Seine Brust sieht übel verbrannt aus. Es riecht nach verkohltem Fleisch. Schlagartig ist der Sturm vorbei und es scheint wieder die Sonne.
»Das geschieht dir recht«, schreit Aya. »Ich hoffe, es tut ordentlich weh.«
Cyclone schaut herab auf seinen Avatar. Seine Wunde beginnt zu heilen. Innerhalb weniger Sekunden ist der Brandfleck verschwunden.
»Autoxa, ist dir klar, was gerade passiert ist?«
Aya ist immer noch so wütend, dass ihr gar nicht auffällt, dass er ihr Pseudonym aus WoC benutzt.
»Du hättest mich mit deinem Blitz beinahe gegrillt und hätte ich mir beim Sturz vom Turm das Genick brechen können.«
Der Windgott legt den Kopf schief und sieht sie noch eine Weile an, um ihr Zeit zu geben, das Ganze zu verarbeiten. Dann dämmerte es der Chinesin.
»Oooohhh, das war ja viel realer als alles, was ich bisher in der virtuellen Welt erlebt habe. Ich vergaß tatsächlich, dass alles nur eine Simulation ist.«
»Genau. Es hat sich gelohnt, unsere Avatare so aufwendig zu entwickeln. Verstehst du jetzt, warum wir Personenrepräsentatoren brauchen, die alle Funktionen des menschlichen Körpers nachbilden, von einem vollständigen Skelett mit Muskeln über Nerven und Organe bis zu einem Kreislauf mit Herz und Blutgefäßen?
Unsere Avatare sind Lichtjahre weiter, als die animierten dreidimensionalen Körper, die wir bisher als Präsenzsymbole im Holovers eingesetzt haben. Deshalb ist es dir möglich, wie in der realen Welt zu empfinden und deinen Avatar genauso zu steuern.«
In diesem Moment trübt ein Schatten Sams Freude. Er denkt wieder an Sophie. Schlagartig ist er zu Hause in Napa Valley im Krankenzimmer, als er sie zum letzten Mal sah. Er fragt sich, wie es gelaufen wäre, wenn er damals so eine Simulation gehabt hätte. Vielleicht wäre es dann nie zu dem Unfall gekommen.
Aufgrund Ayas Reaktion glaubt er, nun einen Entwicklungsstand erreicht zu haben, dass es reicht Sophie davon zu überzeugen sich ihre Adrenalinkicks in der virtuellen Welt zu holen. Er spürt, wie ein Lichtstrahl sein Herz erreicht und die Schatten vertreibt. Die Welt erscheint auf einmal heller und farbiger.
»Ja schon«, brummt Urs und reißt ihn aus seinem Tagtraum. »Trotzdem ist der Aufwand immer noch zu groß. Wir haben ja erlebt, dass deine Idee schon ganz gut funktioniert, mit elektromagnetischen Mikrofeldern das Gehirn zu stimulieren. Aber ...«
Der Bodybuilder schnippt mit den Fingern. Wie von Geisterhand verschwindet die virtuelle Welt und die drei finden sich in der physikalischen Realität wieder. Der Raum hat die Größe einer Turnhalle. Es gibt keine Fenster und die Wände sind in künstlichem Grün gestrichen. Der einzige Anhaltspunkt für die Augen sind ihre farbigen Anzüge.
So schnell Sams gute Stimmung aufpoppte, ist sie wieder weg. Getötet von Urs mit wenigen Worten. Am liebsten hätte ihm Sam eine geballert. Doch der Berliner fährt ruhig fort.
»Schau uns doch an. Wir hängen in unseren Spezialanzügen wie Marionetten von der Decke. Nur damit wir uns in der virtuellen Welt frei bewegen können, ohne uns in der realen blaue Flecken zu holen. Oder gar die Knochen zu brechen.«
»Sei nicht so streng mit Sam«, ermahnt Aya ihren Freund. »Immerhin bereitete uns seine Gehirn - Computer Schnittstelle das intensivste Spielgefühl, das wir jemals hatten.«
Sam betrachtet die zierliche Chinesin. Ihr enganliegender Anzug lässt keinen Spielraum für Interpretationen. Seiner aber auch nicht. Anders lässt sich die Druckstimulation der Haut nicht bewerkstelligen. Sich da reinzuzwängen ist jedes Mal ein Kraftakt.
Dazu kommt noch die Seilaufhängung. Diesen Aufwand tut man sich nicht einfach nebenbei an. Es ist nicht massentauglich, aber ernsthafte Cybernauten nehmen das gerne auf sich, wenn dafür das besonders tiefe Eintauchen in eine virtuelle Welt als Belohnung winkt.
Man nennt das ›Holovers‹. Künstliche Welten, deren Potenz lediglich den Einschränkungen der menschlichen Fantasie oder der Kreativkraft von Computeralgorithmen unterliegt. Je nachdem wer oder was sie schuf.
