Kristin Veronn - Wolfes Schuld

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Vom Schicksal beschützt, vom Zufall verraten.
Wales 1344: Auf einem nächtlichen Streifzug durch den Alten Steinwald entdeckt Landmann Rees die Folgen einer abscheulichen Missetat. Die Begegnung mit einer jungen Frau verknüpft dabei sein Leben mit dem ihren und besiegelt ein geheimes Bündnis, das vom ersten Augenblick an durch starke Zuneigung bestimmt wird. Unterdessen lässt Lord Evan nichts unversucht, den Befehlshaber seiner Stadtwache aufzufinden, der auf unerklärliche Weise verschwunden ist. Engster Berater des jungen Lords ist Pater Cyril, der schwer an verschwiegenen Bürden trägt und nicht glauben will, dass sein Bruder Rees mit dem Geschehen verhängnisvoll verwoben ist. Doch auch der hitzköpfige Cole macht sich auf die Suche… So manches Mal wird der Lauf der Geschichte durch einen schwarzen Wolf gelenkt. Als Letzter seiner Art streift er einsam durch die Wälder von Wales und sein unvermutetes Erscheinen entscheidet oftmals über Leben und Tod.

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»Gut denn, ich werd' ihn schon wieder los.« Almina begab sich zurück und hatte den Reiter noch nicht ganz erreicht, als dieser sich vorerst zufrieden zeigte und ihr zurief, bevor sie Antwort geben konnte.

»Ich hab' euch beobachtet, Alte, und wie mir scheint, weiß er wohl nichts zu berichten.« Sein hämisches Grinsen verhöhnte Rees, des Sprechens nicht fähig zu sein. Ohne Abschied lenkte er das edle Pferd um und trabte zurück zu seinen Begleitern. Almina holte tief Luft und blickte zu Rees hinüber. Sie konnte seine Miene nicht erkennen, aber an den gelassenen Schritten war zu merken, dass er erleichtert war. Wahrscheinlich waren die Gefolgsleute in Eile und Almina deutete es als gutes Vorzeichen, der Befragung so zügig entgangen zu sein. Anscheinend machten weder Rees noch sie einen verdächtigen Eindruck, und sie betete inständig, dass dies so bleiben möge.

- 5 -

Regelmäßig ging Almina zu dem kleinen Hof am Waldrand, um nach der fiebernden Frau zu sehen; sie brachte frische Kräutersäfte und wechselte die Wundumschläge. Wenn jemand fragte, warum sie so häufig den schmalen Weg nach Ffermunig hinunterging, gab sie vor, sich um das Pferd zu kümmern, weil es angeblich lahmte.

Ohne die Arbeit zu vernachlässigen, bemühte sich auch Rees, die Verletzte zu pflegen. Viel gab es für ihn nicht zu tun, außer dafür zu sorgen, dass sie genügend Wasser zu sich nahm und zu bestimmter Stunde einen streng riechenden Trunk, gebraut aus Weidenrinde, jeweils einen Löffel voll. Anfangs wurde ihm dies dadurch erschwert, dass die Frau kaum zu Bewußtsein kam, doch Almina zeigte ihm, wie er ihren Kopf anheben und halten musste, damit das Einflößen leichter von der Hand ging.

Da die Fremde seines Schlafplatzes bedurfte, hatte er sich neben der Tür zum Stall ein schlichtes Lager aus Stroh und Decken hergerichtet. Zu dieser Jahreszeit war es kalt am Boden, daher hielt er über Nacht seine Kleider am Leib. Zudem wickelte er sich in den schwarzen Wollmantel, den er in jener Nacht an sich genommen hatte; sein eigener diente dazu, die Fremde zu wärmen. Die wertvolle Spange hatte er umgehend durch eine Schließe aus Bronze ersetzt. Bevor er das kunstvolle Silber verbarg, hatte er es mehrfach zwischen den Fingern gewendet. Das kreisförmige Ornament zeigte ineinander verflochtene Kraniche, das Zeichen im Banner von Carreglas. Nach altem Glauben war der edle Vogel ein kriegerisches Sinnbild, um das Geschick des Feindes zu schwächen und das eigene zu stärken; recht ungewöhnlich für das Wappen eines christlichen Normannenkämpfers.

Zwei Tage vergingen, bis die Fremde aus dem Fieber erwachte. An jenem Morgen wurde Rees von einem verkrampftem Nacken geweckt. Einen Moment lang blieb er liegen und überlegte, welche Knochen ihm nicht schmerzten. Schließlich kroch er ungelenk aus dem schwarzen Umhang und schöpfte einen Becher voll aus dem Holzeimer neben der Feuerstelle, um seinen Durst zu stillen. Das Wasser schmeckte abgestanden und rann kühl seine Kehle hinab. Danach füllte er den Becher erneut, um ihn der verletzten Frau zu bringen. Just bemerkte er, dass sie hellwach war.

Zum ersten Mal blickte sie ihn an, mit klaren Augen, blau wie fernes Meer. Rees konnte die große Angst darin erkennen und ihr Blick berührte ihn auf verwirrende Weise, tief in seiner verschütteten Seele.

»Wer bist du?« Ihre Stimme klang schwach und zögerlich.

Den Becher in der Hand stand er neben dem Strohlager und starrte sie erstaunt an. Zaghaft lächelnd versuchte er, seiner Verwunderung Herr zu werden, als er ihr das Wasser reichte. Die Geste schien sie ein wenig zu beruhigen, sie stützte sich seitlich auf, ergriff den Becher und trank hastig.

