Langsam verwandelt sich seine menschliche Gestalt in einen Serviceroboter. Er geht drei Schritte nach rechts, dreht sich wieder der Wand zu um und marschiert direkt in sie hinein.
Nachdem Luca sich den Zugang zum Cyberspace der Angestellten beschafft hatte, war es ihm gelungen herauszufinden, wie der Serviceroboter auszusehen hat. Trotzdem bedurfte es zahlreicher Versuche und Abwandlungen, bis er die genaue Konfiguration hinbekam. Heute gleitet er zum ersten Mal unbeanstandet durch die Wand, der Höhepunkt seiner besessenen Arbeit. Ein Hochgefühl breitet sich in ihm aus.
Luca muss blinzeln. Er ist überrascht von dem hellen Licht und der geschäftigen Betriebsamkeit im Holovers der Versicherung. Avatare laufen emsig umher, Datenpakete sausen durch die Luft und alle möglichen Dienste und Programme bieten sich an oder führen Aufträge aus.
Er weiß, was er will, hat aber nur eine ungefähre Vorstellung, wie er es erreichen kann. Schließlich war er noch nie hier. Dank seiner Recherchen verfügt er über genug Informationen, um sich zurechtzufinden. In seiner Umgebung sind dutzende Serviceroboter, die aussehen wie er. Deshalb beschließt er, vorerst diese Gestalt beizubehalten.
Luca macht sich auf zum Rechenzentrum. Dort angekommen wird er von zwei Sicherheitsdroiden aufgehalten. Die beiden sehen nicht nur einschüchternd aus, sondern sind eine ernstzunehmende Gefahr. Eine ihrer Aufgaben ist es, beim geringsten Zweifel möglichst viel Code von dem beanstandeten Programm sicherzustellen. Je mehr sie davon bekommen, umso einfacher ist es für die Versicherung, die Identität des Eindringlings festzustellen.
Luca zeigt seinen vorbereiteten Auftrag. Während der eine ihn sorgfältig überprüft, lässt ihn der Andere nicht aus den Augen. Unterdessen wagt Luca nicht die kleinste Bewegung. Schließlich geben sie ihr Okay und lassen ihn passieren.
Sein selbsterteilter Auftrag besteht darin, das Backup zu inspizieren. Das verschafft ihm einen Überblick über die Dateistruktur und Zeit, um mehr Informationen zu sammeln. Endlich findet er die gesuchte Datei. Er öffnet sie, nimmt eine kleine Änderung vor und speicherte sie wieder ab. Jetzt muss er nur noch das Original beschädigen, damit die Datei mit Hilfe des Backups vom automatischen Reparaturprogramm wiederhergestellt wird. Das ist ein unauffälliger Routinevorgang. Das Problem ist, an die Originaldatei heranzukommen. Dazu braucht er einen anderen Auftrag. Es würde dauern den zu generieren. Das stört ihn nicht. Luca hat auf diesem Trip genug Informationen gesammelt. Er kann jederzeit wiederkommen.
***
Lucas Vater kratzt sich am Kopf. Er sitzt am Küchentisch und beugt sich tief über das e-Papierdokument. Er weiß nicht, was er davon halten soll. Entweder ein schlechter Scherz oder ein Wunder. Um an Letzteres zu glauben, hat er schon zu viel erlebt.
Giovanni stemmt sich vom Stuhl hoch. In der Hand das Schriftstück, den Blick starr darauf gerichtet, wäre er beinahe in seinen Sohn hineingelaufen. Erst im letzten Moment zuckt er zurück. Luca steht vor ihm, lässig an den Türrahmen gelehnt. Seine Lippen deuten ein Lächeln an.
»Wie lange stehst du schon hier?«
»Wollte mir gerade ein Bier holen. Du warst so in das Dokument vertieft, dass ich dich nicht stören wollte.«
Giovanni betrachtet seinen Sohn. Er schaut ihm tief in die Augen. Wortlos übergibt er ihm das Schriftstück.
Luca runzelt die Stirn. Den Blick auf seinen Vater gerichtet.
»Was ist das?«, erkundigt er sich.
»Von der Versicherung«, murmelt Giovanni. »Lies es.«
Luca senkt den Blick auf das e-Papier. Er weiß, was drin steht. Trotzdem tut er überrascht.
»Mama«, ruft er mit einer Stimme, dass das ganze Haus erzittert. »Komm schnell. Die Versicherung hat uns geschrieben, dass sie alle sportlichen Einschränkungen für mich zurücknehmen. Und nicht nur das. Sie entschuldigen sich für das Versehen und zahlen die zu viel gezahlten Beiträge mit Zinsen zurück.«
Chiara kommt aus dem Wohnzimmer angeschossen. Mit offenen Augen starrt sie auf das Dokument, das ihr Luca hinhält. Dann stößt sie einen Freudenschrei aus und hüpft vor Aufregung auf und ab. Ihre Locken lassen sich davon anstecken und springen mit ihr um die Wette.
