»Puh«, strömt die Luft aus Paul. »Erinnere mich bloß nicht daran. Von der ganzen digitalisierten Reality habe ich die Schnauze voll. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder ein ViDA aufsetzen kann, ohne gleich einen Nervenzusammenbruch zu kriegen.
Außerdem – pass‘ bloß auf. Die Cyberpanthers haben das Potential deiner Erfindung erkannt. Sie wollten mich zwingen mit dir zusammenzuarbeiten, um sie dann zu klauen und für ihre Zwecke zu verwenden.«
»Das dachte ich mir schon, als du anriefst«, sinniert Sam. Das war auch einer der Gründe, warum ich die Bande unbedingt aus dem Verkehr ziehen wollte.«
Paul wirft ihm einen langen Blick zu.
»Ich sehe, du meinst es ernst mit deiner Idee. Und wenn sich jemand in dein Gehirn hackt und dich fernsteuert? Vermutlich würdest du das gar nicht merken.«
»Nicht mit meinem System. Das ist absolut sicher.«
»Das glaube ich nicht«, schüttelt der Neurologe den Kopf.
»Doch. Meine Interface Bio-Nanobots sind so konstruiert, dass sie nur mit dem Original Holoport ...«
»Nicht jetzt«, unterbricht ihn Paul. »Für solche Details bin ich zurzeit nicht aufnahmefähig.«
Sam lässt sich nicht so leicht entmutigen. Hartnäckig versucht er weiter, Paul umzustimmen, und bringt sein stärkstes Argument ins Spiel.
»Mit meiner Schnittstelle kann dir niemand mehr die Identität stehlen.«
»Hmmm«, brummt Paul. Mehrere Stücke Käse, Oliven und einer weiteren Flasche Bier später spricht er weiter. »Ohne einen genialen Biologen geht das nicht. Weißt du was? Komm wieder, wenn du ihn gefunden hast. Bis dahin kann ich es mir ja noch überlegen. Ich brauche jetzt erst einmal Ruhe.«
Aya beobachtet ihn mit großen Augen. Sie registriert bis ins kleinste Detail, was Paul zu sich nimmt.
»Und Schlaf«, ergänzt er, kippt noch eine Flasche hinunter und wankt zur Couch. Die Augen der Chinesin werden noch größer. »Was dagegen, wenn ich mich hier ein bisschen aufs Ohr lege?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, lässt er sich fallen und dreht sich zur Seite. Sekunden später ist er eingeschlafen.
1 Wechselbad der Gefühle
»Das also ist dein Reich.«
Vilca dreht sich einmal um die Achse in Sams Studentenappartement. Wände und Decke sind grün gestrichen, die Einrichtung spartanisch. Man sieht ihr an, dass sie mehr Stil erwartete.
Mit einer fließenden Bewegung windet sich die Sängerin aus ihrer Lederjacke.
»Nur zur Hälfte. Ich teile mir das Apartment mit Urs«, erläutert Sam, während er das Kleidungsstück entgegennimmt. Erst jetzt fällt ihm auf, dass Vilca nicht in sein Holovers eingeloggt ist.
»Das hier ist eigentlich eine Greenbox. Wenig beeindruckend. Schau dir lieber meine virtuelle Wohnwelt an. Ich bin sicher, sie wird dir gefallen. Ich habe dir den Zugang freigeschaltet.«
Die Sängerin hebt eine Augenbraue.
»Vielen Dank, aber ich sehe die Welt lieber erst mal so, wie sie ist.«
Sam geht ganz nah zu seiner Tanzpartnerin und schaut ihr ins Gesicht. Erst jetzt bemerkt er ihr ViDA. Es ist eine brandneue High-Tech-Designer-Apparaturen. Jede individuell gefertigt und mit einer Schicht Metamaterial überzogen, die das Licht herumleiten. Kostet ein kleines Vermögen und ist fast nicht zu sehen.
»Dein ViDa ist nicht aktiv«, stellt er fest.
Vilca ist frustriert. Sie fragt sich, was für ein Mann dieser Sam ist. Es erregt sie, ihn so nah bei sich zu spüren. Die Wärme, die er ausstrahlt, sein Atem, sein Geruch. Alles. Dazu der tiefe Blick in ihre Augen.
Und dann diagnostiziert er knallhart und sachlich, dass ihr ViDA nicht eingeschaltet ist. Sonst nichts? Wenn sie nicht genau wüsste, dass er aus Fleisch und Blut besteht, würde sie ihn zu einer neuen Generation Androiden zählen. Sie fragt sich, wie er es hinkriegt, ihr gegenüber so gefühllos zu sein. Vilca unterdrückt den Impuls, laut zu seufzen. So kann das nicht mehr weitergehen. Wird es auch nicht. Schließlich ist sie hier, um das zu ändern.
