»Wie heißte, Kind?« Die Antwort kam zögernd. »Elin.«
»Und weiter? Wo kommste her?«, wollte Almina wissen. Elin schwieg.
»Erinnerste dich, was passiert is'?«, fragte Almina vorsichtig.
»Ich erinnere mich an seine Augen, sie waren voll Hass...« Die Worte wurden zu einem zitternden Flüstern. Sogleich spürte Almina, dass sie nicht weiter fragen durfte.
»Nu' gut«, warf sie ein, »de Wunden heil'n. Und wie ich seh', is' auch's Fieber überstand'n. Dann kannste selbst ein wenig helf'n, 'nen frisch'n Umschlag anzuleg'n.«
Almina blickte zu Rees hinüber. Ohne weiteres Wort verstand er, dass er die Frauen allein lassen sollte. Er legte die Riemen auf den Tisch und verließ die Stube.
*
Nun, da Elin bei vollem Bewußtsein war, schien die Versorgung der Wunden zweifache Qual. Neben dem Schmerz, den sie weit deutlicher spürte, sah sie erstmals, was ihrem Körper angetan wurde. Zuerst half Almina ihr, sich aufzurichten und die letzten Fetzen ihres zerrissenen Kleides abzulegen. Bereits tags zuvor hatte Almina die Kräuterauflage zwischen ihren Schenkeln entfernt. Elin blieb das Gefühl, sie hätte sich dort wundgescheuert. Die oberflächlichen Schnitte auf der Brust waren gut verheilt. Almina zeigte den Tiegel mit einer Salbe, die dünn aufzutragen war. Elin zog die Nase kraus.
»Sie stinkt.« Alminas Lachen klang heiser und dunkel.
»Aber se hilft.« Aus einem Kleiderstapel bei der Truhe suchte sie ein schlichtes Leinengewand und zog Elin den knittrigen Stoff über Kopf und Arme. Danach legten die Frauen den frischen Verband am Oberschenkel gemeinsam an. Obgleich die tiefe Wunde ebenfalls heilte, bereitete sie Elin die meisten Schmerzen. Beharrlich brachte die alte Frau sie dazu, aufzustehen. Mit jedem Schritt, den Elin umherhumpelte, war das leidvolle Ziehen in dem zusammenwachsenden Fleisch leichter zu ertragen. Derweil forschte Alminas aufmerksamer Blick in Elins Minenspiel und folgte jeder Bewegung aus grauen Augen. Elin zwang sich zu einem Lächeln. Dennoch erkannte Almina ihre aufkommende Verzweiflung.
»Sei dankbar, Mädch'n. Sicher, wenn ich dir jetzt sag', dass ich schon Schlimm'res geseh'n hab', is's kaum 'n Trost. Doch bedenk', Narb'n verblass'n, so wie de Erinnerung. Weiß der Himmel, wer dich gefund'n hätt', wenn nicht der Rees. Falls überhaupt. Womöglich wär' mit'm Blute 's Leben aus dir gefloss'n.« Trotz der tröstlichen Worte schlich die Hoffnungslosigkeit tiefer in Elins Herz. Es waren nicht die Narben, es war nicht der Schmerz. Die entsetzliche Vorstellung, was geschehen konnte, sobald der Leichnam gefunden wurde, ballte sich wie ein schwerer Klumpen in ihrer Brust. Schlimmstenfalls hatte jemand beobachtet, dass sie dem Ritter auf der Straße begegnet war. Aber Elin konnte sich nicht erinnern. Längst wurde nach dem Ritter gesucht, das war gewiss. Noch hatte die Alte kein Wort darüber verloren, und Elin wagte nicht zu fragen. In ihrer großen Angst wußte sie nicht, wie es weitergehen sollte. Lähmende Schwermut warf dunkle Schatten auf ihre verschreckte Seele.
»Er hätt' mich einfach meinem Schicksal überlassen sollen.«
»Niemals!«, rief Almina aus. »'s wär' grausam. Was glaubste, was er is'?« Wiederum versuchte Elin zu lächeln. Sie konnte die rüstige Alte wahrlich gut leiden. Und anscheinend lag ihr dieser stumme Landmann sehr am Herzen.
Nachdenklich betrachtete Elin sie von der Seite. Die Alte war eher klein und zeigte eine kräftige Statur unter dem rotbraunen Wollkleid, das sie trotz des vorstehenden Bäuchleins mit einer Seilkordel gegürtet hatte. Da ihr Haar von einem schlichten Kopftuch ohne Rise bedeckt wurde, war die silbergraue Farbe nur an dem geflochtenen Zopf zu erkennen, der dünn den Rücken herabhing.
Inzwischen hatte Almina ihr ein Fläschchen gereicht und sie mit einer Handbewegung angewiesen, den Saft zu trinken. Das Gebräu war erstaunlich süß.
