Im Hintergrund ertönte ohrenbetäubend laut ein Alarm. Der Notalarm der SDF. In Kürze würde Verstärkung eintreffen. Tom jedoch entspannte sich, ließ sich auf den Boden sinken. Sie hatten ihn. Sie hatten ihn wirklich. Den Helden Red-Mon-Stadts.
X
Den Weg zum Fluchtpunkt fand Rina allein. Es ging ein Stück am Meer entlang, dann weiter eine Hauptstraße hinauf, wo sie in eine Seitengasse einbog, der sie bis zum Ende folgte. Vor dem unauffälligen Eingang eines Geschäfts blieb sie stehen und klopfte in einem bestimmten Rhythmus dagegen. Man öffnete ihr und sie betrat einen spärlich beleuchteten Raum, in dem tagsüber Drogerieartikel verkauft wurden.
Kaum ein Mitglied der REKA beachtete sie, denn auf einer Pritsche lag der Schleuser. Er hatte eine Schussverletzung an der Schulter und eine Frau legte ihm einen provisorischen Verband um.
Unbemerkt stahl sich Rina an einigen Rebellen vorbei, die heftig über das Geschehene diskutierten und näherte sich der Pritsche.
Der Greif lief daneben auf und ab. Er sprach über das Verhalten des REKA-Mannes, fragte ihn, ob er völlig den Verstand verloren habe, so etwas Riskantes zu tun. Ob er nicht einen Moment in Erwägung gezogen habe, den Job ihm zu überlassen? Was, wenn er draufgegangen wäre? Der Verletzte antwortete gedämpft, kämpfte mit den Schmerzen. Es sei eben ein Notfall gewesen. Hätte er nichts gemacht, wäre er im Rohbau erschossen worden.
Sie starrte ihn an, fixierte sein bleiches Gesicht und die müden Augen. Auf der Nase zeichneten sich Sommersprossen ab, die kurzen Haare waren zerwühlt. Blau – hellblau, das war die Farbe seiner Augen.
Dann bemerkte er sie, und als er sie ansah, schnürte sich eine Kette um ihre Brust.
»Was … macht denn ein … Lorca hier?«, fragte er und wandte sich mühevoll an den Greif. »War das deine Idee?«
»Sie ist aus freien Stücken hier, Tom«, sagte der Greif und verschränkte die Arme vor der Brust. »Sie wollte dich unbedingt persönlich kennenlernen. Hast eben einen gewissen Charme.«
»Was?« Sein Blick richtete sich auf sie. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt und ihre Fingernägel gruben sich in ihre Haut.
»Du hattest doch den Einsatz vor einer Woche. In der SDF. Da oben in Westend. Sie ist der Lorca, den du …«
Er unterbrach den Greif: »Nicht in Westend. Am Sichelturm.«
Nun runzelte der Greif die Stirn.
»Am Sichelturm? Du warst im Einsatz gegen uns?«
»Das …« Er musste eine Pause machen. »… war nicht zu vermeiden. Mein Leutnant hat mich eingeteilt.«
Erdrückendes Schweigen erfüllte den Raum.
»Kannst du das mal aufklären, Sweetie?«, fragte der Greif.
Ihre katzengoldenen Augen wandten sich ihm zu. Sie wollte es nicht aussprechen, denn wenn sie es sagte, wurde es Realität und das konnte sie nicht ertragen. Es machte ihr bewusst, wie dumm sie gewesen war. Jemand hatte mit dem Finger auf den Schleuser gezeigt und sie war in seine Richtung gelaufen, ohne darüber nachzudenken. Dabei wusste sie doch, dass sie nur glauben konnte, was sie mit eigenen Augen sah. Die Menschen zeigten doch selbst stets mit dem Finger auf sie und gaben ihr die Schuld für all ihr Unglück.
»Er ist es nicht«, sagte sie und spürte, wie sie die Wahrheit erstach. Der Mann vor ihr hatte Viktor nicht getötet. Nein, er war unschuldig. Aber wenn er es nicht gewesen war und es sich auch nicht um einen Trick der Verwaltung handelte, wer von der SDF würde ihr dann das Leben schenken? Und wie wahrscheinlich war es, dass sie ausgerechnet an jenem Abend auf diese Person getroffen war?
Kapitel 4
»Wir haben drei Soldaten verloren und Leutnant Talwar befindet sich in Gefangenschaft.« Die Stimme des Soldaten Rob McKanzie klang gefasst. Er stand aufrecht vor ihr, hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und seinen Blick auf einen Punkt an der Wand gerichtet. Doch so sehr er sich auch bemühte, seine Furcht nicht zu zeigen, vor Amanda konnte er sie nicht verbergen. Sie konnte seine Angst förmlich riechen. Es war der Duft eines Versagers und sie genoss ihn.
