Leons Selbstzweifel schienen sich zu bestätigen, als er auf die anderen zutrat und verkündete, welche Rolle er spielte.
Natürlich musterten ihn alle neugierig. Damit hatte er auch gerechnet. Doch den Gesichtsausdruck der kleinen Blonden konnte er nicht deuten. Diese starrte ihn an aus einer Mischung von... Ja, von was eigentlich? War es Schock, Erstaunen oder gar Ablehnung? Er hatte keine Ahnung. Aber eines war sicher: Begeisterung sah anders aus.
Na, das war ja ein toller Start! Leon kaute verunsichert auf seiner Unterlippe herum, was die Blondine irgendwie noch mehr aus der Fassung geraten ließ. Er konnte schwören, dass sich die Augen der jungen Frau verdunkelten, und das lauter werdende Atmen, das in ein Schnauben überging, konnte er beim besten Willen nicht überhören.
„Und du bist sicherlich Sofia.” Er versuchte zu lächeln, was dermaßen misslang, dass es in einer Grimasse endete.
„Ja, lei...”, setzte die Blondine zum Sprechen an, schluckte den Rest ihres Satzes jedoch hinunter. Aber Leon war auch so sicher, dass sie ihr Bedauern ausdrücken wollte.
Wenn er bloß wüsste, warum sie so eine Abneigung gegen ihn hatte. Nur, weil er vielleicht nicht ihrem Typ entsprach? Das wäre schade. Obwohl Leon nichts von Sex mit fremden Frauen am Hut hatte, fand er es nicht abstoßend, sich die Liebesszenen mit der jungen Dame vorzustellen. Irgendwie war sie süß. Auch wenn die mädchenhafte Frisur, die sie trug, seine eigenen Haare zu Berge stehen ließ.
Seine Nervosität wuchs mit jeder Sekunde, die er damit verbrachte, in diese funkelnden blauen Augen zu starren. Er wusste nicht, wohin mit seinen Händen, seine Kehle war wie zugeschnürt und zu allem Überfluss merkte er auch noch, wie er zu schwitzen begann.
Zum Glück bemerkte Hanna Blechschmidt, eine ältere Kollegin mit vielen Jahren Berufserfahrung, seine Hilflosigkeit und schritt ein, bevor es peinlich für ihn wurde.
„Roman! Endlich! Dann ist ja unsere kleine Familie vollständig. Komm her und stoße mit uns an.” Lächelnd hielt sie ihm ein Glas entgegen, das mit Orangensaft gefüllt war.
Froh, einen Grund zu haben, sich von der undurchsichtigen Blondine erst einmal losreißen zu können, schritt er auf die lebhafte Frau zu.
„Bist du auch so aufgeregt und fieberst unserem ersten Dreh entgegen? Also, ich konnte schon seit zwei Nächten nicht schlafen”, begann sie eine Unterhaltung, an der sich nach und nach alle beteiligten. Alle, bis auf eine gewisse Dame.
Janine blieb erstaunlich ruhig, doch Leon konnte ihre bohrenden Blicke förmlich im Rücken spüren. Er versuchte, sie zu ignorieren und sich lieber auf seine anderen Kollegen zu konzentrieren, die Gott sei Dank sehr nett schienen und offenbar fanden, dass die Rolle des Romans perfekt zu ihm passen würde. Mit der Zeit schwand auch die Unsicherheit des jungen Schauspielers, und er begann, sich wohl zu fühlen.
Matthias Baumann, der den homosexuellen Tommy darstellte, riss einen dreckigen Witz. Über diesen musste Leon gerade herzhaft lachen, als die Produzenten hereintraten und die versammelte Mannschaft baten, sie auf einen kleinen Rundgang durch das Studio zu begleiten. Auf diese Weise konnten die Schauspieler die Kulissen und ihren künftigen Arbeitsplatz besser kennen lernen.
Während sich die meisten um die Brüder Daniel und Richard Meister scharrten, trabte Leon etwas hinterher und fand sich plötzlich neben Janine wieder, die es offenbar auch nicht sonderlich eilig hatte, die Szenerie zu erkunden. In einem Anfall von Mut (oder war es Verzweiflung?) beschloss er, die Gelegenheit zu nutzen und etwas zu klären.
„Du magst mich nicht besonders, oder?” Vorsichtig schielte er zur Seite und versuchte, die Reaktion der jungen Frau zu erhaschen.
Janine zog ein künstliches Überraschungsgesicht. „Wie kommst du denn darauf? Ich kenne dich ja noch gar nicht.”
„Eben. Aber ich denke, wir sollten uns besser kennen lernen und versuchen, uns zu verstehen. Immerhin muss ich dir bald einen Zungenkuss geben.”