»Warum hat er mein Leben gerettet?«, wollte Elin unvermittelt wissen. Zweifelsohne hatte Rees sich in große Gefahr begeben. Schon lag ihr dieser Gedanke auf der Zunge, alsdann sie ihn doch für sich behielt; noch war fraglich, ob die alte Kräuterfrau die Wahrheit kannte.
»'n jeder hätt's getan«, gab Almina zurück. »Und der Rees hat'n gutes Herz, mehr noch als andre.« Alminas Stimme senkte sich. »Jedoch beim Rees denk' ich mir manchmal, is's zu gut.« Verschwörerisch blinzelte sie Elin an und fuhr bedächtig fort. »Eines Tages holt' er mich auf sein' Hof. Ich sollt' helf'n, 'n verletztes Tier zu versorg'n. Nu gut, dacht' ich bei mir, vermutlich hat sich das Rindvieh oder sein Kaltblut was auf'er Brache getan.« Elin wurde neugierig. »Welches Tier war's?«
Almina schüttelte langsam den Kopf, als könne sie noch immer nicht glauben, was sie damals gesehen hatte. »'nen Wolfsjunges war's – groß wie'n Köter und schwarz wie de Nacht.« Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, erstarrte sie augenblicklich. Der Ausdruck in ihrem faltigen Gesicht bot sich dar, als wolle sie ein Dämon packen. Sie schien mit sich zu hadern, warum sie sich getraute, davon zu erzählen. Nachdem sie Elin eine Weile eindringlich angesehen hatte, fuhr die Alte nach langem Seufzen schließlich fort.
»'ne Fallschlinge hatt' sich tief in'n Vorderlauf gefress'n, bis auf'n Knochen. Zuerst musst'n wir de Schlinge lös'n. 'S schwarze Maul hatt' der Rees mit'm Seil zugebund'n. Aber sieh...das Vieh blieb ruhig, auch als ich de Wunde versorgt hab'.«
Almina legte leicht den Kopf in den Nacken und sah mit einem Mal recht schelmisch drein. »Eigentlich schad' - 's Fell hätt' zu 'nem wärmend'n Pelz gereicht.« Almina wiegte den Kopf. »Doch niemals hätt' Rees 's Tier getötet, nur um's Fell abzuzieh'n. Rees sagt, so'n Wolf wär' wichtig, für's Gleichmaß und so.«
Ungläubig blickte Elin in die alten grauen Augen. »Aber Rees kann doch gar nich' sprechen.« Almina lächelte in sich hinein.
»Wir hab'n so 'ne Art, uns zu verständig'n.« Danach fügte sie hinzu: »Manchmal glaub' ich, 's dauert nich' mehr lang und bald wird'r selbst zum wild'n Tier, so allein wie'r hier haust.« Nach kurzem Schweigen nagte erneut die Neugier an der Alten.
»Willste mir nu' nich' doch verraten, woher de kommst?«
Elin überlegte einen Moment. »Ich komm' vom Norden, aus Cardigan, und bin auf dem Weg nach Pembroke.« Almina erwiderte nichts, sondern wartete geduldig, dass sie weiter sprach. »In Pembroke lebt die Schwester meines Dienstherrn.« Elin wog genau ab, was sie erzählen würde und was nicht. »Sie is' dort verheiratet und führt das Haus eines wohlhabenden Wollhändlers. Mein Herr schickt mich zu ihr in den Dienst, als Magd.«
»Gibt's in Pembroke keine Mägde?« Almina musterte sie herausfordernd.
»Für mich wär' die Anstellung dort ein guter Verdienst, besser als jede andere oben in Cardigan. Aus Freundschaft hatte der Herr meinem Vater einst versprochen, stets für mein Wohl zu sorgen. Nach dem frühen Tod meiner Eltern nahm er mich in seinen Dienst, da ich zum Heiraten noch zu jung war. Auch seine eigene Frau war damals an dem Fieber gestorben.«
»Hatteste denn keine Verehrer?« Almina begutachtete Elin von der Seite. »Ich denk', wenn de Beul'n erst weg sin', biste 'n ganz hübsches Ding.« Elin schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht erklären, warum die Männer von Cardigan sie mieden.
»Warum konnteste nich' bei ihm bleib'n?«, wunderte sich Almina.
»Er hat wieder geheiratet.« Zugleich merkte Elin, dass die Alte dies nicht als Begründung hinnehmen würde. Im Gegenteil, im Hause eines verwitweten Mannes würde eine neue Ehefrau für reichlich Ordnung sorgen wollen, und dafür wurden anfangs mehr Bedienstete benötigt als zuvor. Die weise Alte wusste, dass es für Elins Fortgehen eine andere Ursache geben musste.
»Und der neu'n Herrin hat deine Nase nich' gefall'n.« Almina schmunzelte. »Vermutlich, weil se 'm Herrn viel zu gut gefällt.«
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