»Worüber wolltest du offen mit mir sprechen?«
»Ich äh ... Von meiner Idee mit Hilfe von Nanobots das Gehirn direkt mit der Cyberwelt zu verbinden. Ich habe dir noch nichts darüber erzählt, weil sie noch ewig weit von einer Realisierung weg ist. Ich, äh, wollte nicht als abgehobener Nerd dastehen, der von künftigen Welten fantasiert, die nicht realisierbar sind. Mein Brain-Field Modulator ist da wesentlich konkreter. Da habe ich schon Prototypen gebaut.«
Sie lässt sich Zeit für einen vorwurfsvollen Blick.
»So ist das also. Mir verheimlichst du deine neueste Erfindung, obwohl wir schon monatelang zusammen sind, und meinem Vater vertraust du deine größten Geheimnisse bei erstbester Gelegenheit an.«
Sam fehlen die Worte, um etwas zu sagen. Vilca stört sich nicht daran. Sie hätte ihm sowieso keine Chance gegeben.
»Egal«, fährt sie fort. »Wie sollen denn die Nanobots ins Gehirn kommen? Indem die Schädeldecke aufgeschnitten wird? Danke, aber nein danke. Mit mir nicht.«
Vilca zieht ein Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Trotzdem bricht der Sturm nicht aus. Sam nimmt all seinen Mut zusammen. Wer weiß, wie viel Zeit ihm noch bleibt, sein Gesicht vor den Tomačeks zu bewahren.
»Aber das ist es ja gerade«, beeilt er sich die Diskussion auf eine sachliche Ebene zu bringen, »meine Lösung kommt ohne einen operativen Eingriff aus. Die Nanobots werden ins Blut gespritzt, wandern zum Gehirn und verbinden sich mit Neuronen. So können Signale mit einem Computer ausgetauscht werden, Basis für die Simulation von Empfindungen und Körperfunktionen.«
Vilca runzelt die Stirn.
»Das wird schwierig. Dazu müssten sie die Blut-Gehirn-Schranke überwinden.«
»Ja schon«, entgegnet Sam. »Aber es gibt ein paar Viren und Bakterien, die diese Schranke überwinden können. Wenn es gelingt, die Nanobots so zu tarnen, dass sie wie ein solches Bakterium aussehen, können sie die Blut-Gehirn-Schranke durchdringen. Weil sie dafür entsprechend klein sein müssen ist der Name Nanobot durchaus zutreffend.«
»Hmm«, brummt die Biologiestudentin und stützt ihr Kinn auf den Zeigefinger. Ihr Blick geht durch Sam hindurch und verliert sich im Unendlichen. Ein paar ihrer Sturmwolken scheinen sich aufzuhellen.
Der Gedanke an Viren und Bakterien bringt in ihrem Gehirn ein Steinchen ins Rollen. Fasziniert beobachtet Vilca, wie der eine Gedankenlawine auslöst. Schließlich donnert die Idee ins Tal. Als ihr Staub sich legt, erwacht vor ihrem geistigen Auge eine Vision.
Die Sängerin sieht sich auf der Bühne stehen, vor einer Viertelmillion Zuhörern. Vilca ist mit ihren Fans verbunden, deren Gefühle sie spürt. Und umgekehrt. Sams Erfindung ermöglicht ihr gleichzeitig Auftritte in der realen und der digitalen Welt. Aus den Hunderttausenden werden Millionen. Aus Zuhörern werden in ihre Show eingebundene Teilnehmer.
Ein Lächeln stiehlt sich auf ihre Lippen. So eine Schnittstelle könnte noch viel mehr. Es würde ihr erlauben, ihrem Märchenprinzen auf gleicher Ebene zu begegnen wie seine künstlich intelligente Assistentin. Ihr ist klar, dass es viel Zeit kosten wird, bis es soweit ist. Solange will sie aber nicht warten.
»Ich wüsste zu gerne, wie sich das anfühlt«, seufzt sie, ihren Blick in weite Fernen gerichtet.
Sam wittert seine Chance.
»Das lässt sich einrichten. Ich habe einen Prototypen, der auf einer anderen Technologie basiert. Er ist nicht wirklich alltagstauglich und bei weitem nicht so leistungsfähig wie es die Neuro-Nanobots sein werden. Aber um mal zu spüren, wie sich das anfühlt, reicht mein Brain-Field-Modulator allemal.«
In ihren Augen breitet sich ein Glitzern aus.