„Musst du nicht. Du kannst es dir ja noch anders überlegen und großzügigerweise auf die Rolle verzichten. Ich würde dich nicht aufhalten.”
„Hä?” Leon ging von einem Moment zum anderen der Gesprächsstoff aus. Mit dieser Antwort hatte er überhaupt nicht gerechnet, und er wusste nicht einmal, wie ernst die Blondine sie gemeint hatte. Aber wenn sie glaubte, ihn aus der Serie zu drängen, hatte sie sich geschnitten. Kampfgeist hatte sich plötzlich in seinem Inneren breitgemacht. Vielleicht lag es daran, dass er so gut mit den anderen Schauspielern klar gekommen war. Sie waren in der kurzen Zeit, in der sie sich kannten, noch keine besten Freunde geworden, aber er fühlte, dass die Chance bestand, es zu werden. Er hatte den Eindruck, dass diese Serie etwas ganz Großes für ihn bedeuten könnte. Das würde er sich von der kleinen Querschießerin nicht kaputtmachen lassen.
Wenn Janine es nicht im Guten wollte... Okay! Er konnte auch böse spielen.
Ein paar Stunden später war er immer noch sauer, obwohl er sich Mühe gab, sich von Janine nicht die Laune verderben zu lassen. Aber ihr unmögliches Benehmen hatte seine Spuren bei ihm hinterlassen. Dabei hatte er nicht einmal eine Ahnung, womit er diese Behandlung überhaupt verdient hatte. Er hatte gar nichts Schlimmes verbrochen, oder etwa doch? Aber vielleicht lag es gar nicht an ihm selbst, und Janine war allgemein eine unausstehliche Zicke? Wenn dem so war, musste er sein ganzes schauspielerisches Talent aufbringen, um einen verliebten Mann überzeugend darstellen zu können. Zum Glück musste sein Charakter in der ersten Staffel noch nicht allzu viele Gefühle zeigen. Gott sei Dank wurde auch Sofias „erstes Mal” nicht gleich heute abgedreht. Denn momentan war Leon eher in der Stimmung, Ohrfeigen anstatt Zungenküsse zu verteilen.
Janine war annähernd in derselben Gemütsverfassung. Sie hatte ja gehofft, dass sie einen halbwegs attraktiven Serienpartner bekommen würde. Das würde mit Sicherheit helfen, die vielen Sexszenen zwischen ihnen zu meistern. Trotzdem hatte sie sich nicht SO einen Kerl herbeigesehnt. Himmel, da wäre ihr ja das Rehauge lieber gewesen. Denn mit diesem wären die kommenden Dreharbeiten wesentlich entspannter. Aber mit diesem Kerl da an ihrer Seite... Janine warf einen finsteren Blick auf Leon. Nein, ihr blieb auch wirklich nichts erspart!
„Auch wenn du mich noch so böse anstarrst, ich werde diese tolle Rolle nicht einfach wegwerfen, nur weil du nicht über deinen Schatten springen kannst. Du bist Schauspielerin, oder etwa nicht? Du wirst doch in der Lage sein, deine Abneigung gegen mich während des Drehs auszublenden und kannst wenigstens so tun, als fändest du mich attraktiv. Wenn du das nicht schaffst, dann bist du vielleicht diejenige, die hier fehlbesetzt ist. Schau, ich habe keine Probleme, diese Liebesszenen mit dir zu spielen. Also, wenn ich das hinkriege, solltest du es auch.”
Leon atmete tief durch. Seine kleine Rede hatte ihn regelrecht erschöpft. Soviel Leidenschaft beim Sprechen zeigte er sonst höchstens auf der Bühne, aber nicht im Privatleben. Irgendetwas in ihm hatte die Blondine jedoch angestachelt. Er wusste zwar nicht genau, warum es so in ihm brodelte, doch er spürte, dass er es herauslassen musste, bevor er drohte, daran zu ersticken. Damit schien er nicht nur sich selbst, sondern auch die Frau neben sich überrascht zu haben. Denn mittlerweile schaute ihn Janine an, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen.
Tatsächlich wusste sie nicht, ob sie lachen oder Leon einen Vogel zeigen sollte. Offenbar hatte der Kerl keinen blassen Schimmer, um was es hier überhaupt ging.
Allerdings, wenn sie so darüber nachdachte, war es vielleicht besser, dass er nicht ahnte, was wirklich los war. Dadurch würde es am Ende wohl auch für sie etwas leichter werden, das Ganze durchzuziehen. Und wer weiß, vielleicht entwickelte sich das Alles gar nicht so schlimm, wie sie im Moment befürchtete.
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