Janine nickte betreten. Sie wusste ja selber, dass es ein Fehler gewesen war, sich so gehen zu lassen. Unbeabsichtigterweise hatte sie dadurch Leon einen Vorteil verschafft. Sie musste sich unbedingt etwas einfallen lassen, damit er beim nächsten Dreh die schlechteren Karten in der Hand hatte.
Sie beide ein Traumpaar? Das war doch lächerlich! Nein, auf keinen Fall würde es dazu kommen, dass Leon morgen überzeugend ihren Liebhaber mimen konnte.
Gut, dass sie noch die starken Abführmittel in ihrem Medizinköfferchen hatte, die sie vor einigen Monaten durch ihre damaligen Magenprobleme verschrieben bekommen hatte. Die Tropfen waren so hochwirksam, dass sie sie schon auspacken wollte, weil sie sie ohnehin nicht noch einmal brauchen würde. So hatte sie jedenfalls gedacht. Sie musste wohl so etwas wie den siebten Sinn gehabt haben, dass sie es letztendlich doch nicht getan hatte.
In Leons Frühstückskaffee würden sie ihr von großem Nutzen sein. Oh ja, der Mann würde morgen keine Freude bei der Arbeit haben. Er würde die ganze Crew nerven und womöglich als unzuverlässig gelten, weil er seinen Hintern nicht von der Klobrille bekam.
Janine grinste. Ja, sie war diejenige, die morgen viel Spaß haben würde.
*****
Der Tag begann schon 5 Uhr morgens. Im Halbschlaf taumelte Leon in den kleinen Speiseraum, wo die Crew gemeinsam frühstücken sollte. Der Braunhaarige hatte Mühe, die Augen offen zu halten. Er war weiß Gott kein Morgenmensch und brauchte erst mal einen anständigen Kaffee, um überhaupt irgendwie in die Gänge zu kommen.
Diese unchristlichen Arbeitszeiten waren der einzige Nachteil in seinem sonst so geliebten Beruf. Viel Ausschlafen konnte er nicht. Na, zum Glück brachte ihn eine ausreichende Portion Koffein normalerweise auf Hochtouren.
Janine hatte das Fläschchen mit den Abführtropfen sicher in der tiefen Tasche ihres Morgenmantels verstaut. In Gegensatz zu Leon war sie bereits putzmunter. Trotzdem hatte sie sich nicht die Mühe gemacht, sich vollständig anzukleiden, sondern nur einen Umhang um ihren Pyjama geschlungen. Sie wollte unbedingt vor ihrem Kollegen am Frühstückstisch sitzen. So hätte sie länger Zeit und mehr Chancen, seinen Kaffee mit dem Mittelchen unauffällig zu würzen. Außerdem hoffte sie, dass Leon nicht allzu spät erscheinen würde und noch nicht viele „Zeugen” anwesend waren.
Tatsächlich schien das Glück heute auf ihrer Seite zu stehen, da lediglich Hanna, Tobias und Birte bislang den Weg zum Frühstücksbüfett gefunden hatten. Von ihnen war offenbar noch niemand richtig wach und aufmerksam.
Leon hatte ebenfalls Schlitzaugen wie ein Chinese und ließ sich idealerweise auf den Stuhl neben sie plumpsen. Seine anschließende Ansprache über ein Friedensangebot war dagegen nur schwer verständlich, da sie durch ständiges Gähnen unterbrochen und in die Länge gezogen wurde.
„Meine Güte, das ist ja furchtbar. Ich werde dir erst mal einen Kaffee einschenken”, seufzte Janine, erhob sich und schlenderte grinsend zum Kaffeeautomaten. Das klappte doch wie am Schnürchen. Besser hätte es gar nicht laufen können.
Sie platzierte sich so vor dem dampfenden Gerät, dass niemand vom Tisch aus ihre Hände beobachten konnte. Unauffällig angelte sie das Fläschchen aus ihrer Manteltasche und schüttete ein paar Tropfen davon in die Tasse, während diese mit Kaffee gefüllt wurde.
„Kannst du für mich auch gleich auf den Knopf drücken? Ich brauche noch mehr von dem Zeug, jetzt mitten in der Nacht.”
Hannas’ Stimme hinter ihr erschreckte sie so sehr, dass ihr aus Versehen ein großer Schluck Medizin in die Tasse schwappte. Na hoffentlich war das nicht zu viel des Guten!
