1 ...7 8 9 11 12 13 ...19 Daraufhin versank der Soldat in störrisches Schweigen, starrte den Totenläufer an, nur um sich letztendlich doch abzuwenden und mit Hilfe einer Vorrichtung die Metalltür zu öffnen.
Das Innere des Betonbaus war beleuchtet und glich einer Lagerhalle. Eine Zwischenstation bei der Überstellung von Leichen also. Der Totenläufer verschwand darin und der Soldat folgte ihm.
Toms Finger berührte den Funkknopf in seinem Ohr.
»Schleuser T. Brauche Abhörsignal für den Innenraum.«
»Verstanden«, bekam er als Antwort.
Erst hörte er nur ein statisches Rauschen, dann kristallisierten sich Schritte heraus, die langsam näher kamen. Undeutlich waren auch Stimmen zu vernehmen. Der Totenläufer gab eine Anweisung und Tom konnte nur vermuten, dass er den Soldaten wieder nach draußen schickte, denn dieser tauchte wenig später vor dem Betonbau auf, wo er sich mit dem anderen Soldaten zu unterhalten begann.
»Was suchst du da?«, murmelte Tom und lauschte angestrengt in die Stille hinein. Viel erwartete er nicht, hoffte dennoch auf so etwas wie ein Wunder. Das Rascheln von Stoff war zu hören, Plastik und ein Reißverschluss. Womöglich die Hülle zum Abtransport der Leichen. Tom schloss die Augen, um sich die Szene vorzustellen. Der Totenläufer schaltete einen PC ein. Er erkannte es an dem leisen Piepen gefolgt von dem gleichmäßigen Rhythmus des Tippens auf einer Tastatur. Eine Abänderung des Abtransports vielleicht? Das Scharren eines Stuhls. Wieder das Plastik und ein seltsam metallenes Geräusch. So als steckte er etwas ineinander. Nur was? Tom stellte sich vor, dass er vor der Leiche hockte, sie betrachtete. Das graue Gesicht, die blauen Lippen, die dunklen Leichenflecken. Dann, in der Stille, Neel Talwars unverkennbare Stimme: »Ich bin gespannt, ob du damit rechnest«, sagte er mit Verachtung in der Stimme. »Widerstand ist Widerstand, egal in welcher Art.«
Widerstand? Hatte er dieses Wort tatsächlich in den Mund genommen? Tom spürte seinen nervösen Herzschlag, das Pochen in der Schläfe, die Zerrissenheit, die er bereits in der Bar empfunden hatte. Plötzlich summte es im Funkgerät. Sofort bestätigte er mit einem Druck auf das Gerät die Annahme der Verbindung.
»Schleuser T, es wurde ein Alarm ausgelöst. Du bist nicht mehr sicher.«
Rasch sah Tom auf. Ihm war nicht aufgefallen, dass sich einer der wachhabenden Soldaten in seine Richtung bewegte, die RMP7 auf Anschlag.
Augenblicklich reagierte er, schaltete alle elektrischen Geräte ab, stand auf und rannte die Treppe hinauf. Hinter sich hörte er einen der SDF-Soldaten einen Befehl brüllen. Keine Zeit zu verlieren. Er zog eine Kapuze über den Kopf, damit ihn die Kameras nicht identifizieren konnten, passierte die verworrenen Straßen des Industrieviertels und hängte den Soldaten irgendwo im Vergnügungsviertel ab.
Schwer atmend sank er zwischen zwei Verkaufsstände. Seinen Kopf lehnte er an die Häuserwand. Was für ein Tag. Nein, was für eine verfluchte Zeit. Nicht mehr lange und er konnte zumindest in gewissen Maßen zur Normalität zurückkehren. Doch bevor es soweit war, würde er persönlich dafür sorgen, dass der Totenläufer zur REKA kam, um für sie der Trumpf zu sein, den sie brauchten.
»Verwaltungsuntreu«, dieses Wort tauchte vor seinem inneren Auge auf. Konnte es möglich sein, dass der Totenläufer genau das war? Er würde es prüfen müssen, um alle Zweifel auszuräumen, aber die Leiche ohne das Wissen seiner Vorgesetzten an einen anderen Ort zu bringen, das gehörte nicht zum Standard der SDF. Und mit einem ungehorsamen Soldaten ließ sich etwas anfangen. Tom musste schmunzeln. Das hochgehaltene Symbol der Sicherheit, und in Wirklichkeit war er nicht mehr als eine schlechte Zaubershow.
