Deshalb lief er zum Notausgang. Schnell und gradlinig. Kaum bog er rechts ab, schlugen Kugeln direkt hinter ihm ein. Meine Güte, wenn er nicht aufpasste, endete er als Zahl auf der Liste des Totenläufers.
Hastig lief er die Treppe hinunter. Das Adrenalin in seinen Adern pochte. Hinter ihm waren die Schritte Neel Talwars zu hören. Er gegen den Held der Stadt.
Gerade als er den Notausgang verließ, sich entschied, in Carens Richtung zu laufen und den Weg durch das Labyrinth aus Fluren und unfertigen Wohnungen zu suchen, kamen ihm die zwei Soldaten entgegen, die für die Deckung zuständig waren. Der Totenläufer musste sie kontaktiert haben. Sie sahen ihn und reagierten blitzschnell, doch Tom war schneller. Er schlug einen Haken und wechselte in einen Raum links von sich. Schüsse echoten durch den Rohbau. Keine Kugel traf ihn, aber es war knapp.
Fluchen von einem der Soldaten. Sie hatten ihm den Weg abgeschnitten. Sollte er Schutz suchen und in der Defensive bleiben, bis Jay mit seinem Team im Rohbau ankam, oder auf den Hinterhof flüchten, wo er eine laufende Zielscheibe war? Ihm blieben nicht viele Optionen. Er musste es schaffen, niemals endete er als Leiche vor den Füßen eines Mannes, dessen Seele rabenschwarz war.
X
Es war eine absolute Kurzschlussreaktion. Rina hörte die Worte des Rotfuchses und etwas in ihr änderte sich schlagartig. Tom im Notausgang. Ihm auf den Fersen: der vermeintliche Totenläufer. Zwei Soldaten auf dem Weg zu ihm. Nicht sicher, ob er es schaffte. Sie mussten ihm helfen, hatten jedoch nur eingeschränkte Möglichkeiten, denn niemand wusste, in welchem Teil des Gebäudes sich die anderen beiden Soldaten befanden. Ob sie aus dem Obergeschoss kamen oder jene waren, die unten die Lage kontrolliert hatten. Als dann unweit von ihnen entfernt ein Soldaten-Duo in Position ging und sie in Schach hielt, wurde ihr eines klar: Er würde sterben und sie mit all den Vorwürfen zurücklassen, die durch ihren Kopf geisterten. Die Zeit in der kleinen Wohnung, die Nähe, die sie Viktor gegenüber empfunden hatte, all die Momente in ständiger Sorge, entdeckt zu werden und das zerbrechliche Gefühl, irgendwo dazuzugehören – mit dem Tod des Soldaten wäre das vergessen. Genauso wie bei den Malen davor. Sie brauchte ihn, musste ihn zur Rede stellen und seinen Geist zerstören, damit er lernte, wie schmerzhaft es war, jeden Einzelnen sterben zu sehen.
Deshalb tat sie es, entgegen aller Vernunft und im Widerspruch zu ihrem panischen Überlebensinstinkt. Sie trennte sich von der Gruppe, unbemerkt, weil sie es gewohnt war, lautlos durch die Welt zu schleichen.
Leichtfüßig wie eine Katze streunte sie durch die Gänge, bis sie einen Raum erreichte, von dessen Fenster aus sie in den Hinterhof sehen konnte. Der Nebel behinderte die Sicht, aber sie entdeckte einige Gestalten, die zügig näher kamen. Der Soldat musste dort draußen sein und die SDF war ihm bedrohlich dicht auf den Fersen.
Sie duckte sich unter das Fenster und lauschte. Die Zeit verstrich. Jede Sekunde konnte die letzte sein. Angst kreischte in ihrem Körper, ihre Finger waren eisig.
Dann sah sie erneut über die Fensterkante hinweg auf den Hof. Scheu wie ein in die Enge getriebenes Tier. Und tatsächlich erkannte sie eine Person mit der Kleidung eines Rebellen. Ihre Finger krallten sich um den Stoff ihrer Hose. Hinter ihm waren zwei SDF Männer und weiter entfernt ein dritter. Sie hatten sich aufgeteilt, kreisten ihn ein und wollten verhindern, dass er über den Häuserdurchgang zur Seitengasse gelangte.
