„Ich glaube, du hast dir da etwas in den Kopf gesetzt, dass nicht zu bewerkstelligen ist“, sagte sie zu ihrem Schwiegersohn.
„Das lass nur meine Sorge sein. Ich werde einen richtigen Mann aus ihm machen, und nicht eins von den verweichlichten Muttersöhnchen. Obwohl, die Gefahr besteht ohnehin nicht, da Tallulah ihn wie einen Fremdkörper behandelt. Das spürt der Kleine und leidet darunter.“
„Zum Thema Mutterliebe: Du darfst das Tallulah nicht übel nehmen. Sie ist ja selbst noch ein halbes Kind und einfach überfordert.“
„Und das von dir?“
„Ja, ich bin realistisch genug, das zu erkennen. Du kannst mir glauben, dass ich mir auch etwas Besseres denken könnte, als in meinem Alter noch mal Mutterpflichten zu übernehmen, aber was bleibt mir anderes übrig?“
„Ich finde es großartig, wie du das machst.“
„Spar dir deinen Schmus. Ich weiß, dass du lieber eine andere Kassiererin beschäftigst, als eine Nanny, weil dich das auf Dauer billiger kommt. Und jetzt zu Joe: Hast du mal daran gedacht, dass er womöglich vom Knochenbau nicht geeignet ist, deine hochtrabenden Pläne zu erfüllen?“
„Ach Quatsch. Knochenbau ist die eine Sache, Muskeln, die die Knochen stützen, die andere. Du wirst sehen, in ein paar Jahren kann er uns auf einer Hand tragen.“
„Und wenn nicht? Wirst du ihn dann weniger lieben?“
„Bullshit, du wirst sehen, dass ich Recht behalte.“
Das war ein weiterer Irrtum von James, und Rosalind sollte mit ihren Bedenken Recht behalten. Aber es sollte noch weitaus schlimmer kommen.
Tallulah schien das alles nicht zu interessieren. Nach einer mehr als kurzen Mutterpause hatte sie alsbald wieder zu arbeiten angefangen und sonnte sich wie eh und je in der Gunst des vor allen Dingen männlichen Publikums. Sie trug ihre Haare jetzt weißblond aufgehellt, was James nicht sonderlich gefiel. Er fand es billig, und meinte, keine Lust zu haben, mit einer jungen Frau, die die Haarfarbe einer Greisin hatte, ins Bett zu gehen. Diese Angelegenheit wurde mit der Zeit sowieso immer seltener. Tallulah wollte unbedingt vermeiden, erneut schwanger zu werden, und fand nicht mehr so viel Interesse an James. Dafür mehr an einem jungen Burschen, der drüben auf der Achterbahn arbeitete. Ein schwarzlockiger, feuriger Kerl mit italienischen Wurzeln, der zwar gehörigen Respekt vor James hatte, aber dennoch seine Triebe nicht unter Kontrolle. Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis es zu einer Katastrophe kommen musste.
Die kam dann von ganz anderer Seite. Diesmal verletzte sich Joe bei seinem Krafttraining so schwer an der Wirbelsäule, dass er in eine Klinik gebracht werden musste. Dort wurde dann die niederschmetternde Diagnose gestellt, dass er an Osteogenesis imperfecta litt, die umgangssprachlich als Glasknochenkrankheit bezeichnet wird, weil die Knochen der betroffenen Patienten leicht wie Glas brechen. Unter den vielen Symptomen gab es Kleinwuchs, Deformierungen des Skeletts und der Wirbelsäule, schwache Muskulatur und überdehnbare Gelenke.
Als Joe nach wochenlangem Krankenhausaufenthalt entlassen wurde, musste er anfangs im Rollstuhl gefahren werden und später ein Stahlkorsett tragen, um der Gefahr eines Wirbelbruchs zu entgehen. Jeglicher Lebensmut schien aus dem Kind gewichen zu sein, und es bettelte förmlich um Liebe und Aufmerksamkeit.
Tallulah nutzte jede freie Minute, um heimlich die Zaubershows von Mr. Magic aufzusuchen. Denn auch sie war von dem Mann fasziniert. Notgedrungen nahm sie Joe in seinem Rollstuhl mit, stellte ihn aber wie ein Gepäckstück an der seitlichen Wand neben den Besucherreihen ab. Mit leuchtenden Augen verfolgte sie das Geschehen auf der Bühne und träumte davon, an Wolinskis Seite agieren zu können. Kurzzeitig vergaß sie dabei sogar, dass sie in Hinsicht auf ihre künftige Karriere ganz andere Pläne hatte. Wie wunderbar wäre es doch mit diesem Mann die Welt bereisen zu können, dachte sie. Die Tatsache, dass Thadeus nicht mehr reisen wollte und eine ebenso schöne Frau hatte, war für Tallulah nebensächlich. In ihrer grenzenlosen Selbstüberschätzung war sie der Meinung, dass Konkurrenz das Geschäft belebe und jederzeit ausgeschaltet werden könne.
