Paul schüttelt sich. Ein Schauer läuft seinen Rücken herunter.
»Geh' mir vom Acker mit diesem Mist. Von diesen Dingen habe ich die Nase voll.«
»Aber Paul«, versucht Urs seinen Freund zu motivieren. »Du bist Neurobiologe. Einer der Besten auf diesem Gebiet. Das muss dich doch interessieren.«
Für einen Moment scheint seine Neugier geweckt. Ein Funke Begeisterung blitzt in seinen Augen auf. Dann verzerrt sich sein Gesicht. Wütend dreht er sich zur Seite. »Verschwindet. Alle beide.«
Urs setzt zu einer Antwort an aber Sam unterbricht ihn. »Lass gut sein Urs. Es ist spät und dein Freund ist übermüdet. Lass uns gehen.«
Wieder holt Urs Luft, um etwas zu sagen. Sam schüttelt den Kopf und zieht ihn am Arm. »Wir kommen ein andermal, wenn er bessere Laune hat und die Luft wieder atembar ist.«
Ehe sich Urs versieht, sind sie draußen.
»Was sollte das Sam? Hast du den Verstand verloren? Du kennst Paul nicht. Wir waren kurz davor ihn zu überzeugen.«
»Nein waren wir nicht.«, schüttelt der Kalifornier den Kopf. »Ganz sicher nicht.«
»Aber ...«
»Ich erklär es dir später.« Sam wirft einen Blick über die Schulter. Nichts regt sich im Gang, oder doch? »Los komm, verschwinden wir von hier.«
***
»Was macht dich so sicher, dass Paul erpresst wird?«
»Enola, meine digitale Assistentin, hat es mit dreiundneunzig prozentiger Wahrscheinlichkeit errechnet.«
»Eh-no-la«, wiederholt Urs den Namen und betont dabei jede Silbe. »Also ich traue diesen Digital-Faktoten nicht.«
»Meine ist anders. Das ist kein nullachtfünfzehn Standard. Sie ist mein Werk. Ich habe sie selbst programmiert.«
Urs versucht, ihn mit seinen Augen zu durchdringen.
»Wir werden sehen. Wenn es stimmt, was du gesagt hast, ist er in ernsten Schwierigkeiten. Wir müssen ihm helfen.«
Sam bläst die Backen auf und lässt die Luft geräuschvoll entweichen. »Puh, das wird nicht so einfach. Da ist ein Profi am Werk.«
»Für den Schöpfer einer halbintelligenten KI kann das doch kein Problem sein. Ich bin mir sicher, dass du Paul helfen kannst.«
Bei dem Wort ‚halbintelligent' zieht Sam eine Braue hoch. Seine Gedanken kreisen jedoch um den Freund seines Zimmergenossen. Ein Neurobiologe ist genau das, was er braucht, um seine Gehirn-Computer Schnittstelle verbessern zu können. Er traut Urs zu, ihn zum Mitmachen zu überreden. Zum ersten Mal bekommt er eine Chance, seinen Traum zu verwirklichen. Diese auszulassen würde er sich nie verzeihen.
»Wäre es nicht besser, wir würden zur Polizei gehen?«, mischt sich Aya in die Diskussion ein.
»Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Es gibt bestimmt einen Grund, warum Paul nicht selbst die Polizei eingeschaltet hat«, meint Urs.
Aya betrachtet ihren Freund eingehend. Dieser erwidert ihren Blick. Vertrau mir, ich kenne Paul schon seit ewigen Zeiten , sagen seine Augen. Ein blauer Schmetterling setzt sich auf ihren Arm. Sie ist zum ersten Mal, in Sams Virtual Reality zu Gast.
Die Chinesin ist fasziniert von der Mischung aus modernen und traditionellen amerikanischen Kulturelementen, mit denen der Kalifornier sein Ambiente gestaltet. Im Moment sitzen sie zu dritt auf einer Wiese um ein Feuer herum. Sie und Urs auf einem Ledersessel, Sam im Schneidersitz auf dem Boden.
Noch mehr bewundert sie, wie echt das alles wirkt. Das Feuer wärmt ihre Haut und es riecht nach Blumenwiese. Noch nie spürte sie derart differenzierte sensorische Wahrnehmungen. Sie empfindet diesen Ort als real und kann kaum glauben, dass sie in Wahrheit in Urs' Studentenbude sitzen. Für Aya ist die Welt perfekt und sie versteht nicht, was Urs und Sam glauben daran noch verbessern zu müssen.
Nachdenklich betrachtet sie den Schöpfer dieser künstlichen Welt. Mit T-Shirt, Jeans und Turnschuhen ist er gekleidet wie jeder andere. Nur seine Haartracht findet sie gewöhnungsbedürftig. Als Diplomatentochter kam sie schon viel herum, aber Männer mit Zöpfen kennt sie nur aus uralten chinesischen Büchern.
»Fragen wir doch Enola, was sie empfiehlt«, schlägt sie überraschend vor.