Durch Tippen an das Brillengestell aktiviert ihre Augmented Reality. Sanft wird sie in seine Welt hineingeführt. Ihre Augen weiten sich.
»Oh«, staunt sie. Die Sängerin lässt sich von der Szenerie in ihren Bann ziehen. Die Wiese an der Flussbiegung, auf der sich Sams Lebenswelt ausbreitet, altehrwürdige Bäume im Hintergrund, das Tipi. Sie fühlt sich sofort heimelig. Alles wirkt so vertraut, so friedlich.
»Ich will dir etwas zeigen. Bitte setz dich und schließ die Augen.«
»Lass mich doch erst mal umschauen«, protestiert sie und dreht sich mit ausgebreiteten Armen um ihre Achse. »Das ist wunderschön.«
»Vertrau mir. Es geht schnell. Du darfst sie gleich wieder aufmachen.«
Am liebsten würde Vilca sofort losgehen und seine Welt zu Fuß erkunden. Trotzdem folgt sie seinem Wunsch. Sie ahnt, was er vorhat und ist gespannt, was passieren wird. Seine Hände an ihrer Schläfe lassen sie erschauern. Er nimmt ihr das ViDA ab und setzt ihr etwas Anderes auf. Dem Gefühl nach ist es schwer und groß. Das krasse Gegenteil zu ihrem Modell. Sie greift nach seinen Händen. Er entzieht sich ihrem Griff und hantiert an dem Gestell herum.
»Mein Brain-Field-Modulator ist zwar nicht so elegant wie dein ViDA, aber er verfügt über andere Qualitäten. Du weißt schon welche. Wenn ich ihn gleich aktiviere, wird dir möglicherweise kurz schwindelig werden. Keine Angst, es dauert nicht lange. Am besten du lässt erst einmal die Augen geschlossen. Bist du bereit?«
Sie nickt nur. Kurz darauf greift etwas nach ihrem Geist. Ein Brummen und Hämmern breitet sich in ihrem Kopf aus. Ihr Körper fühlt sich an, als würde er in die Länge und Breite gezogen und durchgeknetet. Dazu ein Kribbeln am ganzen Leib. Vilca schwankt. Zum Glück sitzt sie bereits, sonst wäre sie umgefallen. Dann verliert sie jedes Gefühl für ihren Körper.
Keuchend schnappt sie nach Luft. Sie reißt die Augen auf. Bunte Farbpunkte blitzen auf wie im Drogenrausch. Die Testkandidatin kippt nach hinten. Geistesgegenwärtig fängt Sam sie auf.
»Vilca«, ruft er besorgt, »was ist mit dir?«
Sanft legt er sie auf den Boden. Sie antwortet nicht. Die Sängerin atmet flach und unregelmäßig.
»Enola!«
»Bin schon dabei. Die transkraneale Stimulation ist viel stark für sie. Ich regle das.«
Die Maßnahmen seiner digitalen Assistentin wirken unmittelbar. Mit Erleichterung beobachtet Sam, wie sich der Zustand seines Gastes mit jedem Atemzug beruhigt. Ein blauer Schmetterling flattert herbei und setzt sich auf ihre Schulter, als wollte er sie trösten.
Der Lärm in Vilcas Kopf ebbt ab und die Farbflecken ordnen sich zu einem Gesicht. Das Gefühl für ihren Körper kehrt zurück. Sie greift nach Sams Arm und hält sich daran fest.
»Was war das? Was hast du mit mir gemacht, Sam? Was habe ich getan, dass du mich dermaßen quälst?«
Ihr Blick ist mehr als Vorwurf und Frage. Er berührt etwas, das tief in Sams Herz vergraben ist. Auf einmal sieht er Vilca als Frau. Sie ist nicht mehr die perfekt gestylte Sängerin, die jede Situation fehlerlos meistert.
Er sieht sie als Mensch, verwundbar und mit Schwächen. In diesem Moment fühlt er sich ihr so nah wie noch nie jemanden in seinem Leben. Selbst mit Sophie gab es nie eine solche Vertrautheit. Doch der Gedanke an seine Jugendfreundin verdüstert sein Herz. Es ist, als raubte ein Schatten die Sonne. Wind peitscht über die trostlose Wintersteppe. Sam reißt sich zusammen, damit ihm die Situation nicht entgleitet. Er tut, was er immer in solchen Situationen tut. Sam konzentriert sich auf die Fakten.
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