Cyclone erhöht das Tempo, obwohl er mit seiner Angst kämpft. Sein Verstand sagt, dass das nur eine Simulation ist und, dass nichts passieren kann. Sein Gefühl sagt ihm das genaue Gegenteil.
Obwohl er mit seinem verbesserten Interface schneller reagiert als jeder normale Mensch, hält der Hacker den Vorsprung. Er muss über einen Supercomputer mit gigantischer Rechenleistung verfügen.
Der Cyber-Krieger erhöht das Tempo. Kleinere Äste peitschen seinen Körper. Wie durch Zauberhand lässt Enola über seine Haut eine Motorradkombi wachsen, die zur Drachendame auf seinem Triebwerk passt. Der Ritt durch den Wald fordert seine ganze Konzentration.
Trotzdem riskiert er einen Blick hinüber zu Autoxa. Sie tauschte im Flug ihr Kleid gegen eine dunkelrote Motorradkombi und fliegt elegant durchs Dickicht. Wie schön wäre es jetzt, so mit Sophie durch den Wald zu jagen. Seine Träumerei wird jäh von einer Stimme unterbrochen.
»Vorsicht«, warnt ihn Enola gerade noch rechtzeitig. Direkt vor ihm zwingt ihn ein Baum zu einer scharfen Rechtskurve. In dem Moment schießt eine Rakete an ihm vorbei, kracht in den Baumstamm, explodiert und verwandelt das Gehölz in eine Wolke kleiner und kleinster Splitter.
»Enola, wer schießt da auf uns?«
Bevor seine digitale Assistentin antworten kann, explodiert etwas hinter ihm.
»Das war Pauls Avatar«, klärt sie ihn auf.
»Aha. Und wer hat ihn abgeschossen?«
»Arnold.«
Urs also. Wurde auch Zeit, dass er auftaucht. Cyclone fragt sich, wie es sich anfühlt, wenn man im Holoversum von einer Rakete in den Rücken getroffen wird. Noch dazu, wenn Gefühle so realistisch wiedergeben werden wie mit seinem Brain-Field-Modulator.
Plötzlich muss er grinsen. Ihm kommt eine Idee, wie sich das lästige Umkurven der Bäume sparen lässt. Er spricht ein paar Kommandos. Kurz darauf erscheint vor ihm eine rotierende Wolke, aus der sich eine Windhose zum Boden vorarbeitet. Dort hinterlässt sie Bäume Schleudernd eine Schneise der Verwüstung.
Cyclone dreht voll auf und rast hinter seinem Wirbelsturm her. Links und rechts von ihm verschwimmt der Wald zu einer grünen Wand. Auf einmal wird es heller. Vollgas jagt er auf eine ansteigende Grasebene hinaus.
Mit einem Blick erfasst Cyclone die Lage. Die Grasebene endet an einer Felswand. Gesteinsbrocken liegen herum als hätte sie ein Riese von oben herabgeworfen. Der Vorsprung des Hackers ist geschrumpft. Autoxa ist links von ihm fast auf gleicher Höhe.
Cyclone holt mit einem Trick noch mehr aus seinem Airbike heraus, um aufzuschließen.
Das tiefe Blubbern einer Harley Davidson, die von hinten kommend an ihm vorbeizieht, zeigt ihm, dass da noch mehr drin ist. Der Fahrer des Airbikes steckt in einer schwarzen Lederkombi und trägt ein Piratenkopftuch. Cyclone nimmt Arnolds breites Grinsen mit einem Nicken zur Kenntnis.
»Gleich haben wir ihn«, knurrt Cyclone. »Die Felswand ist eine Sackgasse und gegen unsere Fangnetze von drei Seiten hat er keine Chance. Enola, Autoxa und Arnold, macht die Fangnetze bereit. Wir feuern auf drei.«
Der Gordon Gekko des Cyberspace dreht sich um. In seinem Gesicht spiegelt sich eine Mischung aus Wut und Neugier.
»Wer bist du?«
»Ich bin deine Nemesis. Deine Cyberkarriere ist hiermit beendet«, donnert Cyclone zurück.
Ihr Zielobjekt denkt nicht daran aufzugeben. Sein Airbike macht einen Satz nach vorne. Geschickt nutzt er die Felsbrocken zur Deckung und kurvt zwischen ihnen hindurch.
Cyclone zieht sein Airbike höher, bis er über den Felsbrocken dahinschwebt. Autoxa und Arnold verhindern, dass der Hacker zur Seite entkommen kann. Meter für Meter holt der Windgott auf. Oberhalb des Cyber-Yuppies gibt er das Kommando an Enola das Fangnetz abzuschießen.
Die Entschlossenheit seines Gegners überrascht ihn. Anstatt zu bremsen, zieht dieser sein Gefährt ruckartig hoch, direkt in das Fangnetz. Der Zusammenstoß ist trotzdem unvermeidlich. Cyclones Airbike gerät außer Kontrolle. Er wird zusammen mit seinem Flugmotorrad gegen einen Felsen geschmettert. Den Feuerball, Knall und Splitterregen bekommt er nicht mehr mit.