»Oh«, staunt sie. »Das ist ja aufregend. Ich kann es gar nicht erwarten, deinen, ähm, Brain-Field-Modulator mal auszuprobieren.«
Sam fällt ein Stein vom Herzen und vergisst, sich über den abrupten Sinneswandel zu wundern. Von einer Sekunde auf die andere ist das Unwetter verschwunden. Stattdessen verbreitet Vilca eine Regenbogenstimmung, die seine Seele streichelt. Ihre Muskelspannung ist weg und sie schmiegt sich an ihn wie eine zweite Haut.
Gerade als er einen Termin vorschlagen will, nähert sich Ivanna. Man sieht ihr an, dass sie ihre Tochter bereits eine Weile sucht. Die Herrin des Hauses produziert ein überraschtes Gesicht, als sie alle drei an einem Tisch sitzen sieht. Noch dazu in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Gewöhnlich machen Vilcas Freunde stets einen großen Bogen um ihren Gatten.
Als die Sängerin ihre Mutter sieht, springt sie auf. Sam ist enttäuscht. Zu schnell verflüchtigt sich das angenehme Gefühl, sie auf seinem Körper zu spüren.
»Mein Auftritt wartet. Passt auf, ich widme jedem von euch ein Lied.«
Dann gibt sie ihrem Vater und Sam jeweils ein Küsschen und schreitet mit ihrer Mutter Arm in Arm davon.
Marek sieht seinen beiden Frauen nach und bemerkt schmunzelnd, dass Mutter und Tochter den gleichen ausladenden Hüftschwung zelebrieren, während sie über den Rasen schweben. Dann wendet er sich wieder an Sam und sieht in nachdenklich an.
»Ich teile Vilcas Optimismus nicht. Deine Idee ist vielversprechend, aber sie wird nicht funktionieren.«
1 Zurück im Leben
»Wo ist Paul?«, ist Ayas erste Frage, noch bevor Sam die Tür zu seiner Wohnung schließen kann.
Urs nickt mit dem Kopf Richtung Badezimmer.
»Ich habe ihn erst einmal duschen geschickt. Der Gestank war nicht auszuhalten.«
Aya schnuppert und rümpft die Nase.
»Iii, das ist ja widerlich. Der Geruch hängt ja immer noch in der Luft.«
Sie hält sich demonstrativ die Nase zu.
Urs grinst und deutet auf einen Plastikbeutel im Gang.
»Das kommt bestimmt von seinen Klamotten.«
»Raus mit dem Zeug«, verlangt die Chinesin. Sie deutet mit dem Finger zur Tür.
Das Grinsen des Berliners wird breiter, als er die Freundin wie eingefroren dastehen sieht. Umso lebhafter funkeln ihre Augen.
»Aber Engelchen, sei doch nicht so streng. Was soll er denn anziehen?«
»Mir egal. Etwas von dir oder von Sam. Das Zeug muss raus«, näselt sie in einem Befehlston, als sei es ihre Wohnung.
»Schon gut«, beschwichtigt Sam, »Ich bringe das Zeug runter.«
Mit spitzen Fingern greift er die Tüte und verschwindet nach draußen. Aya entspannt sich und öffnet entschlossen das Fenster. Sie nimmt einen tiefen Atemzug.
Urs‘ Gesichtsausdruck wird ernst.
»Das war eine harte Nuss. Ich hätte nicht gedacht, dass es so knapp wird. Trotz Sams Augmented-Reality-Ausrüstung wäre der Hacker fast entkommen.«
Aya nickt. »Stimmt. Unglaublich, wie schnell der reagiert hat. Diese Typen müssen über außergewöhnliche Programme und Systemressourcen verfügen.«
»Jetzt nicht mehr.«
Mit einer Geste überträgt der Berliner die Bilder von der Durchsuchung des Hackerhauptquartiers und Festnahme der Erpresser.
»Wow, wo hast du die denn her?«, wundert sich Aya.
»Ein Freund von mir arbeitet bei der Polizei. Eigentlich ist die Weitergabe verboten. Nur weil durch unsere Aktion lange gesuchte Verbrecher geschnappt werden konnten, hat er für mich eine Ausnahme gem....«
Читать дальше