»Das war keine Frage, sondern eine Aussage, Jay. Entweder sie bezieht an meiner Seite Position oder gar nicht. In diesem Fall wäre Tom meiner Meinung.«
»Tom ist gegen jeden Einsatz von Lorca«, sagte der Greif sofort. Ein wenig zu schnell und mit einem Hauch von Abwertung. »Allerdings ist er gerade anderweitig beschäftigt, womit seine Meinung hinfällig ist.«
»Ich beziehe nur Stellung für den wichtigsten Entscheidungsträger unserer Organisation«, sagte der Rotfuchs.
»Dein Einsatz in allen Ehren, Caren, aber Sweetie ist bei mir eindeutig besser aufgehoben.«
»Das wage ich zu bezweifeln. Es ist eindeutig, dass …«
»Bevor wir jetzt den nächsten Streit vom Zaun brechen«, sagte eine Frau, die zuvor hitzig mit einem anderen diskutiert hatte, »wäre es nicht die beste Variante, Rina selbst entscheiden zu lassen?«
Augenblicklich richtete sich die Aufmerksamkeit auf sie. Sechs Augenpaare, die eine Antwort erwarteten und es fiel ihr nicht schwer, eine Entscheidung zu treffen: »Ich werde das Team am Haupteingang begleiten.«
Alle schienen erleichtert zu sein. Über das Gesicht des Rotfuchses huschte ein bestätigendes Lächeln. Nur der Greif warf ihr einen argwöhnischen Blick zu.
»Was denn, Sweetie«, sagte er, »plötzlich nicht mehr sicher, dass du den Totenläufer lähmen kannst?«
Er hatte ja keine Ahnung, wozu sie wirklich in der Lage war. Aber gut, sollte er an seiner Arroganz ersticken.
»Von der Position aus habe ich einen besseren Überblick«, sagte sie dann und das war nicht einmal gelogen. Soweit sie es richtig verstanden hatte, befand sich das Team des Greifs in einer Seitengasse und beobachtete den Hintereingang, während der Rotfuchs auf dem Dach eines Lagerhauses den Haupteingang im Blick hatte. Von dort konnte man jede Bewegung im Haus sehen, war jedoch weit genug von den Soldaten entfernt.
»Du musst keinen Überblick haben. Im Haus sind Kameras angebracht. Wir kontrollieren die Lage und kümmern uns um den Ablauf. Deine Aufgabe ist es, im Notfall …«
»Ich werde trotzdem am Haupteingang sein. Ich muss nicht vor ihm stehen, um meinen Lorcaism anzuwenden.«
Sie erwartete eine abfällige Bemerkung, durch die er sie darauf hinwies, wer hier die Entscheidungen traf, doch tatsächlich sagte er nichts, betrachtete sie nur nachdenklich und wandte sich dann an die Gruppe: »Jemand Einwände, dass Sweetie in Carens Team ist?« Keiner erhob Einspruch. »Gut, dann ist das ja geklärt. Kommen wir zum nächsten Punkt. Vorhin hatten wir bereits davon gesprochen. Wir brauchen ein Informationsnetz mit Bildübertragung und Nachrichtenfunktion. Immerhin geht es in erster Linie darum, herauszufinden, wer von den sechs SDF Spinnern aus Einheit 203 der eigentliche Totenläufer ist. Funkgeräte scheiden aus, die könnten abgehört werden. Kriegen wir in die Armbänder einen Messenger rein?«
Der Greif sah einen jungen Mann an, der bisher kaum etwas gesagt hatte. Er antwortete uneindeutig, sagte, es könne noch dauern, erklärte einige technische Komponenten, war jedoch zuversichtlich, dass die IT eine Lösung fand.
Rina war jedoch mit einem Fakt beschäftigt, der ihr zum ersten Mal bewusst auffiel. Sechs SDF-Soldaten hatte der Greif gesagt. War der Totenläufer nicht eine einzelne Person? In jedem Werbespot und Propagandavideo wurde das bestätigt. Der Totenläufer war ein einsamer Wolf, der bei Nacht durch die Straßen streifte. Er agierte unabhängig von der Verwaltung, kannte keine Regeln, nur den Ruf der Sicherheit. Für seine Taten war er allein verantwortlich. Daran hatte sie fest geglaubt. So fest, dass sie manches Mal von Alpträumen heimgesucht worden war, in denen sie ein Wolf aus dem Bett riss und zerfetze. Dabei war er laut Rebellen nur ein SDF-Soldat mit Kommandogewalt. Ein Leutnant. Jemand, der Befehle erteilte und diese ausführte. Eine Marionette der Stadt. Sie fragte sich plötzlich, ob sie ihn beeinflussen konnte. Vielleicht konnte sie ihn dazu bringen, dass er etwas Ungeschicktes tat und starb.
