Der Blondine war das ganz recht. So konnte sie wenigstens ein Auge darauf haben, wie oft er auf die Toilette verschwinden würde. Allerdings ließ die Wirkung der Tropfen auf sich warten, und sie befürchtete schon, dass er immun dagegen wäre.
Erst, als sie in die Maske mussten, wurde es Leon richtig übel und das angestellte Mädchen hatte Mühe, seine unnatürliche Gesichtsfarbe zu überschminken.
„Herr Schneider, Sie sehen wirklich nicht gut aus. Vielleicht sollten Sie kurz an die frische Luft...” Susis Ratschlag endete mit einem kleinen spitzen Schrei, als er sich plötzlich heftig über ihre neuen Schuhe erbrach.
Leon lief bis zu den Ohrenspitzen tiefrot an. Gott, war das peinlich. Er war den Tränen nahe, doch er hielt sich eisern zurück. Diese Blöße wollte er sich nicht auch noch geben.
Susi war nun selbst ganz grün im Gesicht. Ihr Magen verkrampfte sich regelrecht vor Ekel, während sie Putzlappen und einen Wischeimer holte. Sie schaffte es jedoch nur, ihre Schuhe zu säubern. Um den Boden musste sich Leon selber kümmern. Der junge Schauspieler rutschte auf den Knien entlang und versuchte tapfer, das Malheur zu beseitigen, bevor noch mehr Leute davon erfuhren.
*****
Janine fand, dass ihr Serienpartner viel zu lange in der Maske verbrachte. Irgendetwas schien hier nicht zu stimmen. Sie selbst war schon seit geraumer Zeit fertig geschminkt. Dabei war es trotz ihres jugendlichen Aussehens bestimmt schwieriger, sie wie ein Schulmädchen erscheinen zu lassen als Leon auf einen unwiderstehlichen Frauenhelden zu trimmen. Dass er einfach nicht in der Kleiderkammer erschien, um sich das passende Outfit für Roman aushändigen zu lassen, musste wohl bedeuten, dass sich ihr Kollege auf dem Klo eingeschlossen hatte.
Um sich mit eigenen Augen zu überzeugen und die kribbelnde Neugier in ihr zu stillen, wanderte Janine zu dem kleinen Schminkraum, in dem Leon vor einer halben Ewigkeit verschwunden war. Sie hatte nicht einmal wirklich erwartet, ihn hier anzutreffen und ganz sicher nicht, ihn vor ihr auf den Knien hockend zu sehen. Von der Maskenbildnerin war weit und breit keine Spur, und er schaute so aus, als wäre er für einen Auftritt als „Reinigungsfachmann” zurechtgemacht worden.
Janine blieb vor Verwirrung der Mund offen stehen. Als ihr jedoch der üble Geruch von Erbrochenem in die Nase stieg, hatte sie eine Ahnung, was hier los war. Offenbar hatten die Abführtropfen endlich gewirkt, sich aber einen anderen Ausgang gesucht.
Dass der Schauspieler seine Schweinerei selber vom Boden wischen musste, war schon ein starkes Stück. Janine hatte vermutet, dass sie dafür eine gute Fee hatten. Trotzdem kroch ihr das Lachen in den Hals. Sie war sich nur nicht sicher, ob es pure Schadenfreude war oder weil „Leon von der Putztruppe” einfach zum Schreien aussah. Dazu hatte er sich wahrscheinlich bei der Maskenbildnerin unbeliebt gemacht und sie in die Flucht geschlagen. Es lief also alles wie am Schnürchen. Dass sie sich strafbar gemacht hatte, kam Janine im Moment gar nicht in den Sinn.
„Verdammt, Mädel! Was gibt es da zu lachen? Mir geht’s echt scheiße. Hoffentlich gefährde ich heute unseren Dreh nicht.” Leon verstand nicht, was seine Kollegin so amüsant fand. Es war doch deutlich zu erkennen, dass er sich gerade die Seele aus dem Leib gekotzt hatte. Aber anstatt ihm zu helfen, trug sie ein geradezu fieses Grinsen spazieren. Ja, anders konnte man es tatsächlich nicht bezeichnen. Konnte es sein, dass sich Janine immer noch darüber freute, dass sie sich vorerst vielleicht nicht mehr küssen oder streicheln brauchten? Dabei war er so sicher gewesen, dass sie sich im Laufe des Morgens etwas näher gekommen waren und das Kriegsbeil begraben hatten. Sollte er sich so getäuscht und Janines Verhalten völlig falsch interpretiert haben? Es hatte doch ganz den Anschein gehabt, dass sie ihre Feindseligkeiten ihm gegenüber eingestellt hatte, aber danach sah es nun gar nicht mehr aus.