»Ich glaube nicht an Wunder. Nicht an solche«, murmelt Giovanni und schüttelt den Kopf.
»Ich schon«, widerspricht sein Sohn. Endlich haben sie ihren Fehler eingesehen. Endlich!«
1 Sturm im Cyberspace
»Hey, nicht so schnell«, beschwert sich Urs, der sich wie Aya müht, Sam zu folgen.
Sam lacht, dreht sich im Laufen um und ruft den beiden zu: »Das ist alles nur virtuell, befreit euren Geist, dann seid ihr genauso schnell wie ich.«
Er rennt so zielstrebig auf die Burgmauer zu, dass Urs befürchtet, Sam wird in sie hineinrennen und sich eine blutige Nase holen. Doch es kommt anders. Fasziniert beobachtet er, wie sein Zimmergenosse kurz vor dem erwarteten Aufprall springt und dann die Wand entlang nach oben weiterläuft. Einfach so, als ob die Gesetze der Physik für ihn nicht gälten.
Schließlich erreicht er selbst die Mauer, springt und landet hart auf seinem Hintern.
»Verdammter Mist. Das tut richtig weh!«, beschwert er sich. Das Gesicht schmerzverzerrt.
Aya versucht es gar nicht, sondern bleibt neben ihrem Freund stehen. Sie reicht ihm die Hand. Urs greift danach und zieht, die zierliche Aya fällt auf seinem Bauch. Stirnrunzelnd nimmt sie die Tatsache zur Kenntnis. Sie greift in seine dunkelbraunen Haare und ballt die Hände zu Fäusten.
»Au«, protestiert der Berliner, »das tut weh.«
»Im Ernst?«, lacht die Chinesin. »Stell dich nicht so an.«
Sam ist inzwischen auf dem höchsten Turm angelangt. Unter sich hört er Urs fluchen. Nicht die geringste Anstrengung ist ihm anzusehen. Er ist bestens gelaunt.
»Wird Zeit, dass du dich an die Möglichkeiten der virtuellen Realität gewöhnst. Solange du die gewohnten Regeln aus der realen Welt mitbringst, wirst du immer wieder auf die Nase fallen.«
Aya dreht sich auf den Rücken und schaut zu Sam hoch. Noch immer liegt sie auf ihrem Freund. Sie spürt dessen Muskeln durch seine Lederkluft und ihren Kampfanzug hindurch, während sie Sams Avatar betrachtet. In dieser Welt nennt er sich Cyclone.
Durchtrainiert und mit nacktem Oberkörper thront er auf der Spitze des Turms. Seine Haare hält ein Lederband im Zaum, seine Beine stecken in einer Lederhose mit Fransen. Als Schuhwerk benutzt er weiche Stiefel.
Als er die Arme ausbreitet, strömt etwas Magisches in die Welt. Man spürt seine Macht, dunkle Wolken ziehen auf und verdichten sich zu einem Wirbelsturm. Die Windhose berührt den Boden, der Trichter kommt auf sie zu. Der Wind zerrt an ihren Haaren. Die Luftmassen verhaken sich in Urs' Lederkluft.
Vorsichtshalber legt sie die Arme ihres Freundes um sich, damit er sie festhält. Wie real sich der Sturm anfühlt! Sie spürt den Regen auf der Haut. Es wird kalt.
So gelungen die Simulation ist, Aya findet, dass es jetzt reicht. Sam hat seinem Hackerpseudonym ausreichend Ehre gemacht. Sie schreit, so laut sie kann, aber bei dem Getöse ist sie sich nicht sicher, ob er sie hört.
»Hör jetzt auf, Cyclone. Wir glauben es Dir ja.«
Zur Antwort schickt der Gott Äolos einen Blitz nach unten, der in einen Baum neben Aya fährt. Es kracht und donnert. Sie schreit vor Schreck. Auch Urs zuckt zusammen.
»Hey, brich mir nicht die Rippen«, ermahnt sie ihn.
Es riecht nach Ozon, Rauch und verbranntem Holz.
»Jetzt habe ich aber genug«, schreit sie.
In ihrer Wut vergisst sie, darüber nachzudenken, was geht oder nicht. Wie aus ihren Rollenspielen in WoC gewohnt, formt sie mit den Händen eine Feuerkugel, die sie Cyclone entgegenschleudert.
Der ist davon so überrascht, dass er nicht versucht, sie abzuwehren. Die Feuerkugel trifft ihn mitten in der Brust. Vor Schreck taumelt er über die Brüstung und stürzt schreiend vom Turm. Doch er fängt er sich und landet elegant am Boden.
Читать дальше