Elin fühlte sich ertappt. »Er hat mich immer gut behandelt.« Ihre Stimme klang erhöht. Mit wissendem Lächeln nickte Almina.
»Dein'm Wohltäter blieb wohl keine andre Wahl, als dich fortzuschick'n.« Dann wurde sie ernsthaft. »Is schon 'n sehr weiter Weg nach'm Süd'n, so ganz allein, quer durch Wales.«
»Zumeist fand ich Fahrende oder Händler, denen ich mich anschließen konnte; manchmal waren es auch einfache Landleute.«
»Bis auf's restliche Stück des Weges«, warf Almina ein.
»Zu allem Unglück verließen mich jene Leute, die ich zuletzt begleiten konnte - beim Abzweig nach Haverfordwest. Sie versicherten mir jedoch, es wären nur noch wenige Meilen bis Castellyn. Und die Gegend sei sicher, denn häufig wären Gefolgsleute des Grafen unterwegs.«
»Im Grund' hatt'n se Recht.« Almina klang seltsam düster. »Aber genau das war's Verhängnis.« Erschrocken sah Elin die alte Frau an. Wusste sie Bescheid? Wußte sie es von Rees? Und was wußte sie genau? In diesem Moment klopfte Rees vom Stall an die Seitentür. Da Elin versorgt und bekleidet war, rief Almina ihn herein. Mit einem schnellen Griff nahm er den Zügelriemen von Tisch und wollte gleich wieder hinaus.
»Bleib‘, Rees, ich werd' nu' geh'n. Elin is' soweit versorgt.« Almina begann, ihre Sachen in das Leinenbündel zu räumen. »Sobald se 'ne läng're Strecke lauf'n kann, bring'n wir se zu meiner Hütte. Dennoch werd'n de Leut' red'n, aber's weckt nich' so'n Argwohn als wenn se bei dir blieb'. Werd' sag'n, sie käm' aus Cardiff und wär' die Tochter meines verstorb'n Bruders.«
Zu Elin gewandt sagte sie abschließend: »Ich denk', morg'n könn' wir's versuch'n. Bis dahin ruh‘ dich aus, Kind.«
»Ich dank' dir sehr, Almina.« Mehr wußte Elin nicht zu entgegnen.
An der Tür drehte sich die alte Frau nochmals um. »Und mach' ihr 'ne heiße Suppe, Rees! Damit mein' ich frisch gekocht! Nicht länger dies'n Haferpamp, der seit Tag'n im Kessel vor sich hinschwelt. Elin muss wieder zu Kräft'n komm'n.«
Rees lächelte und schenkte Elin einen belustigten Seitenblick. Dann verließ er mit Almina gemeinsam das Haus und kehrte just über den Stall mit einer Handvoll Möhren zurück. Aus der hinteren Kammer neben dem Herdplatz holte er weitere Vorräte und begann, einen Eintopf mit getrockneten Erbsen zu bereiten. Seitlich aufs Lager gebettet beobachtete Elin, wie rasch und gewandt er die Zutaten herrichtete.
»Weiß die alte Frau, was in der Nacht geschehen is'?« Elins Worte durchbrachen seine stille Achtsamkeit. Irritiert schaute Rees auf und schüttelte langsam den Kopf.
»Sie werden ihn finden«, klagte sie Unheil verkündend und drehte sich mit dem Gesicht zur Wand. »Sie werden mich finden...« Ungewollt stiegen ihr brennende Tränen in die Augen.
Rees kam zu ihr, hockte sich neben das Lager und legte zögernd seine warme Hand auf ihre Schulter. Durch die Berührung drehte sie sich zurück, sein sanftes Lächeln tröstete ihr Herz, und es war wieder dieselbe Kopfbewegung, mit der er ihrer Aussage widersprach.
»Wieso bist du so sicher?«, fragte sie zweifelnd. Nachdenklich ließ Rees den Blick schweifen, als ob er etwas suchte. Abrupt stand er auf, schritt hinüber zum Stall und kam alsbald zurück und hielt einen Spaten in der Hand. Unmissverständlich machte er eine kurze Schaufelbewegung und stellte das Werkzeug mit dumpfen Stoß vor sich auf den Boden. Elin begriff sofort.
»Du hast ihn vergraben!?« Voller Aufregung erhob sie sich so ruckartig, dass starker Schmerz in ihrem Bein zerrte und sie sich vor Schreck auf die Zunge biss. Zutiefst verwundert starrte Elin ihn an. Doch Rees lächelte nur, die Hände übereinander auf den Spatenstiel gestützt.
»Du bist - zurück – in den Wald geritten - und hast ihn vergraben!?« Elin konnte es kaum glauben. Warum sollte er das für sie tun? Mit einem Mal überfiel sie unsägliche Müdigkeit, erschöpft sank sie zurück und schloss die Augen.