Aya wirft ihm ein aufmunterndes Lächeln zu. Das muntert den Erfinder nicht auf. Aber es festigt es seinen Entschluss. Die MOTRAQ Apparaturen zum Übertragen von Bewegungen sind einfach zu aufwändig. Dieses Problem muss er ein für alle Mal beheben. Es gibt nur eine Lösung für die vollkommene Verschmelzung der realen und der virtuellen Welt über das menschliche Gehirn.
Und er, Sam wird sie bauen. Koste es, was es wolle. Für die Chance, wieder mit Sophie zusammen sein zu können, ist er bereit, alles zu geben.
1 Cyberüberfall
Der Bezirk Neukölln ist seit jeher problematisch. Eine explosive Mischung aus Szenelokalen, durchgeknallten Künstlern und illegalen Aktivitäten aller Art. Die Armutskriminalität entwickelte sich mit der Zeit zu fest etablierten Berufszweigen. Es fällt auf, wenn Bewohner sich normal benehmen. Aber das gibt es in diesem Bezirk nicht. Die effizienzmaximierten und sozialnormierten Ameisen des Digitalkollektivs halten es hier weder aus, noch werden sie geduldet.
Städteführer, egal ob digital oder human, weisen auf die Gefahren in diesem Gebiet hin. Hierher kommt niemand, der nicht weiß, was er tut. Das ‚Gardengnome' ist einer der Gründe zu kommen. Es gehört zu den angesagtesten Clubs in Berlin.
Die Lokalität stellt eine Insel mit sicheren Hafen inmitten eines Ozeans dar, auf dem haushohe Cybererpressungswellen und Drogenhandelsorkane ihre Urgewalten austoben.
Wer die Schutzzone leichtsinnig verlässt, begibt sich in Gefahr. Ein Pärchen tritt ins Freie. Er ist mittelgroß, schlank und stellt zurzeit blonde Haare zur Schau. Die Menschen halten ihn für Anfang Zwanzig. Laut Geburtsurkunde ist er achtundvierzig. Sie ist zweiundsechzig mit dem jugendlichen Aussehen eines It-Girls.
Sie lernten sich auf der Tanzfläche kennen. Nicht zufällig. Ein Algorithmus errechnete, dass sie zusammenpassen. Sie mussten sich nicht einmal vorstellen und das peinliche erste Ansprechen übernahm auch die Dating-App. Sie gab ihnen auch die Anleitung für sämtliche Schritte bis zum ersten Kuss.
Das Programm konnte nicht ahnen, welches Unheil es für die beiden heraufbeschwor. Der Alkohol, die heiße Musik, kombiniert mit ihren Pheromonen taten ihr Werk. Sie mussten dringend nach draußen.
Ihre Schritte knirschen auf dem Kies. Die Luft ist kühl und es riecht nach Müll und menschlichen Ausdünstungen. Aber das stört sie nicht. Sie bleiben stehen und lassen ihren Trieben freien Lauf.
»Alter«, flüstert es hinter einem verrosteten Müllcontainer außerhalb der Sicherheitszone. »Noch zwei Schritte und ich hätte sie gehabt.«
»Voll krass. Mach näher ran«, drängt ihn sein Kumpel.
»Hey Alter, du hast null Peilung«, mault der Erste. Sein Markenzeichen ist ein Gerät so groß wie ein Aktenkoffer, das er auf dem Schoß balanciert und mit einem Stift bedient. »Chill down. Ich kann nicht näher ran. Diese Sicherheitseinrichtung ist vom Feinsten. Ein Wunder, dass sie uns noch nicht entdeckt haben.«
Nervös schaut er sich um. Jedes Mal, wenn er glaubt, das Surren einer Drohne zu hören, zuckt er zusammen.
»In der Tat«, brummt ein Dritter. »Wenn ihr zwei Dösbaddel nicht sofort die Klappe haltet, werden sie das mit Sicherheit. - Ruhe jetzt und Geduld. Die kommen schon. Das sagt mir mein Bauchgefühl.«
Alle drei tragen Tarnanzüge, Gesichtsmasken und Handschuhe, die schon über mehrere Generationen in Gebrauch sind.
In diesem Moment kommen ein paar dieser Stretchlimos aus dem vorigen Jahrhundert angefahren. Aus den Türen strömt eine Gruppe Best-Ager, unter ihnen ein betagter Sänger. Einer vom alten Schlag. Einer, der sich noch traut, die Regeln individuell auszulegen. An ihm haben sich die Vermarktungsstrategen des ewigen Jugendlichkeitsimperativs die Zähne ausgebissen. Die Spuren exzessiven Genusses von Sex, Drugs und Rock’n’roll trägt er wie eine Auszeichnung.
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