Sie musste sich auf die Männer konzentrieren. Die Entfernung stellte ein Problem dar, aber es war nicht unmöglich. Zuerst der Soldat vorn. Ihr Geist öffnete sich und zahllose wirre Gedanken prasselten auf sie ein. Ein Stich raste durch ihren Kopf und ließ sie erschauern. Ihre Lippen bewegten sich unruhig. Sortieren, sortieren, sie musste das Chaos sortieren. Dann fand sie einen Gedanken und packte ihn mit aller Kraft. Er war dem Unterbewusstsein des Soldaten entsprungen und so belanglos, dass er vielleicht nicht stark genug war, aber sie versuchte es. Ließ ihn wachsen, damit er eine klare Form annahm und gab ihm dem Mann zurück. Abrupt blieb er stehen, drehte sich in die entgegengesetzte Richtung und sah zum Himmel. Die Waffe glitt aus seinen Händen. Wieso hatte er heute Morgen eigentlich keinen Kaffee getrunken? Kaffee, ja, den sollte er sich jetzt gönnen. Im Schlenderschritt lief er in Richtung Rohbau und vergaß seinen Einsatz.
Nun der Zweite. Als sie sich seinen Gedanken näherte, schlug ihr Schwärze entgegen und sie krümmte sich vor Schmerz. Aus der Übung. Sie war aus der Übung. Doch sie ließ nicht nach, entdeckte, verwarf, spürte, verwarf, bis sie etwas Nützliches fand und diesen Gedanken mit aller Macht in den Vordergrund rückte. Es war ein hässlicher Gedanke, einer, den sie so nicht hatte finden wollen. Auch er blieb stehen, sah sich nicht um, lockerte nur seine Haltung und tat das, worüber er seit Monaten nachgedacht hatte aus einem Impuls heraus. Rinas Stimme flüsterte ihm zu, es sei in Ordnung, er bräuchte sich nicht schämen. Niemand wartete auf ihn. Er richtete die Waffe auf sich selbst und drückte ab.
Rina wollte auch den dritten Soldaten. Sie versuchte es, doch erreichte ihn nicht. Zu erschöpft, zu sehr überanstrengt. Ihr war bitterlich kalt, so als hätte man alles Leben aus ihr herausgezogen. Kalt. Nur noch kalt und erschöpft. So stark durfte sie keinen Einfluss nehmen, das war gefährlich. Aber was hätte sie tun sollen? Was hätte sie anderes tun sollen?
X
Tom flüchtete über den Hinterhof, indem er zwischen den Baumaterialien Slalom lief. Er ließ das Ziel nicht aus den Augen: die Seitengasse hinter dem Rohbau, wo Jay und sein Team auf ihn warteten. Es waren nur wenige Meter, die er zum größten Teil mit einem wendigen Laufmanöver hinter sich bringen konnte.
Ein Knall in unmittelbarer Nähe und sofort raste ein stechender Schmerz durch seine Schulter. Er strauchelte, stieß gegen Metallplatten, stürzte zu Boden. Die RMP7 rutschte ihm aus der Hand. Erneut ein Schmerzgewitter. Warmes Blut lief durch sein Hemd. Getroffen. Tatsächlich getroffen.
»Bleib liegen«, sagte eine Stimme direkt hinter ihm. Ruhig und gnadenlos. So dicht war er ihm also auf den Fersen gewesen. Tom starrte auf den Asphalt. Kalter Schweiß tropfte von seiner Nasenspitze auf den Boden. Sein Körper war erschöpft, in seinem Arm begann ein unmerkliches Ziehen. Er wollte nicht sterben. Nicht so kurz vor dem Ziel.
»Es wird schnell gehen«, sagte der Totenläufer. Und trotz all der Lügen, die jener Mann von sich gab, zweifelte Tom nicht daran.
Mit einer hastigen Bewegung zog er das Tuch von seinem Gesicht, drehte sich um und sagte: »Es zählt das ›Warum‹ nicht wahr?«
Ihre Blicke trafen sich. Neel Talwar antwortete nicht, legte nur die Waffe an und zielte, den Finger um den Abzug gelegt. Vorbei.
»Waffe runter!«, brüllte jemand so laut, als ging es um sein eigenes Leben. Jay, er war da.
Der Totenläufer tat es nicht. Sein Blick haftete auf Tom. Er konnte es noch immer tun. Er konnte immer noch abdrücken.
»Nimm die scheiß Waffe runter!«
Sie blieb auf Tom gerichtet, doch er regte sich.
»Du … hast mich ausspioniert?«, fragte Neel Talwar. Tom schluckte. Ihm war bereits schummrig vor Augen. Sein Herz wurde schwächer und sein Körper brannte vor Schmerz. Er war sich sicher, dass er sterben würde. Nicht abwarten, sofort handeln. Das war die Devise. Doch Tom täuschte sich.
»Du kannst das gut. Das mit dem Schauspielern«, sagte der Totenläufer, nahm die Waffe herunter und legte sie auf den Boden.
Jay ging zu ihm, den Lauf seines Gewehrs auf Neel Talwar gerichtet. Jederzeit bereit zu töten, sollte es Widerstand geben.
Als er direkt vor dem Totenläufer stand, sagte er: »Gut, dass wir einander endlich begegnen. Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du dir wünschen, niemals für die Verwaltung gearbeitet zu haben.«
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