Ich gehe nicht, bevor du nicht die Tür aufgemacht hast.«
»Spinnst du? Komm morgen wieder. Oder besser übermorgen.«
Sam schaut seinen Freund vorwurfsvoll an. »Hör auf, ihn zu quälen. Denk an die Nachbarn. Mit deinem Sturmläuten weckst du das halbe Haus auf. Das gibt Ärger.«
Als hätten sie nur auf das Stichwort gewartet, öffnen sich just in diesem Moment die Türen rund um Pauls Appartement. Androiden treten heraus. Einer von ihnen eröffnet das Wort. Sam hegt den Verdacht, dass sie ihn per maschineninterner Abstimmung zum Sprecher wählten.
»Meine Herren, ich muss doch sehr bitten«, schnarrt der blecherne Hausdiener los. »Bitte beenden Sie unverzüglich diese Ruhestörung, sonst melde ich das der Polizei.«
Wenn sich Urs einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt er sich nicht so leicht davon abbringen. Er zeigt dem Roboter die Zähne. Es schert ihn nicht, ob er das als Grinsen oder als Drohung interpretiert. Dann wendet er sich ab und hämmert mit der Faust an die Tür.
»Jetzt mach endlich auf. Wenn es nicht wichtig wäre, würde ich nicht um diese Zeit kommen.«
Sam ist das peinlich. Auf der Suche nach einem Fixpunkt fällt sein Blick auf das Türschild: Paul Berger. Die dazu gehörenden digitalen Ergänzungen weisen ihn als Neurobiologen aus. Sollte das der Experte sein, den er braucht?
»Wehe es ist nicht existentiell.« Schlurfende Schritte nähern sich. Dann geht die Tür auf. Paul wirkt verschlafen und das Arrangement seiner blonden Haare ist weit davon entfernt, sich Frisur nennen zu dürfen. Misstrauisch beäugt er Sam.
»Wer ist das?«
»Ein Freund«, erklärt Urs und schiebt sich durch die Tür. Paul fehlt bei weitem die Statur, um sich diesen Muskelbergen zu widersetzen. Ohne Gegenwehr lässt er sich zurückdrängen.
Sam sieht sich in der Wohnung um. Sie ist groß und stilvoll eingerichtet. Schwarz und weiß dominieren. Oder besser dominierten. Hier müsste dringend mal wieder saubergemacht werden, stellt der Erfinder fest. Überall liegen Sachen herum und wo früher Oberflächen spiegelten, liegt jetzt Dreck. Staubflocken wabern durch die Luft. Es muffelt nach körperlichen Ausdünstungen. Sams Geruchsinn beharrt darauf, dass irgendwo ein Käse vor sich hingammelt.
»Setzt euch«, lädt der unfreiwillige Gastgeber ins Wohnzimmer, während er sich der Länge nach auf die Couch fallen lässt. Sogleich fährt er wieder hoch und wischt mit Schwung T-Shirts, Hemden und Socken auf den Boden. »Bier ist im Kühlschrank. Du weißt ja, wo der steht.«
Während Urs Richtung Küche verschwindet, materialisiert sich Enola in Sams Augmented Reality. Nur für ihn sichtbar gibt sie ihm ein Zeichen. Er nimmt es stumm zur Kenntnis.
»Da ist kein Bier«, tönt es aus der Küche.
»Pech gehabt«, kommentiert Paul lapidar.
Urs baut sich vor seinem Freund auf und stemmt die Hände in die Hüften. »Was ist eigentlich mit deinem Hausdroiden?«
»Was weiß ich. Kaputt, Akku leer, abgehauen. Such dir was aus.«
Der Berliner betrachtet seinen Freund, als hätte dieser Mickey Mouse die Ohren abgeschnitten. »Paul, ich erkenne dich kaum wieder. Was ist denn los mit dir? Du kannst dich doch so nicht gehen lassen.«
»Kann ich, wie du siehst.« Paul schließt die Augen. »Also jetzt schieß los. Nütze die paar Sekunden, bevor ich wieder einschlafe.«
Angesichts der Lage entschließt sich Urs für einen Frontalangriff.
»Paul, das muss aufhören. Du musst wieder am Leben teilnehmen. Ich weiß auch schon wie. Sam braucht dringend jemanden wie dich. Er möchte die Schnittstelle zwischen Gehirn und Computern verbessern. Das könnte der Virtual Reality endgültig zum Durchbruch verhelfen.«
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