„Tja, da hast du wohl ein Problem. Vielleicht ist das hier alles zu stressig für dich? Was hast du denn vorher gemacht?”
Leon war sich nicht sicher, was Janines Frage zu bedeuten hatte. Sorgte sie sich doch ein wenig um ihn? Oder wollte sie ihm weismachen, dass er ein Weichei war und für so eine lange Fernsehproduktion nicht geeignet war? War ihr Interesse daran, was er früher gemacht hatte, echt? Oder sollte es bloß eine Anspielung sein, dass es nichts Gescheites gewesen sein konnte, wenn er schon bei den ersten anstrengenden Vorbereitungen für die Dreharbeiten zusammenklappte? Er wurde im Moment wirklich nicht schlau aus Janine. Aber leider konnte er auch nicht weiter nachhaken, da in diesem Augenblick die Tür aufgestoßen wurde und ein atemloser Produzent hereingestürzt kam.
„Leon, was ist passiert? Susi hat mir erzählt, dass es dir nicht gut geht.”
Na toll! Nun hatte sich das also auch schon herumgesprochen. Gott, er wäre am liebsten im Erdboden versunken. Leon senkte beschämt den Kopf, versteckte seine tiefroten Wangen hinter dem Wischeimer. Jetzt fehlte bloß noch, dass man auf die Idee kam, er wäre im Bett besser aufgehoben als bei den Dreharbeiten. Tatsächlich schien Richard genau das zu denken.
„Brauchst du einen Arzt, Leon?”
Diese Bemerkung ließ auch Janine aufhorchen, der schlagartig das Grinsen von den Lippen fiel. Zum Glück waren alle viel zu aufgeregt und hatten sie nicht beachtet. Wie hätte sie denn erklären sollen, dass sie einen Grund zum Lachen fand, während Leon mit gequälter Miene auf dem Boden herumkroch? Allerdings war sie noch nicht aus dem Schneider. Ganz im Gegenteil. Ihr war gar nicht in den Sinn gekommen, dass ihr Serienpartner einen Arzt benötigen könnte. Sie hatte ihn auf keinen Fall vergiften wollen. Er sollte doch nur die Dreharbeiten durch ständige Toilettengänge unterbrechen und die Crew damit nerven. Das hätte ihm einen dicken fetten Minuspunkt eingehandelt.
Wenn es jetzt aber wirklich zu einer Untersuchung kommen sollte, würde man leicht feststellen, dass er etwas eingenommen hatte. Er würde sich daran erinnern, dass der Kaffee scheußlich geschmeckt hatte. Vielleicht würde Leon auch einfallen, dass die anderen ihre Tassen mit mehr Genuss geleert hatten und niemanden sonst schlecht geworden war. Falls dann Hanna noch ins Grübeln geriet und ihr Verhalten am Kaffeeautomaten doch als verdächtig einstufte, würde man schnell eins und eins zusammenzählen.
Janine schüttelte sich innerlich, als sie daran dachte, welch ein Ärger auf sie zukommen würde. Verdammt! Sie hätte besser mal ihr Gehirn eingeschaltet, bevor sie diese dumme Aktion startete. Wenn Leon nun wirklich einen Arzt benötigen sollte, konnte man ihr Verhalten nicht einmal mehr als Kavaliersdelikt durchgehen lassen. Man würde sie mit Sicherheit rauswerfen. Wenn publik wurde, was sie getan hatte, konnte sie ihre Schauspielkarriere an den Nagel hängen. Bestimmt würde sie niemand mehr einstellen wollen, weil sie eine Gefahr für ihre Kollegen darstellte.
Janine hätte sich jedes Haar einzeln ausreißen können, weil ihr jetzt erst klar wurde, in welches Schlamassel sie sich reingeritten hatte. Um da wieder rauszukommen, brauchte sie auch noch Leons Mithilfe. Wenn es nicht so ärgerlich wäre, hätte sie darüber lachen können, mit welcher Ironie das Schicksal zurückschlug.
Auf keinen Fall durfte ihr Serienpartner jetzt wegen Krankheit ausfallen. Sie konnte nur hoffen, dass es diesem nach seiner Magenentleerung wieder gut ging. Und auch Leon musste überzeugt werden, dass ein Arztbesuch unnötig war.
„Na, ich denke, Leon wird die Dreharbeiten nicht gefährden und tagelang das Bett hüten wollen. Die Ärzte übertreiben doch immer so. Wahrscheinlich verdienen sie noch eine Menge daran, wenn sie den Patienten einen Haufen unnötiger Behandlungen und Medikamente verschreiben. Oder Leon, geht es dir wirklich so miserabel, dass wir Tage oder gar Wochen auf dich verzichten müssten?”
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