Geschickt ließ Janine die kleine Flasche in ihrer Handfläche und anschließend wieder in der Manteltasche verschwinden. Jetzt konnte sie nur noch beten, dass die ältere Frau nichts gemerkt hatte. Deren rätselhaftem Blick konnte man nichts entnehmen. Da sie aber nichts sagte, atmete die Blondine tief durch. Der erste Teil ihres Planes ging offenbar gut. Nun musste sie noch hoffen, dass nicht zu viele Abführtropfen im Kaffee schwammen. Dabei machte sie sich nicht einmal so sehr Sorgen, dass Leon seinen gesamten Darminhalt verlieren könnte, sondern vielmehr darum, dass er die leicht bittere Medizin herausschmecken würde. Dann würde sie sofort auffliegen.
Janines Hand zitterte deshalb etwas, als sie für Hanna auf den Automatenknopf drückte. Als sie schließlich zum Frühstückstisch zurückkehrte, hatte sie immer noch Mühe, den Inhalt in der Tasse zu behalten.
Eine Karriere als Kriminelle kam für sie sicher nicht in Frage. Dafür war sie einfach nicht abgebrüht genug. Ja, sie musste sogar zweimal ansetzen, um „Bitte schön, dein Kaffee” ohne verdächtiges Krächzen oder Stocken herauszubekommen. Als Leon sie freudestrahlend anschaute, hatte sie Mühe, das aufkeimende schlechte Gewissen abzuschütteln.
Der arglose Mann verspürte ein warmes Gefühl in seinem Bauch, noch bevor er überhaupt den ersten Schluck der heißen Flüssigkeit zu sich genommen hatte. Er betrachtete Janines Geste als Friedensangebot, und die Glückshormone begannen in ihm zu tanzen. Warum hatte er sich eigentlich solche Sorgen gemacht und die halbe Nacht wachgelegen? Es bestand kein Grund dafür. Das würde bestimmt ein ganz toller Tag werden.
Janine fühlte sich für einen Moment richtig mies, als sie das Leuchten in Leons Augen bemerkte. Es war fast eine Erleichterung, dass sie ein Stromschlag durchfuhr, als sie seine Fingerspitzen berührten. Denn sie hätte beinahe die Tasse fallengelassen, was ihr wieder einmal deutlich machte, dass es besser war, es nicht zu intimen Szenen zwischen ihnen kommen zu lassen.
Aus Wut auf ihre eigene Reaktion war Janines Gewissen tatsächlich etwas beruhigt, und sie beobachtete geradezu schadenfroh, wie Leon einen Teil des Kaffees hinunterschluckte.
Brrrr. Leon schüttelte sich. Das Gebräu schmeckte ja widerlich. Wahrscheinlich hätte eine einfache Kaffeemaschine bessere Arbeit geliefert als dieser riesige Automat, der bestimmt schon halb verkalkt war und kein ordentliches Aroma herbeizaubern konnte. Wenn er nicht dermaßen auf sein morgendliches Koffein angewiesen wäre, hätte er den Rest in den Ausguss geschüttet. So aber würgte er sich den gesamten Inhalt der Tasse hinunter und wunderte sich nur, dass die anderen ihren Kaffee ohne angewiderte Miene tranken.
Schnell schmierte er sich ein Brötchen, um den ekligen Geschmack aus seinen Mund zu bekommen. Obwohl er normalerweise noch mehr Kaffee brauchte, konnte er sich nicht überwinden, dieses „Geschmackserlebnis” noch einmal durchzustehen und zog stattdessen Orangensaft vor. Gott sei Dank war dieser keine Beleidigung für den Gaumen.
Janine war mit dem Ablauf des Frühstücks rundum zufrieden. Offenbar hatte Leon keinen Verdacht geschöpft. Dass sich der Braunhaarige keinen Kaffee nachgeschenkt hatte, war eine glückliche Fügung. So hatte er keinen Unterschied feststellen können und glaubte tatsächlich, dass der Automat auf den Müll gehörte. Janine musste aufpassen, dass sie nicht anfing zu lachen und sich verriet, als ihr Leon später sein Leid klagte.
„So ein Koffeinjunkie wie ich ist eigentlich hart im Nehmen. Aber was wir heute Morgen geboten bekommen haben, ist eine Zumutung gewesen. Irgendwie ist mir immer noch schlecht davon. Sag bloß, dir ist dieses widerliche Gesöff nicht auf den Magen geschlagen?” Leon schaute ihr fragend ins Gesicht, aber sie tat nur überrascht und schüttelte den Kopf.
Da zuerst einige Szenen mit den Charakteren Natascha und Frank auf dem Programm standen, hatten sie noch ein wenig Zeit bis zu ihrem Auftritt. Leon glaubte, dass sie nur als gute Freunde auf dem Bildschirm überzeugend wirken könnten. Deshalb wich er Janine nicht mehr von der Seite und versuchte, ihre Aufmerksamkeit mit Smalltalk auf sich zu ziehen.
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