Schreiend vor Schmerz wacht Sam in der Realität auf. Obwohl alles nur eine Simulation ist, dauert es mehrere Sekunden, bis die Schmerzen nachlassen. Neben ihm hängt Aya in ihrem MOTRAQ, die noch immer in der virtuellen Realität ist.
»Haben wir ihn erwischt?«, will er von Enola wissen.
»Ein voller Erfolg. Zusammen mit Ayas und Urs Fangnetzen konnten wir alle Programme des Hackers sicherstellen. Bis zum letzten Bit.«
Nebenbei zeigt sie ihm die Aufzeichnung über die Geschehnisse nach seinem unfreiwilligen Ausstieg aus der Cyberwelt. Zufrieden mit sich selbst beendet Sam die Sitzung im Holovers. Nur langsam gewöhnt sich sein Verstand an den nüchternen Greenroom. Neben ihm wacht Aya auf. So wie sie blinzelt, scheint es ihr ähnlich zu gehen.
1 Sofies Therapiesitzung
»Nein!«
»Ich will aber.«
Sophie verschränkt die Arme wie ein trotziges Kind. Ihr Psychiater nimmt es stoisch zur Kenntnis. Das ist keine Kunst, da er über die unerschöpfliche Geduld eines Computerprogramms verfügt.
Die junge Frau sitzt auf der Bettkante und starrt ins Nichts. Sie ist allein. So wirkt es zumindest in der realen Welt. Ihr Seelenarzt existiert nur in ihrer virtuellen Realität.
Innerlich kocht sie. Mit Menschen kann man verhandeln, sie belügen und austricksen. Aber das Allerwichtigste ist, dass sie nicht immer präsent sind. Irgendwann schlafen sie und gelegentlich sind sie unaufmerksam oder vergesslich. Ein Programm vergisst nie und ist immer da. Ihm entgeht nichts.
Seit dem Unfall ist Doktor Smith ihr ständiger Begleiter. Jetzt sitzt er sogar in ihrem Zimmer. Ihrem Heiligtum. Ein Raum, der ihr innerstes Wesen widerspiegelt wie sonst nichts auf der Welt. Chaos. Oder, wie sie es ausdrücken würde, eine planlose Ablage, von der sie erwartet, dass sich die natürliche Ordnung der Dinge irgendwann von selbst einstellt. Doch die sieht keinen Grund, ihr diesen Gefallen zu tun.
Wie auch immer, es handelt sich um eine Mischung von Action-Accessoires aus ihrem Leben und dem Rückzugsgebiet eines verträumten Mädchens. Letzteres repräsentiert durch ihr Baldachinbett.
An den Wänden hängen Plakate von Actionszenen mit ihr als Hauptperson, die sich bei genauerer Betrachtung bewegen. Eines davon zeigt einen Fallschirmsprung. Nach dem Verlassen des Flugzeuges entledigt sie sich ihres Fallschirms. Lachend stürzt sie dem Boden entgegen. Sam versucht verzweifelt, sie einzufangen. Sie unternimmt keine Anstalten dabei, ihm zu helfen. Doch er fängt sie. Wegen der doppelten Belastung des Schirms ist die Landung hart. Sams Gesicht ist schmerzverzerrt.
Das Eindringen in ihre Intimsphäre empfindet sie als Provokation. Allein beim Gedanken daran, dass die Sozialbehörde sie dazu zwingt, beschleunigt sich ihr Puls. Für sie fühlt es sich an wie eine ständige Vergewaltigung.
Um den Psychiater nicht zu sehen, müsste sie ihre Augmented-Reality-Kontaktlinsen herausnehmen. Verschwinden würde er dadurch aber nicht. Er wäre immer noch da und würde sie über alle möglichen Kameras und Mikrofone beobachten. Ihn aus ihrem Leben zu verbannen, ist zwar nicht verboten aber praktisch unmöglich. Sie holt tief Luft. Der Nervenarzt betrachtet sie regungslos.
»Ich meine es doch nur gut mit dir.«
Früher hatte sie gebrüllt, er solle aus ihrem Kopf verschwinden, und mit den Fäusten und Füßen auf die Holzbretter des Bodens getrommelt. Mittlerweile hat sie gelernt, mit dem Programm umzugehen. Sie nimmt noch einen tiefen Atemzug und hält die Luft an.
»Du solltest inzwischen wissen, dass ich mich nicht erpressen lasse«, kommentiert der digitale Seelenklempner die Aktion.
Nein, das tust du nicht. Aber ich weiß wie ich dich manipulieren kann, denkt sie und hält die Luft an, bis ihr Gesicht rot anläuft. Danach beendet sie ihre Trotzphase mit ein paar tiefen Atemzügen.
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