»Neel Talwar«, flüsterte Tom. »Du hast verloren.«
X
Im Kaninchenbau der Rebellen fühlte sich Rina genauso fremd wie draußen auf der Straße. Sie war die Frau, die einen Angriff der SDF überlebt hatte und genauso behandelte man sie auch. Wie einen besonders interessanten Sonderling. Obwohl unter den Rebellen einige Lorca waren, galt ihr die ganze Aufmerksamkeit. Kaum ging sie unter Leute, wurde sie ausgefragt. Wie konntest du fliehen? Hast du dich gewehrt? Warum hast du so lange überlebt? Fragen, die auch in ihrem Kopf rotierten, doch sie kannte keine Antwort darauf und reagierte ausweichend oder gar nicht. Sie wollte nicht dazu gehören, denn die Gefahr war zu groß, dass sie all den Menschen erneut Lebewohl sagen musste. Deshalb blieb sie die meiste Zeit in dem Acht-Bett-Zimmer, das man ihr zugewiesen hatte. Dort war sie meist allein, denn tagsüber kamen die Mitglieder der REKA alltäglichen Aufgaben nach, versammelten sich in ihren Teams und besprachen die Ereignisse in Red-Mon-Stadt.
Abends kehrten sie dann gemeinsam in die Zimmer zurück. Doch immer wenn Rina die Schritte ihrer Mitbewohner vernahm, drehte sie ihr Gesicht zur Wand, schloss die Augen und tat, als schlafe sie.
Stunde um Stunde brachte sie hinter sich, abwechselnd heimgesucht von den Schreien ihrer Freunde und dem Geräusch einer abgefeuerten Kugel, die einen Körper traf. Manches Mal war es so laut, dass sie glaubte, taub zu werden.
Wagte sie sich doch aus dem Zimmer, meist, um etwas zu essen, war sie wie ein Gespenst. Als geisterhafter Umriss wandelte sie durch die Gänge des Rebellenunterschlupfs, bewegte sich, blieb am Leben, existierte – irgendwie.
In Wirklichkeit war sie jedoch an einem Ort, den sie nie wieder hatte betreten wollen. Sie kannte ihn aus der Zeit in den Hafenschächten. Damals, als die SDF ihre erste Gruppe ausgelöscht hatte, und von noch viel früher. Schon auf dem Festland, als sie noch ein Kind gewesen war, hatte sie sich dort eingesperrt. Es war ein Raum, in dem Sekunden wie Stunden waren und Stunden wie Tage. Dort lagerten die Gesichter der Toten, die sie verpackte und versuchte, an einer grauen Wand in eine Ordnung zu bringen. Manchmal gelang ihr das, doch meist fiel immer dann, wenn sie ein Gesicht ablegte, ein anderes erneut vom Himmel herunter und landete auf dem teerigen Untergrund. Diese Gesichter sahen sie an, formten mit den Lippen Hilferufe oder Vorwürfe. »Wieso du und nicht wir?« »Wieso wir und nicht du?« Sie arbeitete dort, schuftete, bekam keine Pause, blieb im klebrigen Boden hängen, stürzte, rappelte sich immer wieder auf, in der Hoffnung, alles zu Ende bringen zu können, bis sie so müde war, dass jeder Muskel schmerzte. Dann wollte sie nur noch weg. Zurück in die Welt, die sie zurückgelassen hatte. Doch das war nicht leicht.
Dieses Mal musste sie es aus eigener Kraft schaffen und es gelang ihr nur, weil sie sich auf eine Sache vollständig konzentrierte: den Soldaten. Der Mann war ein Schleuser, jemand, der für die Rebellen arbeitete, Lorca schützen wollte, aber Unschuldige für ›die Sache‹ tötete. Nur ergab es denn Sinn, sich gegen die zu wenden, die nichts getan haben? Nein, das war unverzeihlich, scheinheilig und falsch. Er hätte ihnen helfen sollen. Ihnen allen. Seine Entscheidung hätte alles geändert. Nur einmal in die andere Richtung blicken, die Maschinenpistole auf die echten Feinde richten und ihnen das Licht ausknipsen. Wie konnte er nur so herzlos sein?
Rinas Haut begann heftig zu jucken und ihre Zunge prickelte. Damit würde sie ihn nicht davonkommen lassen. Er konnte sich vielleicht einreden, dass er ihr geholfen und damit seine Taten rein gewaschen hatte, doch so einfach war es nicht. Sie würde einen seiner schwärzesten Gedanken aufgreifen und ihn wachsen lassen, bis er ihn in Verzweiflung stürzte. Sein Geist war vielleicht stur gewesen an jenem Abend, aber sie hatte schon Menschen beeinflusst, die glaubten, jedem überlegen zu sein. Sogar einer von der Stadtverwaltung war dabei gewesen. Der Soldat stellte kein Problem dar. Sie würde ihn zur Rechenschaft ziehen für das, was er getan hatte.
Ihr kam die Frau mit den roten Haaren in den Sinn. Der Rotfuchs. Sie hatte ihr Unterstützung angeboten und ihr versprochen, da zu sein, sollte sie Fragen haben. Vielleicht war das nur eine Floskel gewesen, doch das spielte keine Rolle. Diese Frau hatte Kontakt zu dem Soldaten. Durch sie konnte sie ihn finden.
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