»Du kannst nich' sprechen, oder?«, fragte sie, nachdem sie den Becher geleert hatte. Rees schüttelte den Kopf.

Als sie versuchte, sich höher aufzurichten, verzerrte heftige Pein ihre Miene. Laut stöhnend fiel sie zurück. Noch immer war ihre linke Gesichtshälfte leicht geschwollen und die Oberfläche bunt verfärbt. Es brauchte einen Moment, bis sie weitersprechen konnte, denn der Schmerz hatte ihr den Atem genommen.

»Wo is' die alte Frau?«, hauchte sie. Trotz Fieber hatte die Fremde wohl wahrgenommen, was um sie herum geschah. Rees wies zur Tür.

»Wird sie heut' wieder kommen?« Rees nickte.

»Dann ist's gut.« Den Kopf zur Wand geneigt schloß sie die Augen. Zuerst verspürte Rees darüber leichte Enttäuschung, sah dann aber, dass sie wieder eingenickt war. Vorsichtig nahm er ihr den Becher aus der Hand und sank, ohne den Blick abzuwenden, auf die Holzbank beim Tisch. Seine Seele war aufgewühlt wie nie zuvor.

Meredith kam ihm in den Sinn, das schönste Mädchen in Hencod. Er schaute zu der Truhe, wo Almina jene Kleider zurechtgelegt hatte, die für die Fremde bestimmt waren. Nachdem er den Stapel eine Weile angestarrt hatte, gab er der Regung nach und ging hinüber. Mit beiden Händen hob er ihn dicht an sein Gesicht und sog den Geruch ein, der noch immer in den Stoffen hing. Rees erinnerte sich, wie strahlend Merediths Lachen war. Ihr langes, glattes Haar schimmerte im Sonnenlicht wie poliertes Holz. Wohlgestaltet in jeglicher Form schritt sie leichtfüßig dahin, die ebenmäßigen Gesichtszüge schenkten ihr höchsten Liebreiz. Ihre braunen Augen jedoch blicken herausfordernd, wirkten stets rastlos und hungrig. Dennoch hatte Rees sich in sie verliebt, wie all die anderen.

Gleich wirbelnder Blätter im Herbst, farbenfroh in ihrem Wesen und schwer zu fangen, tanzte sie ihren Eltern auf der Nase herum. Immer, wenn Mutter Gwenifer ihr einen der Landleute zur Heirat vorschlug, gab sie zur Antwort, dass sie sich nur einem Edelmann versprechen würde - oder Rees. Nie hatte er sich der Hoffnung hingegeben, Meredith meine es ernst. Zumeist hatte er es als Spaß gedeutet, wenn sie auf den Festen ausschließlich mit ihm tanzte. Die anderen Kerle, nicht nur die unvermählten, hatten sich dann die Hälse nach ihnen verrenkt. Einmal hatte sie ihrer Mutter in seinem Beisein kundgetan, dass Rees ihr der Liebste wäre, da er keinerlei Unsinn reden könne, weder prahlen noch lügen. Gwenifer hatte allerdings mit der Vorstellung gehadert, den Hof einem stummen Eigenbrötler zu hinterlassen. Rees erschien ihr zu eigensinnig - und bereits zu alt. Und so blieb das Mädchen ehelos, bis zu jenem Tag, als es verschwand.

Rees hatte wohl bemerkt, dass Meredith anderes für ihr Leben wollte als Feld und Hof. Wenige Tage, bevor sie verschwand, hatte sie Worte zu ihm gesprochen, die nach Abschied klangen: »Da du nie ernsthaft auf mich gehofft hast, solltest du zu dieser Stunde nicht damit anfangen.« Ein letzter Kuss, flüchtig auf die Wange, hatte sein Herz beschwert und erleichtert zugleich. Rees zweifelte, dass Meredith ein Unglück zugestoßen war. Insgeheim glaubte er, dass sie ihrem Herzen gefolgt und nun glücklich war.

Bedächtig legte Rees die Gewänder wieder auf die Truhe. Der Duft in ihnen brachte nur die Bilder zurück, das Empfinden blieb fort. Als er hiernach den Blick auf die Fremde richtete, ging abermals ein leichtes Beben durch seine Brust. Was hatte er wirklich in jener Nacht im Wald gefunden?

*

Die Sonne stand klar am östlichen Himmel und durch die geöffnete Tür drang warme Frühlingsluft, erfüllt vom Zwitschern ausgelassener Vögel, als Almina aus dem einfallenden Licht in die dämmrige Stube trat und sich auf den Rand des Lagers setzte. Hoffnungsvoll drehte die junge Frau sich um. Rees stand gebeugt beim Tisch, richtete mit geschickten Händen das Zaumzeug her und beobachtete die beiden Frauen aus den Augenwinkeln.

»Wo bin ich? Wer seid ihr?« Die Stimme der jungen Frau überschlug sich vor Aufregung. Sacht legte Almina ihr die Hand auf den Arm.

»Sei ohne Sorge, Kind. Wir sind dir wohl gesonn'n. Mein Name is' Almina, und der stumme Geselle dort drüb'n is' Rees. Er hat dich hergebracht, auf sein'n Hof, is' nich' weit von hier bis Castellyn.« Schweigend betrachtete sie die junge Frau. Die Schwellungen in ihrem Gesicht waren abgeklungen, darunter zeigten sich allmählich anmutige Züge und ihr wacher Blick ließ endlich Leben erkennen.

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