Die junge Frau, die Rina nach ihrer Meinung gefragt hatte, übernahm die grobe Zusammenfassung des Einsatzes. »Wir gehen also grundsätzlich davon aus, dass die SDF-Soldaten sich aufteilen. Vermutlich in Zweierteams. Ein Team bleibt unten im Rohbau, eines wird rechts den Flur entlanglaufen und ein weiteres links, so haben sie alle Seiten abgedeckt und ihnen kann der vermeintliche Lorca nicht entgehen. Toms Leute verbergen sich in der zweiten Etage. Sobald wir wissen, in welchem Zweierteam der Totenläufer ist, werden wir eine Lachgasbombe auslösen, um die Soldaten kampfunfähig zu machen. Wenn die zwei Teams ohne den Totenläufer ohnmächtig sind, wird Tom dafür sorgen, dass der Totenläufer sich zur Seitengasse begibt, wo ihn Jay stellt. Caren übernimmt die Sicherung des Vordereingangs. Ist das für alle verständlich?«
»Wir könnten sie auch alle gleich umbringen«, warf ein Mann ein, der sich nur sporadisch am Gespräch beteiligte. »Sie umzingeln, den Totenläufer herauspicken und sie alle erledigen. Damit würden wir Zeit sparen und hätten ein wesentlich geringeres Risiko.«
Der Rotfuchs antwortete prompt: »Diesen Fall haben wir doch bereits durchgespielt. Wenn einer von ihnen zu früh erkennt, dass wir ihnen eine Falle stellen, könnte sich ein langwieriger Schusswechsel entwickeln, den wir nicht kontrollieren können. Damit haben wir nichts gewonnen. Wir kommen nicht weg und das SDF Sicherungskommando rückt in kürzester Zeit an. Außerdem waren wir uns einig, dass wir uns nicht auf das Niveau der Verwaltung begeben und sinnlose Hinrichtungen befürworten. Wenn wir können, vermeiden wir den Tod dieser Männer. Ganz gleich, was sie getan haben.«
»Als ob es einen Unterschied macht, wenn sie bei eurem Plan zu früh erkennen, dass es eine Falle ist.«
»Das Thema ist vom Tisch, Hugh«, sagte der Greif, lockerte seine Haltung, beugte sich vor und stütze sich auf dem Tisch ab. »Es wurde abgestimmt, wir haben entschieden, Ende. Wir rollen nicht jeden Punkt erneut auf. Gib dich geschlagen.«
»Ich nutze nur mein Recht der freien Beteiligung«, sagte er. »Bedenken werde ich ja wohl noch äußern können.«
»Dazu hattest du schon vor zwei Tagen Gelegenheit.«
»Gelegenheit? Das ist nicht lache, ihr wolltet mir nicht mal zuhören.«
»Hak – es – ab!«, beendete der Greif die Diskussion und Rina wurde den Eindruck nicht los, dass zwischen ihm und dem anderen eine unterschwellige Spannung vorherrschte. Ein Konflikt, der ungeklärt war und bis heute schwelte. Dennoch war die Diskussion beendet und die Rebellen gingen zum nächsten Punkt über. Es ging um Waffenbeschaffung, die Ausrüstung und mögliche Risiken. Alles in allem begriff Rina, dass sie sich einzig und allein auf den Schleuser verließen. Er sollte den Totenläufer identifizieren, ihn aus dem Gebäude locken und somit die Gefangennahme ermöglichen. Das kam ihr gewagt vor. War es nicht besser, sich auf sich selbst und seine Fertigkeiten zu verlassen als auf andere? Ja, ganz sicher. Und es passte ihr gar nicht, dass der Schleuser, der Soldat, Gefahr lief zu sterben. Denn das war es doch, was dieser Plan bedeutete. Er wäre mit zwei REKA-Mitgliedern allein in einer Bauruine und versuchte, sechs SDF Männer zu überlisten. Wenn nur eine Kleinigkeit schiefging, würde ihn der Totenläufer hinrichten. Das jedoch konnte sie nicht zulassen. Er musste leben.
Kapitel 3
Der Plan war in Toms Augen nicht mehr als ein instabiles Gerüst, das durch eine heftige Windböe jederzeit zu Fall gebracht werden konnte. Am liebsten hätte er alles abgeblasen, doch dafür war es zu spät. Der Lorcaalarm war ausgelöst und der Totenläufer auf dem Weg zum Rohbau des Hochhauses. Ihm blieb nichts anderes übrig, als alles daran zu setzen, dass sie trotz wackliger Basis nicht stürzten. In seinem Kopf ging er deshalb Szenarien durch, die vom eigentlichen Vorhaben abwichen. Möglich war, dass er den Totenläufer nicht erkannte, die Stadtverwaltung noch eine weitere Einheit als Nachhut schickte oder die Einheit 203 nicht etwa vom Stadtzentrum her anrückte, sondern vom Meer. Variablen, auf die er kaum Einfluss hatte.
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