Mr. Magic zeigte bis dahin nie da Gewesenes. Eine seiner Glanznummern war „Die zersägte Jungfrau“, ein Trick, der noch Jahrzehntelang zum Programm eines Illusionisten gehören sollte. Dabei legte sich die Assistentin in eine Kiste, und wie jeder sehen konnte, schauten an der einen Seite ihr Kopf und an der anderen ihre Füße heraus. Der Zauberer nahm eine große Säge und begann, die Kiste in der Mitte durchzusägen. Zu diesem Zeitpunkt fielen schon die ersten Damen im Publikum in Ohnmacht.
Tallulahs wacher Verstand ließ sie hinter der Aktion einen einfachen Trick vermuten, einen, den freilich Magier, Illusionisten oder Zauberer wie einen Schatz hüteten, denn es gab so etwas wie einen Ehrenkodex innerhalb dieser Zunft. Erst ein Dreivierteljahrhundert später sollte „ein schwarzes Schaf“ unter ihnen über das Fernsehen die meisten der spektakulären Tricks verraten. Eine Maskierung, die das ganze Gesicht und selbst die Hände bedeckte, sollte ihn bei der Vorführung vor dem Zorn seiner Kollegen schützen, denn sein Verrat brachte auch Morddrohungen mit sich.
An jenem Tag wurde wieder einmal eine Show von einer Frau unterbrochen. Dabei handelte es sich nicht um das Programm von James March und seiner Truppe, sondern um das von Mr. Magic auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Thadeus Wolinski hatte gerade sein schauriges Werk vollbracht und die beiden Kistenteile auseinandergeklappt, als Betty Jones die Bühne stürmte und wild auf ihn einschlug.
Sie war nach einem längeren Sanatoriumsaufenthalt ins Leben zurückgekehrt und wagte sich zum ersten Mal erneut auf das Terrain von Coney Island. Bei der Vorführung von Mr. Magic, der unbelebte Gegenstände in lebendige verwandelte, und umgekehrt, war ihr plötzlich klar geworden, wer für das Verschwinden von Ehemann Elmer und Söhnchen Tommy verantwortlich war. Freilich eine Logik, die nur sie nachvollziehen konnte, denn Wolinski war Betty und ihrer Familie bis dahin nie begegnet.
„Was haben Sie mit Elmer und Tommy gemacht?“, schrie sie völlig außer sich.
Thadeus war einen Moment völlig überfordert mit der Situation. Er wusste nicht einmal, was die Frau von ihm wollte. Im irritierten Publikum hörte man erste Unmutsäußerungen. Einige schimpften laut, andere warteten ab, weil sie nicht sicher waren, ob der Zwischenfall zum Programm gehörte, wie bei James’ Wonderland. Die arme Elsa verharrte erschrocken im linken Teil der Kiste, ohne zu wagen, sich aus der Enge zu befreien. Ihre Augen drückten nur Entsetzen und grenzenlose Verwirrung aus. Noch schlimmer erging es ihrer Kollegin Hulda, deren Füße mit einem gleichen Paar Schuhe wie Elsa sie trug aus dem anderen Teil der Kiste herausschauten. Es war ein gewaltiger Unterschied, ob sie nur wenige Minuten oder für längere Zeit mit dem Kopf in der dunklen Kiste steckte, noch dazu in sehr unbequemer Körperhaltung. Deshalb begann sie wild zu strampeln, soweit sie überhaupt dazu in der Lage war. Jetzt fiel ein weiterer nicht unerheblicher Teil des weiblichen Publikums in Ohnmacht.
Wolinski ließ schließlich den Vorhang fallen und befreite hinter einer schützenden Wand beide Frauen aus ihrer Zwangslage. Woraufhin Hulda schnell entwischte, damit der Trick nicht durchschaut wurde. Der Magier konnte das nur deshalb ungestört tun, weil zwei Männer aus dem Publikum die wild um sich schlagende Betty festhielten. Während sich zwei Sanitäter um die ohnmächtigen Zuschauerrinnen kümmerten, hatte man einen Cop informiert, der für das entsprechende Terrain zuständig war. Der Zufall oder die Vorsehung wollten es, dass es sich um denselben Mann handelte, dem Betty damals auf der Suche nach ihrer Familie in die Arme gelaufen war.
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