Urs beugt sich vor. Gespannt schauen alle auf Sam. Dieser zuckt die Schulter und aktiviert seine Assistentin mit einer Geste. Enola materialisiert sich aus dem Nichts neben ihrem Meister.
»Du hast die Frage gehört. Was ist das Beste für Paul?«
Der Blick von Sams Assistentin geht ins Unendliche, während sie eine Antwort berechnet.
»Ich habe zu wenige Daten für eine vollständige Analyse. Pauls Verhalten deutet auf starke Verzweiflung hin. Das heißt, jemand muss viel gegen ihn in der Hand haben. Er wird rund um die Uhr überwacht und kann deshalb nicht selbst zur Polizei gehen.
Ich vermute stark, dass der oder die Erpresser über umfassende Möglichkeiten verfügen, Daten zu manipulieren. Daher ist es nicht auszuschließen, dass es ihm schadet, wenn wir das der Polizei melden«.
»Du meinst also auch, wir sollen ihm helfen?«
Enola wendet sich Urs zu.
»Nein, das soll am besten ein professionelles Team machen. Eine der großen Agenturen, die sich auf Datenintegrität spezialisiert haben.«
»Das kostet ein Vermögen«, stellt Urs fest. Dabei sieht er Sam an. »Die Vorschläge deiner KI sind wenig praktikabel.«
»Deine finanziellen Mittel reichen tatsächlich nicht dafür«, erklärt Enola. Dabei blendet sie seinen exakten Kontostand ein. Urs bekommt große Augen.
»Keine Sorge«, beruhigt ihn die KI mit einem Mona-Lisa-Lächeln. »Der Betrag ist nur für dich sichtbar. Allerdings, wenn ihr drei zusammenlegt, könnte es reichen.«
Urs steht vor Staunen der Mund offen. Aya schaut irritiert. Sam grinst zufrieden.
»Doch vermutlich wird das nicht nötig sein. Erstens werdet ihr es doch versuchen, wie ich aus euren Persönlichkeitsprofilen entnehme und zweitens ist Paul sowieso unterwegs zu euch. In zweiunddreißig Minuten wird er da sein.
»Enola, ich hatte dich nicht autorisiert die Persönlichkeitsprofile meiner Freunde zu lesen!«, empört sich Sam.
Die KI zuckt mit den Schultern. »Aber du hast es mir auch nicht verboten.«
»Warte, warte«, bremst Urs. Sein Blick wandert zwischen Sam und der Droidin hin und her. »Das ist jetzt aber nicht echt. Das hast du doch irgendwo in deinem Programm als Subroutine eingebaut. Stimmt's?«
»Schon möglich«, konzediert Sam, um die Situation nicht weiter aufzuheizen. Das bringt ihm einen vorwurfsvollen Blick seiner digitalen Assistentin ein.
»Sam, deine KI ist wirklich beeindruckend. Aber ich möchte, dass du ihr sagst, dass sie in Zukunft die Finger von meinen persönlichen Daten lassen soll.«
»Meine auch«, wirft Aya ein.
Der Erfinder zuckt die Schultern. »Enola, du hast es gehört. Ab jetzt sind die Daten von Urs und Aya tabu«, kommandiert Sam. Nach außen gibt er sich zerknirscht, aber innerlich ist er stolz auf sein KI Programm.
»Wie ihr befehlt, Meister«, verbeugt sich die Droidin. Nicht ohne dabei einen Schmollmund anzudeuten.
»Beeindruckende Vorstellung«, gibt Urs zu. »Das hat mich überzeugt. Mit diesen Fähigkeiten können wir es mit jedem Gegner aufnehmen.«
»Nun mal langsam. Paul kommt in ein paar Minuten, wir wissen nicht genau, was los ist, und da wollt ihr es mit Profihackern aufnehmen?«, gibt Aya zu bedenken.
Sam erhebt sich.
»So schwierig ist das nicht. Vor allem darf der Gegner nicht entkommen. Das ist wie beim Virtual Reality-Spiel. Darin seid ihr ja Experten. Passt auf, wir machen es so: -«
1 Airbikerennen
»Ein Wald?«
Aya dreht sich einmal um ihre Achse. Ihr Blick wandert unruhig umher, um alles aufzunehmen. An einigen Stellen verweilt sie, über andere geht sie hinweg.
Es ist nicht der optimierte Fichtenwald zur Versorgung der Massen, den sie erwartete. Viel mehr ein germanischer Urwald. Ehrwürdige Eichen stehen Blatt an Blatt mit heiligen Buchen und Ulmen. Und wenn tief drinnen die Weltesche Yggdrasil ihre Äste in den Himmel strecken würde, hätte sie sich auch nicht gewundert. Ein Wald, würdig dem Germanendschungel, in dem einst Arminius die Römer in die Falle lockte und vernichtete. Aya zieht ihre Mundwinkel anerkennend nach unten.
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