Als Elin hinaus in den nächsten Morgen trat, fiel der Sonnenschein hell über die Anhöhe zu ihrer Linken und seine Strahlen wärmten das frische Grün der Hügel. Taumelnd stützte sich Elin an den schweren Rahmen der Eichentür. Nach der schummrigen Stube schmerzte das morgendliche Licht so stark, dass sie im ersten Moment die Augen schließen musste. Damit sie sich allmählich an die Helle gewöhnen konnten, öffnete sie die Lider langsam und betrachtete schweigend jene friedliche Schönheit, die sich ihr schließlich offenbarte.
In völliger Abgeschiedenheit lag das Gehöft am Rande des Alten Steinwaldes, westlich eines langgestreckten Hügels, hinter dessen Kamm die Hauptstraße verlief. Auf den baumlosen Hängen duckten sich vereinzelt niedrige Hagedorne und zwischen den hellgrauen Gesteinsbrocken wichen die Wiesenhalme den ersten leuchtend gelben Himmelsschlüsseln. Weiter nördlich zog sich entlang der Baumreihe, die den Wald begrenzte, ein einfacher Pfad bergan, eben breit genug für einen Karren. Nur wenige Schritte von der Haustür entfernt war ein sorgsam geteiltes Gemüsefeld angelegt und schräg dahinter eine ähnlich umzäunte Weide, wo die Milchkuh graste. Auf dem fernen Anstieg zur Rechten sah Elin, wie Rees den Pflug angestrengt durch die dunkle Erde schob. Eine Hälfte des Ackers hatte er bereits am gestrigen Tage bewältigt. Ihr schien verwunderlich, dass sein Pferd die Eisenschar gleichmäßig über die Brache zog, obgleich es nicht geführt wurde. Die Ärmel des zerknitterten Leinenhemdes hatte Rees weit hoch gekrempelt und ein ausgefranster Strohhut schützte ihn gegen zuviel Sonnenlicht. Neben Elin hatte sich Almina gesellt, um sie ein wenig zu stützen, doch Elin zog den Arm aus ihrem Griff. Sie wollte es allein versuchen. Langsam hinkte sie über den festen Lehmboden, um mehr von der fremden Umgebung zu erkunden, und scheuchte einige Hühner auf.
Das Wohnhaus war ein hölzernes Stabwerk, dessen steinernes Fundament gut zwei Fuß Höhe maß. Die Wandflächen waren mit Lehm und Strohgeflecht gefüllt und erst vor geraumer Zeit frisch gekalkt worden. Die vordere Dachschräge zog sich tief bis zu den niedrigen Fenstern und bestand aus sauber geschnittenem Ried. An die rechte Hauswand schmiegte sich weniger hoch ein etwas breiteres Fachwerk mit nur einer Dachfläche, die seitlich abfiel und in gleicher Weise gedeckt war. Die Torflügel des Nebengebäudes standen weit offen und gewährten einen freien Blick hindurch bis zur Hinterseite, wo sich ebenfalls ein Tor befand. Der Anbau diente als Stall und Scheune zugleich. Hinter dem Haus führte mit leichter Steigung eine Wiese zum Wald hinauf, die übersät war mit Blüten gleich kleinen weißen Sternen. In sicherer Entfernung zu den Gebäuden stand dort ein kleiner Backofen und durch die vordersten Bäume war das leise Murmeln eines Baches zu hören. Mit bloßen Füßen hinkte Elin zaghaft durch das feuchte, kühle Gras zum Bach hinauf, gefolgt von Almina, die einen gefüllten Bottich und ein kleines Bündel bei sich trug. Dies war, was sie brauchten, um Elin das Haar zu waschen. Erde und Laub hatte sie zuvor gemeinsam ausgekämmt, und Almina hatte großes Erstaunen über das tiefe Rot gezeigt, das unter all dem Schmutz zum Vorschein kam.
Elin war bereits ins seichte Wasser gestiegen, als die Alte den Bachlauf erreichte. Vorn über gebeugt stand sie, den Saum des Wollkleides um die Oberschenkel geknotet, und hielt ihr langes Haar in die Strömung. Das eisige Wasser benetzte ihren Kopf und floss sacht um die geschundenen Knie. Nachdem das Haar genügend gespült war, goß Almina ihr langsam einen warmen Kräutersud über Kopf und Nacken und reichte Elin danach ein Tuch, worin sie ihr Haar trocknen konnte. Unter Aufgebot letzter Kräfte stieg sie dabei die Böschung hinauf und ließ sich erschöpft auf einen der großen, bemoosten Steine nieder, die wie von Riesenhand geschichtet vom Bachlauf bis zum Saum der Wiese reichten. Bevor Almina sich zu ihr gesellte, spülte sie den Bottich einige Male mit frischem Wasser. Von ihrem Sitz konnten die beiden Frauen am Haus vorbei zu Rees hinüber aufs Feld schauen.
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