Als Verantwortliche für Einheit 203 hätte sie wohl wütend oder gar enttäuscht sein müssen, doch ihr Gemütszustand ließ sich vielmehr mit positiven Attributen beschreiben. Triumph, Bestätigung und Überlegenheit. Sie hatte dieses Ende lange vorausgesehen.
»Ich bin über den Ausgang des Einsatzes von Einheit 203 bereits informiert«, sagte sie und deutete auf den Stuhl gegenüber ihrem Bürotisch. »Setzen Sie sich Soldat.«
Ohne Umschweife kam er der Aufforderung nach und nahm in militärischer Manier Platz. Seine überkorrekten Bewegungen deuteten auf äußerste Anspannung hin. Er war kein Ersatz für Neel, vielleicht eine traurige Kopie, doch niemals so effektiv wie er, niemals so … anregend.
»Sir, ich wollte …«
»Madam«, berichtigte sie den Soldaten und beobachtete, wie ein Muskel unterhalb seines Mundes unruhig zuckte.
»Madam, natürlich. Es war ein Hinterhalt der REKA. Zwei von ihnen wurden von Leutnant Talwar während des Einsatzes erschossen. Ihre Leichen sind nach Safe City überstellt worden. Beides vermutlich Personen ohne Nutzen, deren RMS-ID gefälscht war. Die Gesichtserkennungssoftware hat ihre persönlichen Daten preisgegeben. Es kann aber sein, dass diese von der REKA frisiert worden sind. Ziel des Hinterhalts war allem Anschein nach die Gefangennahme von Leutnant Talwar.«
»Auch das, Soldat, ist mir bereits bekannt.« Sie ließ den Satz wirken, klopfte mit einem Finger auf den Tisch. Das Zucken an seinem Mundwinkel hörte auf. »Das Interessante ist nicht die Tatsache, dass ihr versagt habt oder weshalb die Aufständischen tun, was sie tun. Derlei Nebensächlichkeiten bringen uns nicht weiter. Von Bedeutung ist die Frage, wie sie einen Lorcaalarm auslösen konnten, ohne dass das Kontrollsystem einen Fehler gemeldet hat. Das ist bedenklich. Vermutlich hat jemand unser Sicherheitssystem gehackt. Weiterhin ist zu hinterfragen, woher sie wussten, dass Einheit 203 auf genau diesen Alarm reagiert. Können Sie mir folgen, Soldat?«
»Ich kann Ihnen folgen, Madam«, sagte er und ergänzte: »Mit diesen Fragen beschäftigt sich bereits die Hygienepolizei.«
»Die Hygienepolizei«, antwortete sie. »Das ist ein wirr zusammengewürfelter Haufen mit lascher Führung. Auf die kann sich doch niemand verlassen. Ist Ihnen klar, welche Auswirkungen dieser Fehlschlag für Red-Mon-Stadt hat?«
»Natürlich, Madam«, sagte er und käute schnell einen Leitsatz des von ihm abgelegten SDF-Kodex wieder. Auswendig gelernter Dreck ohne Inhalt: »Sollte Einheit 203 nicht mehr bestehen, ist die Sicherheit dieser Stadt gefährdet. Es ist das oberste Ziel, die Existenz dieser Einheit zu sichern, die in der Öffentlichkeit als Totenläufer bezeichnet wird. Deshalb habe ich mich bereit erklärt, die Aufgabe …«
»Und warum ist das so, Soldat McKanzie?«, unterbrach sie ihn abrupt. »Weshalb wird es Chaos geben, wenn diese Einheit nicht mehr existiert?«
Sie konnte sehen, wie er darüber nachdachte, versuchte, einen logischen Schluss zu ziehen, doch natürlich gelang ihm das nicht. Um diesen Zusammenhang begreifen zu können, hätte er verstehen müssen, wie die Menschen hier agierten. Und nicht nur das, er hätte wissen müssen, auf welch brüchigem Fundament die Stadt erbaut worden war. Auf haltlosen Idealen einer Utopie. Wer ein Ziel bekommt, ist keine Bedrohung. Ein Ort ohne jede Bedrohung ist ausnahmslos sicher. Sicherheit und Nutzen an erster Stelle, alles andere ordnete sich unter.
»Ich weiß es nicht, Madam«, sagte er nach einer Weile und sie schenkte ihm ein mitleidiges Lächeln. Dummkopf.
Am Rand des weiß lackierten Bürotisches befand sich ein Sensor, über den sie nun ihren Zeigefinger gleiten ließ. Augenblicklich öffnete sich in der Mitte des Tisches eine spiegelglatte Bedienoberfläche, die als Touchscreen diente. Aus einem Schubfach holte sie einen länglichen Kopfhörer heraus, steckte ihn sich ins Ohr und öffnete in rascher Geschwindigkeit das Telefonbuch auf dem Screen. Sie wählte eine Durchwahl, die sie blind hätte eingeben können.
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